Region Limmattal

Der Winter bleibt bislang aus: Weshalb das keinen kalt lässt

Seit mehr als zwei Monaten steht er bereit: der Dietiker Skilift bei der Hundshütte.

Seit mehr als zwei Monaten steht er bereit: der Dietiker Skilift bei der Hundshütte.

Es ist warm, zu warm, für diese Jahreszeit. Die Folgen sind unterschiedlich. So verkürzt sich beispielsweise die Schonzeit für Heuschnupfengeplagte, dafür könnten Mieterinnen und Mieter etwas sparen.

Es ist ein tristes Bild: Im Dietiker Röhrenmoos, dem wohl tiefstgelegenen Winterparadies der Schweiz, ist alles parat. «Der Skilift ist aufgestellt», heisst es auf der städtischen Internetseite seit Mitte Dezember. Doch ob die 180 Meter lange Anlage bei der Hundshütte, welche Skifahrer, Snowboarder und Bobfahrer von 460 auf 490 Meter über Meer zieht, in dieser Saison in Betrieb geht, ist fraglich. Denn, offensichtlich: «Wir warten auf den Schnee...», heisst es im Internet weiter.

Der Winter 2019/20 ist bislang kein eigentlicher Winter (auch wenn er im November mit Rekordschneefällen im Münstertal durchaus verheissungsvoll gestartet war). Doch war es im Januar im Vergleich zur klimatologisch relevanten Norm der Jahre 1961 bis 1990 rund zweieinhalb Grad zu warm, wie «SRF Meteo» kürzlich festhielt. Zudem war es sehr sonnig; aufgrund der vielen Hochdruckgebiete blieben die Niederschlagsmengen klein.

Das Ausbleiben von Schnee, Eis und Kälte im Limmattal führt sowohl in der Natur als auch in der Gesellschaft zu vielen Verschiebungen. Es bringt aber auch verschiedene Vorteile mit sich.

Weniger kratzen und weniger heizen

Insbesondere Berufspendlerinnen und -pendler gelangen für die Winterzeit in diesen Wochen relativ cool zur Arbeit. Wer auf sein Auto setzt, der muss nicht eine Stunde früher aufstehen, um zunächst mit klammen Fingern die Fensterscheiben von einer dicken Eisschicht zu befreien und dann auch noch wegen eines steckengebliebenen Autos mit Sommerreifen im Stau zu stehen. Und auch die Benutzer des öffentlichen Verkehrs profitieren. Nicht nur, weil dank den selten tief ins Minus sinkenden Temperaturen kaum Weichen einfrieren und es deshalb nicht zu (zusätzlichen) Verspätungen kommt. Sondern auch, weil sich nicht auch noch all jene Autofahrer in die Züge hineindrängen und -zwängen, die sich mit ihrem Wagen nicht auf schneebedeckte Strassen wagen.

Für Hausbesitzer und Mieter sind die höheren Temperaturen ebenfalls spürbar, gerade auch im Portemonnaie. Die Heizkosten sollten etwas geringer als in einem richtigen Winter ausfallen.

Es blüht schön und juckt schon

Mit dem Ausbleiben des Winters ist auch die Natur bereits wieder erwacht. Schon seit Wochen gehen bei der Limmattaler Zeitung Leserbilder unter dem Titel «Frühlingserwachen» ein. Vielerorts erblühen demnach Krokusse, andernorts streckt der Bärlauch seine Spitzen aus dem Boden. Und auch an den Bäumen blüht’s bereits.

Letzteres nicht zur Freude aller. So meldete sich bereits Mitte Januar das Allergiezentrum Schweiz; es versandte eine Medienmitteilung mit dem Titel «Pollen statt Schnee». Denn Haseln und Erlen waren bereits damals aus der Winterruhe erwacht. Sie belästigten damit Personen mit Heuschnupfen rund drei Wochen früher als im langjährigen Mittel.

