Fortsetzung
«Der späte Frühling» wird heftig, berührt und macht nachdenklich

Mit «Die Türhüter» veröffentlichte Werner Catrina 1994 die Geschichte eines jungen Bündners und dessen Coming-out. Der autobiografisch geprägte Roman fesselte die Kritik. Nun folgt eine Art Fortsetzung.

Daniel Diriwächter
Merken
Drucken
Teilen
Der Autor Werner Catrina ist Träger des Zürcher Journalistenpreises. Bild: ZVG

Der Autor Werner Catrina ist Träger des Zürcher Journalistenpreises. Bild: ZVG

Seit drei Jahrzehnten lebt Sebastian mit Freund Jürg in einer Beziehung. Die beiden wohnen zwar nicht zusammen, aber gerade die Variante mit zwei Haushalten entpuppte sich als Geheimformel. Sebastian ist gerne alleine unterwegs, er mag etwa die Apéro-Zeit im Zürcher Niederdorf und denkt dabei an frühere «magische» Momente. Sein Leben nimmt einen gemächlichen Verlauf, bis der junge Léon in seine Welt tritt und ihn fortan nicht mehr loslässt. Léon wurde gerade von seiner Freundin verlassen und ist auf der Suche nach seinem Platz in der Welt, auch sexuell.

So präsentiert sich die Ausgangslage des neuen Buches von Werner Catrina. «Der späte Frühling» ist erst sein zweiter Roman – neben einer Vielzahl von Sachbüchern über gesellschaftliche und wirtschaftliche Themen. Doch die Kunst des Erzählens lag ihm schon immer. In Chur geboren und aufgewachsen, zog es den angehenden Autor bald nach Zürich in eine Zeit, in welcher der als Lesezirkel getarnte «Kreis» und der ursprüngliche «Barfüsser» das Zentrum schwulen Lebens darstellten.

Neben seinem Studium in Geschichte, Germanistik und Publizistik schrieb Catrina damals auch für den «Kreis» einige Kurzgeschichten. Dabei handelte es sich oft um Selbsterlebtes, welches er zugunsten der Dramatik gekonnt zu verpacken wusste.

So entstand auch Catrinas erster Roman «Die Türhüter – Lebensbericht vom anderen Ufer». Das 1994 von der Kritik hochgelobte Debüt war stark autobiografisch geprägt und schildert die Geschichte des jungen Leonardo, der aus einem Bündner Bergdorf stammt und sein Coming-out wagt. «Ein Kritiker nannte mein Buch damals eine wahre Erfindung», so der Autor über die Symbiose von Fiktion und Realität. Leonardo wie Catrina gingen ihren Weg, und die Idee einer Art «Fortsetzung» des Erstlings blieb bestehen.

Jahre später findet sich Leonardo in «Der späte Frühling» wieder. Nur heisst er heute Sebastian. Bewusst hat Catrina für sein neues Werk den Namen des Protagonisten geändert, damit nicht der Eindruck entsteht, es handle sich «nur» um eine Fortsetzung. Der in die Jahre gekommene Sebastian lebt, wie eingangs erwähnt, mittlerweile seit Jahrzehnten in einer glücklichen Beziehung. Und wie das Debüt schöpft auch das neue Buch aus dem realen Leben des Autors.

Catrina propagiert in «Der späte Frühling» zudem die sogenannte «offene Partnerschaft». «Dass die sexuelle Anziehungskraft über viele Jahre hinweg bestehen bleibt, ist für die meisten langjährigen schwulen Partnerschaften eine Illusion», so der Autor. «Die Beziehung wechselt irgendwann auf eine andere Ebene, auf der Eifersucht in den Hintergrund tritt, wenn die Partnerschaft auf Respekt und Achtung gegründet ist». Der Sex wird quasi «ausgelagert».

Aber neben Sex spielen auch Gefühle eine bedeutsame Rolle. «Ich wollte mit meinem zweiten Roman auch darlegen, dass man sich selbst im Alter noch frisch verlieben kann», erzählt der Schriftsteller. Und so lässt er den 30-jährigen Léon in das Leben des Protagonisten treten. Was sich nach einem gängigen Klischee anhört, erweist sich aber als das Gegenteil – denn es ist Sebastian, der von dem jungen Mann angesprochen wird.

Dieser Léon ist es, der den titelgebenden «späten Frühling» verursacht. Dabei ist er selbst auf der Suche, gerade erst getrennt und bis dahin heterosexuell lebend. Durch Sebastian entdeckt er seine schwule Seite und findet einen neuen Halt im Leben. Ein unerwartet heftiger Sturm der Leidenschaft beginnt, dessen Sog sich auch Sebastians Lebensgefährte Jürg nicht entziehen kann.

Catrina beschreibt Léon liebevoll als «Grenzgänger», als einen in seiner sexuellen Ausrichtung schwankenden, aber beruflich erfolgreichen Mann. «Es gibt mehr Grenzgänger und Grenzgängerinnen – offene und versteckte –, als manche glauben. Die Trennlinien zwischen den Geschlechtern können durchaus fliessend sein, auch das ist ein Thema meines Romans», so der Autor weiter.

Er schuf den Charakter von Léon nach drei Vorbildern aus dem realen Leben und beinahe wurde dieser «dritte» Mann sogar zur Hauptfigur – «Der Grenzgänger» war der Arbeitstitel des Romans. Doch am Ende ist es die Geschichte von Sebastian geworden. Es ist sein später Frühling sowie auch der von Werner Catrina. Ob der Protagonist mit seinem langjährigen Partner zusammenbleibt, wohin es Léon verschlägt, und ob das Leben ein Happy End schrieb, lässt sich spannend auf 185 Seiten nachlesen.

Werner Catrina: «Der späte Frühling»

(Xanthippe Verlag, Zürich)