Dietikon

Der Zwingli-Film hat die 71-Jährige zum Übertritt in die Reformierte Kirche bewogen

«Einerseits empörte ich mich darüber, was die Kirche macht, doch andererseits relativierte ich die Beobachtungen – wegen der vielen guten Tätigkeiten, die die Katholische Kirche fördert.»

«Einerseits empörte ich mich darüber, was die Kirche macht, doch andererseits relativierte ich die Beobachtungen – wegen der vielen guten Tätigkeiten, die die Katholische Kirche fördert.»

Jährlich treten rund 450 Leute in die Reformierte Kirche ein. Die Dietikerin Ursula Eisenring tat es mit 71. In ihrer Teenagerzeit wurde Eisenrings Verhältnis zur Kirche komplizierter. Mehr und mehr störte sie die indoktrinierende und Angst machende Seite.

2019 erschien Ursula Eisenring gleich in zwei Statistiken: Einerseits trat sie aus der römisch-katholischen Kirche aus, andererseits trat sie in die Reformierte Kirche ein. Über fünf Jahre gesehen treten pro Jahr durchschnittlich 453 Personen in diese Kirche ein. Das ist darum interessant, weil beide Kirchen seit Jahren mit einem Rückgang der Mitglieder kämpfen. «Lange war ich katholisch, ohne gross über die Reichweite dieser Tatsache nachzudenken», sagt die 71-jährige Dietikerin. Sie zahlte Kirchensteuern, «um eine soziale Institution zu unterstützen». Gleichzeitig empörte sie sich über die Missbrauchsskandale, die besonders im 2010 und 2018 publik wurden. «Doch es kam mir nicht in den Sinn, die Mitgliedschaft aufzugeben.»

Bereits als Kind hatte Eisenring die Kirche besucht. Nicht nur für sich, sondern auch für die Eltern. Ihre Mutter, so Eisenring, habe ihr gesagt: «Ich ging so viel hin, ich muss jetzt nicht mehr. Du gehst dafür auch für uns.» Als Eisenring noch ein Kind war, hat die Katholische Kirche für sie etwas Mystisches und Zauberhaftes ausgestrahlt, wie sie sagt. «Das ganze Brimborium faszinierte mich.» Sie ist getauft, gefirmt und als Kind übernahm sie die Aufgaben einer Jugendgruppenleiterin.

Das Beichten lag ihr schwer auf dem Magen

In ihrer Teenagerzeit wurde Eisenrings Verhältnis zur Kirche komplizierter. Mehr und mehr störte sie die indoktrinierende und Angst machende Seite. Besonders das Beichten lag ihr schwer auf dem Magen. «Ich hatte ein schlechtes Gewissen und dachte, ich kann doch nicht alles beichten, was ich hätte beichten müssen.» Sie begann, die Kirche zu hinterfragen. Zu dieser Zeit hatte Eisenring ihren ersten Freund. Wenn sie sich mit ihm verabredete, sagte sie ihrer Mutter, sie gehe in die Kirche. Sie ging tatsächlich, verliess diese jedoch nach wenigen Minuten wieder und traf sich mit ihrem Freund. «Irgendwann dachte ich, das geht nicht mehr. Das sind zu viele Sünden», sagt sie. Als eine Katechetin ihr dann gesagt habe, man könne auch in die Bussmesse gehen, das bewirke das Gleiche wie die Beichte, sei sie sehr entlastet und beruhigt gewesen.

Ab dem 25. Lebensjahr blieb sie der Kirche meist fern. Später heiratete sie einen reformierten Mann. Sie trauten sich nur zivil. «Ich distanzierte mich von der Katholischen Kirche. Die Reformierten, ohne Beichte, ohne sogenannte Todsünden und ohne den Glauben an den Papst, leben genauso christlich», sagt sie. Ihre zwei Töchter liess sie reformiert taufen. Das sei ihr trotz der Distanz zur Kirche wichtig gewesen. «Wir haben für unsere Töchter ein eigenes Taufgelübde abgelegt. Sie im christlichen Glauben zu erziehen, war wichtig. Es musste jedoch nicht explizit der katholische Glaube sein.»

Die Wohltätigkeit der Kirche hielt sie zurück

Eisenring wollte den Kindern etwas vom Glauben mitgeben, jedoch ohne Zwang und Klimbim. Auch wenn sie sich in vielen Sachen von der Katholischen Kirche distanzierte, blieb sie noch jahrzehntelang Mitglied. «Einerseits empörte ich mich darüber, was die Kirche macht, doch andererseits relativierte ich die Beobachtungen – wegen der vielen guten Tätigkeiten, die die Katholische Kirche fördert.» Das soziale Engagement habe sie während all der Jahre in der Kirche gehalten. Ihre Kinder gingen in die katholische Pfadi, die Kirchensteuer bezahlte sie, ohne darüber nachzudenken. «Ich spende sowieso, wo es wirklich landet, weiss man ja ohnehin nicht.»

Drei Erlebnisse führten zum Übertrittsentscheid

Die Kehrtwende sei schliesslich von drei Erlebnissen ausgelöst worden. Eines war, als ein Bekannter Eisenrings katholischer Pfarrer wurde: «Ein junger, attraktiver Mann wählte das Zölibat. Das machte mich stutzig.» Ein weiterer Stolperstein begegnete ihr in Form einer Radiosendung: «In einem Interview wich der Bischof regelmässig aus bei den Themen Zölibat und Verhütung.» Das dritte ­Erlebnis hatte sie, als sie den Film «Zwingli» schaute, der 2019, im ­Jubiläumsjahr der Reformation, gezeigt wurde: «Zwingli faszinierte mich. Er deckte grobe Missstände auf und kämpfte gegen die allmächtige ­Obrigkeit.»

«So sagte ich mir, ich trete aus oder besser, ich trete über in die Reformierte Kirche.» Als Eisenring sich im Internet informierte, merkte sie, dass dies nur eine Sache von wenigen Mausklicks und einem Dokument ist. So trat sie in die Reformierte Kirche ein. Es sollte ein Statement nach siebzig Jahren in der Katholischen Kirche sein. Das Bedürfnis, Nägel mit Köpfen zu machen, bringe wohl auch das Alter mit sich. «Ich fragte mich, wo ich noch klarer sein möchte.» Bislang habe sie nur davon geredet, nun habe sie gehandelt. «Ich bin zufrieden, dass ich nun eine klare Aussage mache.»

Sich dem christlichen Glauben ­abzuwenden, ist für Eisenring aber nie in Frage gekommen. «Ich bin Christin. Ich glaube an vieles, was in der Bibel steht.» Das möchte sie ­weiterhin so ausleben, auch wenn sie deswegen nicht öfter als zuvor in die Kirche gehe.

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