Auch ohne Heuschnupfen kann der warme beziehungsweise ausbleibende Winter aufs Gemüt schlagen. Während sich viele über den frühen Frühling freuen, zeigen sich andere gemäss Medizin-Meteorologen frustriert. Jene, die sich – wie die Betreiber des Dietiker Skilifts – auf Schnee und Kälte eingestellt und gefreut hatten.

Haben die Gemeinden zuviel Geld für Streusalz ausgegeben?

Der Kanton und die Limmattaler Gemeinden wären für den Winter gerüstet. So besteht gemäss dem Oetwiler Winterdienst-Konzept beispielsweise eine «Winterdienstbereitschaft von Anfang November bis Ende März». Das Personal und Material ist – wie in allen anderen Gemeinden – bereit.
Insbesondere die Salzlager sind längst gefüllt. So verfügt der Kanton im Werkhof Urdorf über ein Lager mit 680 Tonnen Salz, das bei Glättegefahr auf den Autobahnen verstreut wird. Und beim Strasseninspektorat in Dietikon lagern weitere 440 Tonen im Silo und 800 Tonnen in Hallen, die auf den Kantonsstrassen eingesetzt würden. Weitere Bestände des Auftaumittels haben die Gemeinden parat. Etwa die Stadt Schlieren, die über ein 60-Tonnen-Silo verfügt, wie André Thoma, der stellvertretende Abteilungsleiter Werke, Versorgung und Anlagen, erklärt. «Wir füllen den Silo jeweils im Sommer, da die Preise dann günstiger sind.» Unklar ist im Voraus, wie viel Salz benötigt wird: «Der Bedarf ist natürlich wetterabhängig und variiert von Jahr zu Jahr.»

Der Schweizerische Verband der Strassen- und Verkehrsfachleute empfiehlt den Gemeinden, dass sie drei Viertel der Salzmenge an Lager halten, die sie in einem normalen Winter verbrauchen. Damit sei gesichert, dass bei einem längeren Wintereinbruch genügend Streusalz bereit liege. Und dass eine genügende zeitliche Reserve bleibe, damit weitere Streumittel bestellt werden könnten, heisst es beim Verband. Die Rheinsalinen AG, die jährlich rund 300 000 Tonnen Auftausalz produzieren, geben als Lieferzeit «normalerweise drei bis fünf Arbeitstage» an.

Mit der Salz-Bestellung zu warten, bis der Winter wirklich eintrifft, wäre keine gute Idee: «Die letzten Winter haben gezeigt, dass in Extremsituationen mit zahlreichen zeitgleichen Bestellungen ein rascher Salz-Nachschub nicht jederzeit möglich ist, selbst bei gefüllten Lagern der Rheinsalinen», schreiben diese in einem Merkblatt. Mit Rabatten im Sommer fördern sie die vorsaisonale Lagerfüllung, wie sie unter anderem Schlieren vornimmt.

Dieser Sommereinkauf war nicht vergebens, auch wenn sich der eigentlich bereits laufende Winter 2019/2020 im Limmattal bis Ende März gar nicht mehr blicken lassen sollte. Das Streusalz lässt sich grundsätzlich lange lagern, ohne dass es kaputt geht. «Feuchtigkeit könnte zwar eine Gefahr sein, das Salz würde verklumpen», sagt André Thoma. Doch lasse sich dies mit einem gut unterhaltenen Salzsilo verhindern. «Wir machen jährlich einen Service, bei uns sind noch nie Probleme aufgetreten.»
In diesem Winter ist das Lager noch nicht gross angetastet worden. Es gab erst vereinzelte kleinere Salzeinsätze. Ob die Schlieremer Jahresrechnung davon profitiert und die Winterdienst-Ausgaben unter Budget bleiben, kann noch nicht gesagt werden. «Der Winter muss zuerst abgewartet werden», sagt Thoma aus Erfahrung.

Denn es kann schnell gehen. Die Temperaturen können rasch fallen. Und auch wenn kein Schnee fällt, können sich auf Strassen und Trottoirs gefährlich-glatte Stellen bilden. Die kommunalen Winterdienste werden in diesen Fällen durch einen Pikett-Alarm des Kantons aufgeboten. Zudem unternehmen die Gemeinden bei fallenden Temperaturen auch eigene Kontrolltouren an neuralgischen Stellen wie Brücken, steilen Strassenstücken und in Waldesnähe.

