Schlieren
Der Start-up-Berater sagt: «Einige setzten ihre Idee aus dem Lockdown um»

Im letzten Jahr wurden mehr Unternehmen denn je gegründet. Pascal Hollenstein berät Start-ups beim Institut für Jungunternehmen (IFJ) mit Sitz in Schlieren.

Lydia Lippuner
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Unternehmensgründung in den eigenen vier Wänden: Im Pandemiejahr wurden trotz Homeoffice überdurchschnittlich viele Unternehmen gegründet. Symbolbild:

Unternehmensgründung in den eigenen vier Wänden: Im Pandemiejahr wurden trotz Homeoffice überdurchschnittlich viele Unternehmen gegründet. Symbolbild:

Keystone/GAETAN BALLY

Die Pandemie hielt die Leute nicht davon ab, neue Unternehmen zu gründen. Allein im Kanton Zürich wurden im vergangenen Jahr 8430 neue Unternehmen im Handelsregister eingetragen. Das sind 7,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Pascal Hollenstein arbeitet als Start-up-Berater und Marketingfachmann für das Institut für Jungunternehmen (IFJ) mit Sitzen in Schlieren, St. Gallen und Lausanne. Er erklärt, warum der Gründungsboom auch in der Krise nicht stoppte, weshalb so viele Leute ein Coaching-Unternehmen starteten und wo die Stolpersteine für Jungunternehmer liegen.

Weshalb trauten sich 2020 trotz einer globalen Pandemie überdurchschnittlich viele Leute, ein eigenes Unternehmen zu gründen?

Pascal Hollenstein: Kaum war der Lockdown im vergangenen Jahr vorbei, stieg die Anzahl der Firmengründungen stark an. Manche wollten ein Unternehmen gründen, um ihre bereits bestehende Firma strukturell zu verändern, andere wollten Geschäftliches und Privates klarer trennen und ein Hobby zum Beruf machen. Und einige setzten ihre Idee aus dem Lockdown um. Wir unterstützten insgesamt über 20000 Personen auf ihrem unternehmerischen Weg und gründeten knapp 3000 Firmen im letzten Jahr.

Waren überraschende Gründungen unter den neuen Unternehmen?

Es überraschte mich, dass so viele Unternehmen im Gastrobereich gegründet wurden. Doch tatsächlich sahen viele da eine Verbesserungsmöglichkeit und erweiterten ihr Angebot mit einem Take-away. Auch setzten einige Leute statt auf Fernreisen auf Reisen mit einem umgebauten Zuhause auf vier Rädern.

Welchen krisenfesten Tipp gaben Sie den neuen Unternehmern jeweils auf den Weg?

Grundsätzlich ist der Businessplan etwas vom Wichtigsten. Doch zusätzlich muss man in der Krise auch auf die aktuellen Massnahmen reagieren können und das Geschäftsmodell laufend an die Situation anpassen. Dafür muss man aber erst sein eigenes Modell kennen. Viele Leute, die zu uns kamen, konnten ihre Idee oder ihr Geschäftsmodell zuerst gar nicht richtig definieren.

Diese Betriebe würden nach der Gründung rasch in eine Krise laufen.

Genau, wenn die Leute bereits einmal auf dem Papier festgelegt haben, was sie wollen und was sie bieten können, erübrigen sich viele Probleme, die andere nach der Gründung haben. Wann raten Sie von einer Unternehmensgründung ab? Die Motivation einer Gründung ist sehr wichtig. Wenn man das Hobby mit Leidenschaft zu einem gewinnbringenden Unternehmen machen will, kommt es nicht so sehr auf den Zeitpunkt an. Wenn man aber nur aus einer aktuellen Situation Profit machen will, dann kann es schwierig werden. Denn nicht Geld, sondern Leidenschaft sollte die Motivation sein. Daran denken viele Leute nicht.

Oft ist es gerade in der Krise schwer, die Motivation zu behalten.

Um sich neu zu motivieren, ist das Umfeld sehr wichtig, denn als Gründerin oder Gründer geht man immer durch Hochs und Tiefs. Zudem ist es auch nötig, über finanzielle Reserven zu verfügen, damit man die Startphase meistern kann. Die Krise ist noch nicht ausgestanden.

