Dietikon
Der Schweizer Autor und die Männlichkeit in Afghanistan

Beim Schreiben seines Buches habe ihn vor allem der «Kontrast zwischen der archaischen Männlichkeit der Taliban und dem westlich sozialisierten Mann» fasziniert, sagt Reichlin.

Tabea Wullschleger
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Die Leserinnen und Leser sind von seinem neuen Buch begeistert: Der Schriftsteller Linus Reichlin im Dietiker Gemeinderatssaal. Tabea Wullschleger

Die Leserinnen und Leser sind von seinem neuen Buch begeistert: Der Schriftsteller Linus Reichlin im Dietiker Gemeinderatssaal. Tabea Wullschleger

Ein abenteuerlicher Roman über einen Kriegsreporter, eine Liebe unter extremen Bedingungen und über die Sucht nach Gefahr», kündet der Umschlag von «Das Leuchten in der Ferne» an. Es sind grosse Worte, mit denen das Werk des Schweizer Schriftstellers Linus Reichlin beworben wird. Dass hinter dieser pompösen Anpreisung auch eine solide, packende Geschichte steckt, wurde an der Lesung in Dietikon schnell klar. Bereits bei den Begrüssungsworten von Agnes Matt war deren Begeisterung für das Buch kaum zu überhören. Als Leiterin der Regional- und Stadtbibliothek Dietikon und Mitglied der Kulturkommission war sie es dann auch, die dafür verantwortlich war, dass Reichlin aus Berlin in den Dietiker Gemeinderatssaal anreiste.

Reichlin lebt heute in Berlin, geboren ist er allerdings 1957 in Aarau. Begonnen hat er als Journalist mit dem Schreiben von Reportagen und Essays. 1992 bekam er dafür den Zürcher Journalistenpreis. Während vier Jahren schrieb er eine regelmässige Kolumne für die Weltwoche. 2007 begann er als freier Schriftsteller zu arbeiten und hat seither bereits vier Bücher publiziert. Sein erster Krimi, «Die Sehnsucht der Atome», wurde mit dem ersten Platz des Deutschen Krimi-Preises ausgezeichnet.

Während seine ersten drei Romane inhaltlich zusammengehören, wendet sich Reichlin mit «Das Leuchten in der Ferne» einer völlig neuen Geschichte zu. Held des Buches ist Moritz Martens, ein alternder Kriegsreporter, der keine Aufträge mehr bekommt und bald kein Geld mehr hat. Durch Zufall begegnet Martens der jüngeren und bildhübschen Miriam Khalili. Sie bietet ihm eine Story an: Ein Mädchen in Afghanistan lebe als Mann verkleidet unter den Taliban und wäre bereit für ein Interview. Obwohl Martens ob der unfassbaren Geschichte schnell die Zweifel kommen, überwiegen seine Abenteuerlust und seine Sehnsucht nach dem titelgebenden Leuchten in der Ferne. Also fliegt er mit Miriam nach Afghanistan, wo sich die Ereignisse überschlagen.

Der Hauptteil des Buches spielt zwar in Afghanistan, Reichlin war selbst aber noch nie dort. Als Leserin merkt man das jedoch nicht: «Ich war überzeugt, dass er schon da gewesen sein musste, um so eindrücklich zu beschreiben», sagte Bibliotheksleiterin Matt. Damit ist sie nicht allein, wie Reichlin selbst erzählt: «Irgendwann kam ein echter Kriegsreporter zu mir, der Afghanistan gut kannte. Bis auf den kleinen Fehler, dass eine Lehrerin meiner Hauptperson die Hand schüttelt, fand er alles tadellos.»

Zwei Jahre brauchte der Schriftsteller insgesamt für das 300 Seiten starke Buch. Aktiv geschrieben habe er jedoch nur drei Monate, die restliche Zeit habe er in die Recherche investiert. Er habe mit deutschen Bundeswehrsoldaten gesprochen sowie mit einem Afghanen, der aus seiner Heimat geflüchtet war, erzählt Reichlin. Neben dem Internet und Dokumentarfilmen habe ihm auch seine Grossmutter, eine Innerschweizerin, als Inspiration gedient. Denn schliesslich seien auch die Taliban ein Bergvolk wie die Schweizer.

Taliban und Afghanistan schreien geradezu nach einer politischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Verschiedene Kritiker bemängelten daher die fehlende politische Dimension im Roman. Reichlin jedoch verteidigt sich: Er erklärte, dass für ihn andere Aspekte im Fokus gestanden seien: «Mich faszinierte der Kontrast zwischen der archaischen Männlichkeit der Taliban und dem westlich sozialisierten Mann.»

Leserin Corinne Frischknecht, Inhaberin der Buchhandlung Scriptum, verteidigte den Verzicht auf Politik im Buch: «Will man etwas Politisches lesen, muss man ein anderes Buch wählen.» Für sie funktioniere die Geschichte in dieser Form wunderbar. Sie und all die anderen begeisterten Leserinnen und Leser dürfen sich freuen: Ende April sei bereits der Abgabetermin für sein nächstes Buch, verriet Reichlin, bevor er in die sanfte Frühlingsnacht verschwand.