Experten unterscheiden übrigens vier verschiedene Arten von Winterglätte, die besonders verkehrsgefährdend sind: Glatteis (Niederschlag trifft auf unterkühlte Fahrbahn), Eisglätte (feuchte Fahrbahnoberfläche gefriert allmählich), Reifglätte (warme trockene Luft streicht über unterkühlte Fahrbahn) und Schneeglätte (Schneeschicht wird durch Autos zusammengepresst).

Erholen sich die Fische in der Limmat?

Wassertemperaturen In der Limmat sind die Fische derzeit aktiver als in früheren kälteren Wintern. Und sie halten sich auch in den flacheren Flussbereichen im zürcherischen Limmattal auf. «Früher haben sich die Fische in tiefere Wasserabschnitte im Aargau zurückgezogen, wo die Chance grösser war, dass sie eine geeignete Temperaturschicht finden», sagt Denis Moritzi. Der Präsident des Fischereivereins Zürich 1883, der Reviere ober- und unterhalb des EKZ-Staudammes sowie an Reppisch und Glatt betreut, verweist auch darauf, dass den Fischen nicht nur die Wassertemperaturen zugutekommen, sondern auch die höheren Lufttemperaturen. Denn angesichts der frühlingshaften Witterung steht den Fischen mehr Nahrung zur Verfügung; Insekten wie Fliegen, welche etwa von Aeschen und Forellen gegessen werden, sind am Limmatufer schon häufig zu sehen.

Während die höheren Temperaturen den Fischen derzeit offenbar helfen, tun sie sich im Sommer mit dem Klimawandel schwer. Denn je wärmer das Wasser wird, desto weniger Sauerstoff kann darin gebunden werden. Gerade für Salmoniden wie Aeschen und Forellen wird er in Hitzesommern knapp. So kam es 2003 zu einem Fischsterben. «Wir spüren eine Veränderung», sagt Moritzi. Während die Population der Salmoniden zurückgehe, seien mehr Weissfische zu beobachten. Gerade Alet, Brachsmen oder auch Barben, auch allesamt feine Speisefische, aber mit einigen Gräten, seien in der Limmat häufiger geworden. «Es sind aber nicht nur die Temperaturen, die einen Einfluss haben.» So seien am Wehr neue Fischtreppen erstellt worden und es werden Flussabschnitte ökologisch aufgewertet. «Das wird sich positiv auf unsere Reviere auswirken.»

Anders als die Fische sind die Fischer nicht aktiv: Den Monat Februar hat der Verein – zusätzlich zu den gesetzlich geregelten Schonzeiten – als «absoluten Ruhemonat» definiert. Am 1. März gehe es mit der Forelleneröffnung wieder los, sagt Präsident Moritzi. Und nicht nur die Fische, auch die Fischer begrüssen die wärmeren Temperaturen, ergänzt er lachend.

Schlägt der Borkenkäfer 2020 schon wieder zu?

Dem Limmattaler Wald machen die milden Temperaturen wenig aus, sagt der Dietiker Revierförster Felix Holenstein. Würden sich milde Winter häufen, könnten sich aber mittelfristig allenfalls fremde Pilze und Pflanzen ausbreiten, denen es bislang noch zu kalt war. Keinen wesentlichen Einfluss hat der milde Winter hingegen auf die hiesige Borkenkäfer-Population. Der Buchdrucker sei als einheimische Art mit dem Winter vertraut; «andernfalls wäre er vermutlich nicht heimisch geworden», sagt Holenstein.
Dass ein kalter Winter den Buchdrucker kalt lässt, bestätigt auch die Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL): Ein fertig ausgebildeter Buchdrucker-Käfer, der auch als Überlebenskünstler gilt, ist sehr robust. Er kann Wintertemperaturen bis unter 30 Grad ertragen. Anders sieht es in den sogenannten weissen Stadien aus. Eier, Larven und Puppen des Buchdruckers sind empfindlicher. «Deshalb tendieren die Käfer dazu, im Herbst nicht mehr zu brüten, sodass vor allem fertig ausgebildete (Jung-)Käfer überwintern», hält die WSL fest.

