Dietikon
Der Umgang mit Geld will gelernt sein – bevor die Schulden-Falle zuschnappt

Viele Jugendliche können schlecht mit Geld umgehen. Ein festes Taschengeld kennen nur die wenigsten. Ein Schuldenpräventionstag der Berufswahlschule soll dem Problem vorbeugen.

Florian Niedermann
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In Gruppen reflektieren die Schüler den eigenen Umgang mit Geld.

In Gruppen reflektieren die Schüler den eigenen Umgang mit Geld.

FN

Im Vergleich zu früheren Generationen hat sich der Umgang der Jugendlichen mit ihren finanziellen Mitteln verschlechtert. So lautet der Tenor der Stimmen im Lehrerzimmer der Berufswahlschule Limmattal (BWS) in Dietikon.

«Heute kennen die meisten unserer Schülerinnen und Schüler kein festes Taschengeld mehr. Stattdessen holen sie sich bei ihren Eltern bei Bedarf, was sie brauchen», sagt etwa Peter Rusterholz, Klassenlehrer der Fachrichtung Dienstleistung und Soziales.

Die Folge: Immer mehr junge Menschen lernen nicht mehr, mit einem begrenzten Budget umzugehen, und verschulden sich dadurch schon früh. «Sobald sie ihren Lohn selbst verwalten müssen, stehen sie plötzlich vor einem Schuldenberg», so Rusterholz.

Zwar gebe es durchaus Jugendliche, die mit dem Geld umgehen können und von den Eltern unterstützt werden, sagt er. Doch weil die BWS feststellte, dass bei den Jugendlichen ein Bedarf nach Unterweisung im Umgang mit Finanzen und Schulden besteht, führt sie seit 2007 jedes Jahr einen Schuldenpräventionstag durch.

Dabei stehen Expertenreferate sowie Gruppenarbeiten auf dem Programm, bei denen die Klassen den eigenen Umgang mit Geld und verschiedene Finanzplanungsthemen reflektieren. Dazu erarbeiten sie sich das Wissen über Betreibungs- und Pfändungsverfahren, die bei einer Verschuldung drohen. Da die Schüler der Altersgruppe der zwischen 16- und 18-Jährigen angehören, noch über keine Erstausbildung und damit über keinen eigenen Lohn verfügen, sind sie in der Regel noch von den Eltern abhängig.

Bis zu 150 Franken für Konsum

In Gesprächen mit einer Klasse der Fachrichtung Dienstleistung und Soziales zeigt sich, dass in Bezug auf die finanziellen Möglichkeiten ein grosses Gefälle zwischen den einzelnen Jugendlichen besteht. Viele von ihnen geben an, dass sie monatlich zwischen 50 und 150 Franken für ihre Freizeit, Ausgang und Konsumgüter ausgeben. Einige geben dafür aber viel mehr aus – ein Schüler gibt gar 1100 Franken an.

Mit Schulden konfrontiert ist in der befragten Klasse zwar niemand – zumindest ist dies den Aussagen der Lernenden zu entnehmen. Es bestätigt sich jedoch das Bild, das Rusterholz skizziert: Bei einem Grossteil der Jugendlichen beschränkt sich die finanzielle Unterstützung durch die Eltern nicht auf ein fixes Taschengeld.

So etwa auch beim 16-jährigen Ashvin Francis. Er gibt nach eigenen Angaben monatlich zwischen 50 und 100 Franken für den Ausgang aus, wie er sagt: «Wenn ich mir aber Kleider, Zugbilletts oder sonst etwas nicht alltägliches kaufen will, frage ich meine Eltern. Meist bekomme ich das Geld dafür.» Auch die Handyrechnung der Jugendlichen geht im Normalfall auf Rechnung des Elternhaushalts.

Das Problem an dieser Entwicklung sei, dass den Schülern heute oft nicht bewusst werde, wie hoch die Fixkosten des alltäglichen Lebens sind, sagt Lehrer Rusterholz. Ein wichtiger Bestandteil des Schuldenpräventionstags der BWS sind daher Referate von Finanzspezialisten der GE Capital Schweiz. Sie zeigen den Jugendlichen auf, wie Schuldenfallen umgangen werden können und wie man ein Monats-Budget anhand der Fixkosten plant.

Immer wieder betont Kjell Hoffmann, der die Einsätze der Volunteers von GE koordiniert, dass die Kostenkontrolle im alltäglichen Leben das A und O sei: «Es lohnt sich, die Ausgaben auf die essenziellen Dinge zu beschränken, wenn das Geld knapp ist. In solchen Situationen verschiebt man den Kauf eines Kleidungsstücks oder eines Fernsehers lieber um einen Monat», sagt er. Die Werbung suggeriere zwar oft, dass man sich alles leisten könne, und locke mit Leasing-Verträgen oder Konsumkrediten. Doch bergen solche Finanzierungshilfen ein hohes Schuldenrisiko, wie Hoffmann erklärt: «Die Zinsen bewegen sich oft hart an der Grenze zum gesetzlich erlaubten Zinssatz von 15 Prozent.» Dazu würden sich auch kleine monatliche Beträge schnell aufsummieren, sodass sie ein Budget sprengen – insbesondere bei einem Lehrlingslohn, der selten mehr als 800 Franken beträgt.

Hoffmann empfiehlt den Schülern daher, sich mit einem Budgetverwaltungs-Programm, sei es online oder als App auf dem Handy, einen besseren Überblick über die eigenen Ausgaben zu verschaffen. Noch besser wäre es aber, wenn Eltern ihren Kindern in Sachen Finanzen beratend zur Seite stehen, wie er im Gespräch mit den Lehrern in der Pause betont. «Sobald ihre Kinder über eigenes Geld verfügen können, sollten Eltern mit ihnen einen bewussten Umgang mit ihren Ressourcen entwickeln.»

Gerade diese Voraussetzung ist heute nicht mehr gegeben, wie aus den Gesprächen im Lehrerzimmer der BWS hervorgeht. So sagt etwa Schulleiter Ueli Schmid, dass viele Eltern ihren Jugendlichen ihre Ausgaben als eine Art «Liebesgeld» bezahlen: «Gerade in sozial schwachen Schichten übernehmen nicht selten beide Elternteile Zusatzjobs, um mit dem Zusatzverdienst Extras für sich und ihre Kinder zu finanzieren.» Zusammen würden die Eltern oft zwischen 200 und 300 Stellenprozente die Woche leisten. Die fehlende Anwesenheit versuchen sie mit Geld auszugleichen.» Doch damit falle auch die Begleitung der Jugendlichen bei der Entwicklung eines wirtschaftlichen Bewusstseins weg. «Damit beginnt ein Teufelskreis», so Schmid.