Geburtshelfer für Firmen Pascal HollensteinDer St. Galler begann vor drei Jahren als Berater für die Firmengründungen im Institut für Jungunternehmer (IFJ) zu arbeiten. Anfangs beriet er rund 10 Personen pro Tag. In den letzten Jahren spezialisierte sich der 22-Jährige besonders auf das Marketing und auf den Auftritt der Jungunternehmer. Würde er selbst ein Unternehmen gründen, wäre dieses im Bereich Gesundheit und Mentalcoaching tätig. Es ist Hollenstein besonders wichtig, dass die Leute ihre eigene Leidenschaft finden und achtsam durchs Leben gehen. Um von der Arbeit abzuschalten, bewegt sich der St. Galler gerne in der Natur oder geht reisen. (lyl)

Geburtshelfer für Firmen Pascal HollensteinDer St. Galler begann vor drei Jahren als Berater für die Firmengründungen im Institut für Jungunternehmer (IFJ) zu arbeiten. Anfangs beriet er rund 10 Personen pro Tag. In den letzten Jahren spezialisierte sich der 22-Jährige besonders auf das Marketing und auf den Auftritt der Jungunternehmer. Würde er selbst ein Unternehmen gründen, wäre dieses im Bereich Gesundheit und Mentalcoaching tätig. Es ist Hollenstein besonders wichtig, dass die Leute ihre eigene Leidenschaft finden und achtsam durchs Leben gehen. Um von der Arbeit abzuschalten, bewegt sich der St. Galler gerne in der Natur oder geht reisen. (lyl)

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Welche Herausforderungen erwarten die neuen Unternehmen dieses Jahr?

Es ist unsicher, wie lange die Unterstützungsmassnahmen für die Unternehmen durch den Bund noch anhalten. Es besteht das Risiko, dass es mit der Aufhebung der Hilfestellungen zu einer Kündigungswelle kommen wird. Dies führt bei vielen zum Gedanken, ein zweites Standbein aufzubauen. Einige unserer Gründerinnen und Gründer arbeiten deshalb in der Anfangsphase weiterhin in einem Teilzeitpensum und bauen ihr Start-up nebenbei auf. So federn sie das finanzielle Risiko ab. Je nach Erfolg stocken sie ihr Pensum auf.

Wann ist ein Betrieb erfolgreich?

Aus finanzieller Sicht kann man Erfolg einfach messen. Doch wenn jemand ein leidenschaftliches Hobby zum Geschäft machen will, muss er oft durchhalten. Grundsätzlich kann man nicht nur an den Zahlen messen, ob ein Unternehmen erfolgreich ist oder nicht. Es gibt viele Unternehmen, die bereits Milliardenbewertungen haben und immer noch keine schwarzen Zahlen schreiben, da andere strategische Ziele wie zum Beispiel das Wachstum verfolgt werden. Da stellt sich die Frage, ob der Gründer eine Vision oder finanziellen Erfolg sucht.

Auch im Pandemiejahr gab es wieder viele Leute, die ein Unternehmen in der Kommunikationsbranche starteten. Weshalb ist dieses Segment unersättlich?

In der Schweiz haben wir sehr viele gut ausgebildete Leute. Tätigkeiten in der Beratung und Kommunikation können als Ein-Mann-Betriebe sehr gut nebenbei, ohne grosse Investitionskosten, angeboten werden. Zudem ist ein eigenes Coaching-Unternehmen eine gute Alternative für ältere Personen, die es schwerer haben, ein neues Anstellungsverhältnis in einem Betrieb zu finden. Mit ihrem Wissensschatz und ihrer Erfahrung können aber gerade ältere Leute als kompetente Berater zur Verfügung stehen.

Auch Handwerker belegen einen Spitzenplatz in der Statistik der Neugründungen.

Handwerker können einfacher ein Unternehmen starten als jemand, der beispielsweise im IT- oder Biotech-Bereich arbeitet. Denn Handwerker brauchen keine jahrelange Forschung oder Entwicklung, bis sie ihre Arbeit auf dem Markt anbieten können. Zudem besteht ein grosser Markt, was den Einstieg vereinfacht. Deshalb machen sie sich häufig selbstständig.

Auch die GmbH legte wieder zu. Letztes Jahr wählten 39 Prozent der Unternehmensgründer die Gesellschaft mit begrenzter Haftung als Organisationsform.

Ja, die GmbH gibt die Chance, dass man Privates und Geschäftliches sauber trennen kann. So ist man besser abgesichert, da man nicht mit dem privaten Vermögen haftet. Der Vorteil ist überdies, dass man heutzutage einer AG von der Rechtsform her sehr ähnlich aufgestellt ist, aber wesentlich weniger Eigenkapital einbringen muss.

Was erwarten Sie vom Jahr 2021?

Bislang hatten wir wieder überdurchschnittlich viele Neugründungen. Es ging also weiter wie bis anhin. Für die kommenden Monate würde ich mir wünschen, dass auch kleiner Start-ups mit hohem Erfolgspotenzial finanzielle Unterstützung des Bundes erhalten.