Der Borkenkäfer dürfte damit im Limmattal im Frühling unabhängig vom milden Winter wieder ausfliegen und die nächsten Bäume befallen. Weitere Winterstürme könnten dabei dem Schädling helfen. Herumliegendes Sturmholz kommt ihm wie gerufen. Der Sturm «Sabine» hat im Kanton Zürich zum Glück weniger stark gewütet als befürchtet und weniger Schäden als beispielsweise «Burglind» vor zwei Jahren angerichtet. Aber nach den vergangenen trockenen Sommern sind auch die noch stehenden Fichten teilweise geschwächt und deshalb auf den Borkenkäfer anfälliger.

Schweizweit hat sich die Lage auf dem Holzmarkt ganz leicht entspannt, wie die Holzmarktkommission von Wald Schweiz und Holzindustrie Schweiz kürzlich mitteilte. «Durch die gute Zusammenarbeit der Wald- und Holzbranche konnten die Schadholzmengen der letzten Monate mehrheitlich abgesetzt und durch die Industrie verarbeitet werden.» In den durch den Borkenkäfer stark betroffenen Gebieten rund um die Kantone Schaffhausen, Thurgau und Zürich seien die noch vorhandenen Schadholzmengen aber nach wie vor gross. Und die Menge an noch stehendem Käferholz, das noch auf den Markt kommen wird, «ist nicht zu unterschätzen».

Müssen die Vögel noch gefüttert werden?

Aus Sicht der Schweizerischen Vogelwarte Sempach ist gegen eine sachgemässe, massvolle Fütterung von Kleinvögeln nichts einzuwenden. Dies allerdings nicht primär aus Schutzgründen. Denn Vögel seltener und gefährdeter Arten kämen kaum an die Futterstellen. Diese würden vielmehr von nicht gefährdeten, an die hier herrschenden Lebensbedingungen angepassten Arten aufgesucht. «Unsere einheimischen Kleinvögel finden in der Regel auch während des Winters ausreichend Nahrung.» Ein Futterhaus ermögliche aber «eine Menge spannender Beobachtungen» und damit «schöne Naturerlebnisse», hält die Vogelwarte fest.

Diese betont, dass bei der Fütterung von Kleinvögeln wie Kohlmeisen oder Rotkehlchen gewisse Punkte beachtet werden müssen. So seien insbesondere hygienische Aspekte zu berücksichtigen. Denn viele Krankheitserreger würden mit dem Kot von Vogel zu Vogel übertragen. «Dieser darf deshalb nicht in Kontakt mit der Nahrung kommen.» Die Vogelwarte empfiehlt deshalb Futterhäuser mit einem mittig eingebauten Silo und schmalen Futterkrippen. Auch ein Dach sei von Vorteil, damit das Futter trocken bleibt und nicht zu schimmeln beginnt. «Vorsicht ist folglich besser als Nachsicht, gerade weil eine Futterstelle auch schwächere oder sogar kranke Individuen anzieht.»

Wer den Vögeln nachhaltig helfen möchte, der könnte seinen Garten mit einheimischen Gewächsen bepflanzen, schreibt die Vogelwarte. «Diese nützen unseren Vögeln einerseits indirekt, denn sie sind für Insekten eine wertvollere Nahrungsquelle als exotische Pflanzen. Insekten stellen wiederum die Hauptnahrung vieler Jungvögel dar.» Und direkt dienen die Pflanzen den Vögeln als Nahrung, gerade Beeren und Samenstände seien für viele Kleinvögel eine beliebte Kost. Die Vogelwarte verweist beispielhaft auf Stieglitze, die Kardensamen schätzen, und auf Gimpel, die Beeren des Gemeinen Schneeballs fressen. «Einheimische Gewächse im Garten bieten somit ganzjährig Gratisfutter.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1