Limmattal
Detailhändler mit wenig Zuversicht: Mit Durchhalteparolen ins neue Jahr

Der regionale Detailhandel im Limmattal geht mit wenig Zuversicht in die kommenden Monate. «Es herrscht eine gewisse Ohnmacht vor.» Das Jahr 2016 könnte noch schwieriger werden als das vergangene Jahr.

Tobias Hänni
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Trübe Aussichten: Die Detailhändler in der Region rechnen auch 2016 mit einem schlechten Geschäftsjahr. Hae

Trübe Aussichten: Die Detailhändler in der Region rechnen auch 2016 mit einem schlechten Geschäftsjahr. Hae

Tobias Hänni

Philipp Locher ist seit über 47 Jahren Drogist. Doch gegen die schwierigen Rahmenbedingungen, unter denen die Schlieremer Detailhändler im neuen Jahr ihre Geschäfte betreiben müssen, hat er kein Rezept. «Es herrscht eine gewisse Ohnmacht vor», sagt der Präsident der Detaillistenvereinigung Pro Schlieren über den Gemütszustand der Ladenbesitzer. Bereits 2015 sei ein hartes Geschäftsjahr gewesen, die Kundschaft habe sehr zurückhaltend eingekauft.

«Zurückhaltend» ist denn auch seine Prognose für die kommenden 12 Monate, in denen es seiner Meinung nach «noch schwieriger werden könnte».

In seinen drei Drogerien in Schlieren, Dietikon und Geroldswil beobachtete Locher letztes Jahr einen markanten Rückgang der Kundenfrequenz. Und er befürchtet 2016 eine ähnliche Entwicklung. «In diese spielen verschiedene Faktoren hinein», sagt er. Der starke Franken, der die Konsumenten zum Shoppen ins grenznahe Ausland fahren lasse, die wachsende Konkurrenz des Onlinehandels, ein verändertes Einkaufsverhalten bei der jüngeren Generation. «Während unsere Stammkunden langsam wegsterben, ist es den jüngeren Konsumenten egal, wo sie einkaufen.»

Schweizweit für 11 Milliarden im Ausland eingekauft

Nach einem schwierigen Geschäftsjahr 2015 könnte es für den Schweizer Detailhandel in den kommenden 12 Monaten wieder etwas bergauf gehen. Das schreibt zumindest die Credit Suisse in einer kürzlich veröffentlichten Studie. Darin geht die Grossbank für die Branche von einem leichten Wachstum von 0,3 Prozent aus und erklärt dies mit höheren verfügbaren Einkommen und einer Zunahme der Bevölkerungszahl im kommenden Jahr.
Im vergangenen Jahr sind die Umsätze der Schweizer Detaillisten gemäss der CS-Studie um 0,4 Prozent zurückgegangen. Nur ein Drittel der für die Studie befragten Händler und Hersteller erreichte 2015 seine Umsatzziele, ein Fünftel verfehlte sie sogar deutlich. Verantwortlich dafür war einerseits der durch den starken Franken befeuerte Einkaufstourismus im Ausland. Dieser erreichte laut der CS – Einkäufe in Läden und im Internet zusammengenommen – ein Volumen von 11 Milliarden. Anderseits war die Stimmung bei den Konsumenten im letzten Jahr schlecht – Meldungen zu Stellenreduktionen und globalen Krisen wirkten sich negativ auf die Kauflaune aus. (Hae)

Billiges Benzin ist schlecht

Wenig hilfreich ist laut Locher für die Detailhändler der derzeit rekordtiefe Ölpreis. «Billiges Benzin macht es für die Konsumenten noch attraktiver, zum Einkaufen nach Deutschland zu fahren», sagt Locher. Das Wachstum des Einkaufstourismus (siehe Kasten) würde aus Lochers Sicht auch eine allfällige Abwertung des Frankens nicht erheblich bremsen. «Das Problem ist ja nicht nur der Wechselkurs. Auch die Rückerstattung der Mehrwertsteuer macht das Einkaufen im Ausland attraktiver als in der Schweiz.»

