Uitikon
Der Wald ruft: Die Vitaparcours sind wieder im Trend

Der bekannte Parcours hat wegen der Pandemie mehr Anhänger. Der Uitiker Ingo Engelmann schätzt die Bewegung und Ruhe im Wald.

Lydia Lippuner
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Voll Schwung durch den Schnee: Ingo Engelmann geht zweimal pro Woche auf den Vitaparcours

Voll Schwung durch den Schnee: Ingo Engelmann geht zweimal pro Woche auf den Vitaparcours

Lydia Lippuner / Limmattaler Zeitung

Es ist kalt und schneit dicke Flocken. Die weisse Decke am Boden erschwert das Laufen durch den Uitiker Wald. Das alles hält Ingo Engelmann nicht davon ab, bereits am Morgen auf dem Vitaparcours zu trainieren. «Bei heftigem Wind oder starkem Regen gehe ich nicht. Ansonsten kann man den Vitaparcours bei jedem Wind und Wetter absolvieren», sagt der Uitiker und stapft in Turnschuhen und Laufhosen durch den Schnee.

Die Motivation, auch trotz eines anstrengenden Arbeitstages die Schuhe zu schnüren, zieht der studierte Ökonom, der heute als Sommelier arbeitet, aus rationalen Überlegungen. «Ich muss den Wert rational erkennen und abwägen. Der Vitaparcours ist eine Win-win-Situation. Deshalb mache ich ihn», sagt der 47-Jährige. Die Bewegung draussen sei erholsam und gleichzeitig herausfordernd für den Körper. Als Engelmann im vergangenen Frühjahr an Corona erkrankte, vermisste er die sportlichen Aktivitäten sehr. «Ich konnte nach meiner Erkrankung etwa vier Monate keinen Sport mehr machen und musste ganz langsam wieder anfangen zu trainieren», sagt er. Das sei anspruchsvoll und langwierig gewesen.

Plötzlich bleibt Engelmann auf dem Waldweg stehen. «Diese Ruhe, das ist doch toll», sagt er. Er höre nur die Schneeflocken auf seiner Jacke. Der Vitaparcours sei für ihn nicht nur dazu da, um den Körper zu trainieren, sondern auch, um den Kopf frei zu bekommen. «Würde man mehr rausgehen, könnten sich gestresste Menschen oft den Gang zum Psycho- und Physiotherapeuten sparen», sagt er. Das sei besonders im Lockdown sehr wichtig.

Unbeobachtete Bewegung in der Natur ist beliebt

Die Pandemie zog schweizweit viele Leute auf die Vitaparcours. «Bereits im Lockdown im Frühling waren die Zurich Vitaparcours sehr gut besucht. Wir haben auch mehr Anfragen für Neubauten erhalten», sagt Barbara Baumann, Leiterin von Zurich Vitaparcours, auf Anfrage. Das Training mit dem eigenen Körpergewicht sei sehr gefragt. Zudem schätzten die Leute auch die unbeobachtete Bewegung in der freien Natur. «Der Vitaparcours ist dafür bestens geeignet», so Baumann. Schweizweit gibt es momentan 499 Vitaparcours, fünf davon befinden sich im Limmattal.

Der Uitiker Vitaparcours ist 2,2 Kilometer lang. Engelmann absolviert ihn zweimal in der Woche. «Während der Pandemiezeit nahm die Anzahl Sportler im Wald bedeutend zu», sagt er. Die Strecke in Uitikon sei eine optimale Runde, um sich zu bewegen und Muskeln aufzubauen. Für Engelmann soll der Sport im Freien aber vor allem Spass machen. «Ich habe es mir abgewöhnt, im Freizeitsport kompetitiv zu sein», sagt er.

Wetterfest: Ingo Engelmann lässt sich weder von Schnee noch Regen von seinem Outdoor-Training abhalten.

Wetterfest: Ingo Engelmann lässt sich weder von Schnee noch Regen von seinem Outdoor-Training abhalten.

