Prix Courage
Der Schutzengel vom Brezelstand rettete einem Betrunkenen das Leben

Senat Iseni führt einen Brezelstand am Bahnhof Stadelhofen. Nicht nur einmal verhinderte er mit beherztem Einsatz potenziell schlimme Unfälle mit einfahrenden Zügen.

Tobias Hänni
Merken
Drucken
Teilen
Ort des Geschehens: Senat Iseni erinnert sich auch heute noch lebhaft an den Vorfall vor seinem Brezelstand am Bahnhof Stadelhofen.

Ort des Geschehens: Senat Iseni erinnert sich auch heute noch lebhaft an den Vorfall vor seinem Brezelstand am Bahnhof Stadelhofen.

Tobias Hänni

Es geschah am 16. Dezember 2014, am frühen Nachmittag am Bahnhof Stadelhofen. Senat Iseni, Geschäftsführer der «Brezelkönig»-Filiale, hat bald Feierabend. Nach einer langen Frühschicht steht er mit dem Gebietsverkaufsleiter des «Brezelkönigs» am Perron 1. Er will gerade die interne Lebensmittelkontrolle unterschreiben, als er durch Geschrei auf der anderen Seite der Gleise abgelenkt wird.

Ein Betrunkener unterhält sich auf Perron 2 lautstark mit Sicherheitsleuten. Dann torkelt er davon und fällt kopfvoran ins Gleisbett. Der Mann versucht, die beiden Gleise zu überqueren, zu jener Seite, wo Iseni steht. Den einfahrenden Zug auf Gleis 1 nimmt er nicht wahr. Doch Iseni sieht den Zug und er weiss: Das reicht nicht. Er zögert keine Sekunde. Der 29-Jährige springt ins Gleisbett, packt den Mann am Kragen und zieht ihn aufs Perron – in allerletzter Sekunde.

Knapp ein Jahr später steht Iseni an der gleichen Stelle im geschäftigen Treiben auf dem Perron 1. Er erinnert sich noch lebhaft an den Moment, als er zum Lebensretter wurde – und dabei sein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt hat. «Der Gebietsverkaufsleiter war kreidebleich. Offenbar hat nicht viel gefehlt», erzählt Iseni Monate nach dem Vorfall seelenruhig. Dem 29-Jährigen selbst war damals gar nicht bewusst, wie knapp er dem Tod entronnen ist.

Obwohl er nach vielen Jahren im Brezelstand weiss, wie rasant die Züge in den Bahnhof Stadelhofen einfahren. «Die Geschwindigkeit wird unterschätzt.» Doch in dem Moment, als er den Mann über die Gleise torkeln sah, überlegte Iseni nicht lange. Und auch gefühlt habe er nichts, sagt er. «Es hat einfach Klick gemacht – und ich bin losgerannt.» Für Gedanken an seine damals schwangere Frau und seine Tochter blieb keine Zeit. «Sonst wäre es zu spät gewesen.»

Die Gefühle und Gedanken, sie kommen erst später. Als Iseni an jenem Abend ins Bett geht und nicht einschlafen kann. Und die nächsten Tage bei der Arbeit. «Ich hatte einen Schock und etwa eine Woche Angst vor den Zügen.» Angst habe auch seine Mutter gehabt, als er ihr von seiner gefährlichen Rettungsaktion erzählt habe. «Doch sie ist stolz auf mich.» Das Schlimmste an der ganzen Sache sei die Reaktion seiner Tochter gewesen. «Sie hat mich gefragt, was die Familie ohne mich gemacht hätte», erzählt Iseni. Er habe sie beruhigt und ihr gesagt, dass man an anderen Menschen helfen solle. «Das hat sie begriffen.» Anders als die Menschen, die gaffen würden, statt zu helfen. «Ich bin enttäuscht von diesen Leuten. Sie schauen weg, wenn jemand in Not ist.» Wie vor etwa zwei Monaten, als ein invalider, alter Mann ebenfalls ins Gleisbett hinunterstieg, weil ihm etwas runtergefallen war. Wieder war es Iseni, der half: «Ich habe die wartenden Pendler gefragt, warum sie ihm nicht geholfen haben. Niemand hat geantwortet.»

Iseni selbst wird auch in Zukunft nur dann wegschauen, wenn sich jemand am Bahnhof Stadelhofen das Leben nimmt. «Für Hilfe ist es da zu spät.» Zweimal schon musste er mit ansehen, wie sich jemand vor den Zug warf. «Die Bilder und Geräusche, die bleiben im Kopf.» Von den Tagen, nachdem er den betrunkenen Mann vor dem Tod gerettet hat, sind dem gebürtigen Mazedonier hingegen gute Erinnerungen im Kopf geblieben. Nicht nur, weil seine Heldentat für mehrere Tage einziges Gesprächsthema im Brezelstand war und innert kurzer Zeit zahlreiche Medien darüber berichteten. «Es kamen sehr viele Leute vorbei, um mir zu danken.» Einige seien von weit weg angereist, um bei ihm einen Kaffee zu trinken. «Das hat mich sehr überrascht. Und sehr gefreut.» Viele der wildfremden Menschen hätten ihm auch Geschenke vorbeigebracht, Bargeld etwa oder Gutscheine. Der eindrücklichste Besuch war für den jungen Schutzengel der einer Frau, die ihre Cousine bei einem Zugunglück verloren hatte. «Sie bedankte sich dafür, dass ich der Familie des Mannes dieses Leid erspart habe.»

Der Betrunkene selbst hat sich nie bei seinem Schutzengel vom Brezelstand bedankt. Gleich nachdem er ihn von den Gleisen gezogen habe, hätte er ihn gar beschimpft, erzählt Iseni. «Das stört mich nicht.» Wenn der Mann ein Problem mit Alkohol gehabt habe, habe er hoffentlich aus dem Vorfall etwas gelernt. Ihn nehme es aber wunder, wie es dazu kommen konnte, dass der Mann ins Gleisbett gestürzt ist, sagt der zweifache Vater. «Vielleicht ist er ja gestolpert.» Vergeblich hat er versucht, die Identität des Mannes herauszufinden, der um die 30 Jahre alt sei. «Seine Daten wurden angeblich nicht aufgenommen.»

Dank seiner Tat wurde Iseni von der Zeitschrift «Beobachter» für den jährlichen Prix Courage nominiert. Ein Preis, von dem der junge Mann zuvor noch nie etwas gehört hat. «Natürlich würde ich mich freuen, wenn ich gewinnen würde», sagt Iseni. Verdient hätten den Preis seiner Meinung nach aber auch alle andere Nominierten. Gut gebrauchen könnte Iseni die 15 000 Franken aber, mit denen der Preis dotiert ist: Denn wenn er nicht gerade Menschen aus dem Gleisbett rettet, schickt er Geld nach Mazedonien. «Meine Tante ist bettlägerig und benötigt teure Medikamente.»