Die eigenen Preise zu senken, um mit der ausländischen (Online-)Konkurrenz mithalten zu können, wäre aus Lochers Sicht für die hiesigen Läden nur mit negativen Nebeneffekten umsetzbar. «Die Konsequenz wäre, weniger Mitarbeiter zu beschäftigen und weniger Lehrlinge auszubilden.» Dies sei keine ideale Lösung, «aber eine Option.» Zu dieser gehöre auch, bei einem Personalabbau die Spitzenzeiten im Verkauf vermehrt mit Aushilfen abzudecken. Abgesehen davon bleibe den Detailhändlern nur, sich in Durchhalteparolen zu üben.

Umsatz wird nicht steigen

In Dietikon setzt Elio Frapolli, Präsident der Vereinigung Zentrum Dietikon (VZD), derweil auf Berufsoptimismus. «Es hilft nicht, wenn wir die Kunden mit einem ‹Lätsch› begrüssen», ist er überzeugt, auch wenn er ebenfalls «recht verhalten» ins neue Jahr blickt: Die Mitglieder des VZD könnten froh sein, wenn die Umsätze 2016 auf dem Niveau vom Vorjahr blieben. Das hat für Frapolli nicht hauptsächlich mit dem Einkaufstourismus im Ausland zu tun – «der betrifft die mehrheitlich kleinen Läden im Zentrum nicht so stark.» Die grossen Einkaufszentren in der Silbern und in Spreitenbach seien die grössere Konkurrenz. Auch «globale Verwerfungen», etwa die Krise im Nahen Osten, wirkten sich negativ aufs Geschäfts aus. «Es ist ein emotionales Problem: Die Leute haben angesichts ständiger Negativmeldungen keine Lust zum Einkaufen», sagt er. Diesbezüglich mache sich die Weltlage auch im Lokalen immer stärker bemerkbar.

Als Massnahme gegen die Zurückhaltung der Konsumenten nennt Frapolli «Herzlichkeit, Freundlichkeit und eine motivierte Kundenbetreuung». Die Geschäfte müssten ihren Kunden einen Zusatznutzen bieten, etwa in Form von kompetenter Beratung. Letztlich müsse die Branche lernen, mit den schwierigen Rahmenbedingungen zu leben. Dazu gehört für Frapolli auch, das Sortiment zu reduzieren oder personelle Konsequenzen zu ziehen, und etwa Mitarbeiter nur noch Teil- statt Vollzeit anzustellen.

Auch wenn 2016 für die Geschäfte im Dietiker Zentrum ein schwieriges Jahr werden dürfte, haben sie laut Frapolli einen guten Grund, zuversichtlich auf die Zeit danach zu blicken. «Mit dem Bau der Limmattalbahn wird es ab 2017 Investitionen der Bahn-Betreiber, Immobilienbesitzer und der Stadt geben müssen.» Dies wird aus Sicht des VZD-Präsidenten zu einer «notwendigen Attraktivitätssteigerung» führen.

