Der Halbkreis, bestehend aus Muslimen und Christen, gibt Anlass zur Besorgnis. Die Vertreter der Limmattaler Moscheen stehen bei der gestrigen Eröffnung der «Begegnung der Religionen» auf der einen Seite des Kirchplatzes, die Protestanten und Katholiken auf der anderen. Ein religionsübergreifendes Bedürfnis wirkt dann glücklicherweise schnell als Eisbrecher. Das traditionelle Baklava-Gebäck zieht die Leute ans Buffet und animiert beide Seiten zum Dialog. In Dietikon sollte das gestern begonnene, mehrtägige islamische Opferfest Muslime und Christen zusammenführen.

Die Menschen kennen lernen

Dialog zwischen den Religionen sei wichtig, sagt Elfriede Haug, die als Vertreterin der reformierten Kirchenpflege Dietikon auf den Kirchplatz gekommen ist. Lernten die Leute einander persönlich kennen, dann würden beide Seiten die ganz normalen Menschen hinter einem Muslim oder einem Christen sehen. «Deshalb sage ich den Leuten bei meinen Moscheebesuchen oft, sie sollten sich in Dietikon doch einfach mal unters Volk mischen, etwa, indem sie auf dem Wochenmarkt einkaufen gehen», so Haug. «Durch den Kontakt lernen die verschiedenen Religionen, einander zu verstehen», sagt Peter Müdespacher von der reformierten Kirchgemeinde. Wie aber kommt man mit einer anderen Religion in Kontakt, wenn nicht gerade Feiertagsgebäck im Stadtzentrum verteilt wird? «Durch Ehrlichkeit», lautet die Antwort von Beghar Algega. Die Muslima ist mit ihrer Tochter zur Begegnung gekommen.

Das Misstrauen gegen Muslime hätte sich seit der Häufung islamistischen Terrors verstärkt. Das macht ihr zu schaffen. «Wir wollen den Leuten klar machen, dass nicht alle Menschen gleich und nicht alle Terroristen sind.» Von dieser Tatsache muss die 78-jährige Lisa Steger nicht erst überzeugt werden. «Meine Wohnung ist gegenüber einer Moschee und von meinem Balkon winke ich oft den Leuten zu, die dort ein- und ausgehen.» Schnell einmal habe man ihr zurückgewinkt und sie auf der Strasse auch gegrüsst. Weshalb Steger immer so freundlich zu ihm sei, habe sie der Herr aus der Moschee einst gefragt. «Weil Sie es zu mir auch sind, sagte ich da.»

Am Buffet diskutieren Mehdi Fadil von der Schlieremer Moschee und Rosita Jost intensiv über heikle Passagen des Korans und der Bibel. «Genau solche Gespräche braucht es zwischen unseren Religionen», sagt Fadil, nachdem sich die beiden auf ein Unentschieden geeinigt haben. Auch der Unternehmer und ehemalige reformierte Kirchenpflegepräsident Dietrich Pestalozzi ist am Begegnungsmorgen dabei. Er würde eine umgekehrte Version eines solchen Anlasses, also die Einladung von Muslimen zu einem christlichen Feiertag, spannend finden. So könnten abwechselnd beide Religionen beweisen, dass sie an der jeweils anderen Interesse hätten.

Wo sind die Frauen?

Auffallend ist, dass sich fast keine muslimischen Frauen an der Begegnung der Religionen einfinden. «Weil am heutigen Feiertag viel gegessen wird, sind die Frauen zu Hause. Sie kochen», lautet die spontane Antwort der Männer. Wäre es denn nicht von Vorteil, wenn ihre Frauen auch in Dialog mit anderen Religionen treten? Es stimme, dass sich die islamischen Gemeinschaften beim nächsten Anlass um die Präsenz von Frauen bemühen müsse, sagt Cengiz Yükseldi, Vorstandspräsident der schweizerisch-islamischen Gemeinschaft Dietikon.
Man habe bei der Organisation vor allem darauf geachtet, dass genügend Teilnehmer anwesend seien. Dabei seien die Frauen etwas untergegangen. Im Gespräch wird spürbar, dass Anwesenheit von Frauen für einen fruchtbaren Dialog förderlich wäre. Denn trotz Toleranz und Offenheit gegenüber anderen Religionen kann der eine oder andere Nicht-Muslim auf dem Kirchplatz mit der islamischen Haarbedeckung nichts anfangen.