Lydia Lippuner / Limmattaler Zeitung

Das Gefühl, dass man ständig auf die Pulsuhr schauen müsse, um zu sehen, ob man denn nun genug schnell sei, finde er fürchterlich. Man sei im Arbeitsalltag bereits genug gestresst, da müsse man nicht auch noch in der Freizeit der Uhr hinterherrennen. Dafür sei die Natur viel zu erholsam für ihn. «Hier ist meine Lieblingsübung», Engelmann hält vor dem Barren im Schnee an. Diese Übung sei sehr gut für die tiefen Hüftmuskeln. Er stemmt seine Arme auf den Barren ab und lässt die Beine hängen. So streckt sich die ganze Wirbelsäule. Mit einem Schwung nimmt er beide Beine über die Barren und lässt sich hängen.

Es gibt aber auch Übungen, die Engelmann lieber auslässt, beispielsweise die Einheit, bei der man um farbig angemalte Stecken rennen soll. «Diese Übung mache ich nicht so gerne. Aber mein Coach könnte mir bestimmt den Sinn dahinter erklären», sagt Engelmann. Auf Nachfrage erklärt Engelmanns Personal Trainer Michael Bachmann: «Beim Slalomlauf geht es um Richtungswechsel, seitliche Stabilität und Agilität. Das ist eine zusätzliche Belastung für unser Kleinhirn, das vor allem die Feinmotorik steuert.»

Er empfiehlt seinen Kunden gerne eine Tour auf dem Vitaparcours. Denn laut Bachmann ist der Vitaparcours vielseitig aufgebaut und stärkt das Immunsystem. «Anders als die Fitnesscenter ist der Vitaparcours zudem immer zugänglich», sagt er. Doch der Personaltrainer bemängelt, dass es ab einem gewissen Zeitpunkt keine Möglichkeit mehr gebe, Steigerungen bei den Übungen einzubauen, da im Wald keine Zusatzgewichte verwendet werden. «Zudem wird es schwierig für Menschen, die nicht über genügend Kraft, Stabilität, und Beweglichkeit verfügen, Übungen wie Klimmzüge auszuführen», so Bachmann. Da fehle es an Maschinen und Fachwissen, um gezielt auf Schwachstellen einzugehen. «Viele Übungen können auch leicht falsch ausgeführt werden und so mittel- und längerfristig Schmerzen verursachen. Deshalb empfehle ich jedem, der unsicher ist, sich lieber jemanden zur Seite zu holen, der ein Auge auf die Ausführung der Übung wirft», sagt er. Denn selbst für Profis sei es oft eine Herausforderung, bestimmte Übungen korrekt auszuführen.

Für Engelmann beginnt die Erholung vor der Haustüre Gegen Ende des Vitaparcours zieht Engelmann ein Bein an den Oberschenkel und zeigt, wie er sich jeweils dehnt. «Ohne Dehnen verkürzen sich alle Sehnen. Das ist besonders für Menschen, die oft am Computer arbeiten, eine Gefahr», sagt er. Aus diesem Grund habe er während des ganzen Parcours auf seine Haltung und Körperspannung geachtet. «Ab 40 erhält man nichts mehr geschenkt. Wenn man nichts macht, baut man nur ab», sagt er. Der Vitaparcours ist nun vorbei und auf Engelmann wartet der Bürostuhl. Doch nachdem er einige Stunden Homeoffice hinter sich hat, will er die Langlaufski umbinden und nochmals rausgehen. Der Üetliberg sei nun wieder angenehmer begehbar. «Während des Lockdowns im Frühling ging ich gar nicht mehr hin. Es hatte mir schlicht zu viele Leute und zu viel Abfall», sagt Engelmann. Doch es gebe ja auch noch andere Wälder rund um Uitikon. Um sich zu erholen, müsse man hier keine grossen Sprünge machen. «Bei uns beginnt die Erholung direkt vor der Haustüre», sagt Engelmann.

Die fünf Vitaparcours in der Region:


Die Zurich Vitaparcours des Limmattals befinden sich in Dietikon, Oberengstringen, Uitikon, Schlieren und Geroldswil.