Der Gewerbeverband ist verhalten zuversichtlich

Während die Detailhändler in Schlieren und Dietikon (Text oben) eher pessimistisch ins neue Jahr starten, wagt Gregor Biffiger (SVP) für die gesamte Wirtschaft in der Region eine «verhalten zuversichtliche» Prognose. Der Präsident des Gewerbeverbands Limmattal ist überzeugt, dass die «regionale Wirtschaft die Herausforderungen stemmen kann». Allerdings müssen für ihn einzelne Branchen differenziert betrachtet werden.
Für Exportunternehmen bleibt es laut Biffiger angesichts des starken Frankens auch im neuen Jahr schwierig. Diese Einschätzung deckt sich mit jüngsten Prognosen zur nationalen Wirtschaft, wonach die Aufhebung des Euro-Mindestkurses im vergangenen Januar auch 2016 noch nachwirken wird. «Allerdings finden sich viele Exportfirmen in der neuen Situation bereits erstaunlich gut zurecht», so Biffiger. Auch wenn es für Unternehmen schwierig sei, in kurzer Zeit zu reagieren, habe der Frankenschock vielerorts zu einem schnellen Umdenken geführt. So hatte der gestiegene Druck auch belebende Wirkung, wie Biffiger sagt. Firmen hätten ihre Strukturen umgehend analysiert und verschlankt. «Und es wurden Leistungen verbessert, die zuvor bloss durchschnittlich oder gar unterdurchschnittlich waren.»
Die Baubranche so Biffiger, habe in der Region langsam «die Decke erreicht», was Neubauten angehe. «Mittlerweile besteht ein Überangebot.» Positiv dürfte sich laut dem Präsidenten des Gewerbeverbands im neuen Jahr aber der Sanierungsbedarf auswirken, der «bei vielen Liegenschaften im Limmattal» besteht. Begünstigend wirkten sich diesbezüglich die tiefen Zinsen aus, die es Immobilieneigentümern erlaube, für Sanierungsprojekte günstige Kredite aufzunehmen oder dafür ersparte Mittel einzusetzen. «Ich hoffe deshalb, dass die Nationalbank 2016 den Leitzins noch geraume Zeit nicht erhöht», sagt Biffiger. Der Ölpreis, der kürzlich den tiefsten Wert seit über zehn Jahren erreicht hat, ist aus seiner Sicht für die energieintensive Baubranche nicht ausschliesslich ein Segen. «Hauseigentümer warten etwa mit dem Ersatz ihrer Öl- oder Gasheizungen zu – was für Baufirmen weniger Aufträge bedeutet.» Für die regionale Dienstleistungsbranche ist Biffiger am zuversichtlichsten. «Besonders Firmen, die eine hoch qualifizierte oder spezialisierte Dienstleistung erbringen, werden im neuen Jahr am wenigsten unter den schwierigen Rahmenbedingungen leiden.»
Gute Durchmischung hilft
Zu einer ähnlichen Prognose wie Biffiger kommt Andreas Geistlich (FDP), Co-Präsident der Wirtschaftskammer Schlieren. Der Schock nach der Aufhebung des Mindestwechselkurses sei im letzten Jahr zwar weniger gross gewesen als erwartet. «Aber er ist noch nicht zu Ende», sagt Geistlich. Der strukturelle Druck durch den starken Franken bleibe hoch. Dank einer guten Durchmischung werde die Limmattaler Wirtschaft diesen aber «unter dem Strich» absorbieren können. Allerdings sei es nicht auszuschliessen, dass Betriebe aus gewissen Branchen zu weiteren Kostensenkungsmassnahmen gezwungen sein werden. «Die Arbeitslosenquote dürfte deshalb leider hoch bleiben.» Als «grosse Unsicherheitsfaktoren» für die regionale Wirtschaft bezeichnet Geistlich die Regelung der Zuwanderung und die Zukunft des Marktzugangs zum europäischen Wirtschaftsraum. Ausserdem machen der Schlieremer Wirtschaftskammer laut ihrem Präsidenten die Entwicklungen in den Schwellenländern Sorgen.
Von einer «besseren Entwicklung» als 2015 geht Nils Planzer aus, CEO der Planzer AG in Dietikon, die in der Region zu den grössten Arbeitgebern gehört. Planzer sieht für sein Unternehmen vor allem im Onlinehandel Wachstumschancen. «Wir liefern vermehrt grössere Produkte an Endkunden aus, etwa Flachbildschirme oder Waschmaschinen.» Das günstige Rohöl habe hingegen keine positive Auswirkung auf den Geschäftsgang. «Wir arbeiten mit einem System, bei dem Schwankungen beim Dieselpreis ausgeglichen werden und Einsparungen an unsere Kunden weitergegeben werden.»