Schlieren
Der Schlieremer Bahnhofsbetrieb ist in Lehrlings-Händen

Der Bahnhof Schlieren ist eine von schweizweit zehn «Junior Stations». Seit zehn Jahren wird er von Lehrlingen geführt. Auch den Umbau des Gebäudes haben sie betreut.

Katja Landolt (Text und Fotos)
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Im Bahnhof Schlieren arbeiten acht Lernende
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Valérie Gendre bedient am Schalter eine Kundin.
Jeden Tag müssen verschiedene kleine Aufgaben verteilt werden.

Im Bahnhof Schlieren arbeiten acht Lernende

Limmattaler Zeitung

Aus den Lautsprechern schnarren die Stimmen der Kunden, in der Schalterhalle plaudern die Maler, die mit grossen Rollen die Decke streichen. Irgendwo dudelt leise ein Radio, man hört die Tastaturen klappern und im Pausenraum hämmern zwei Handwerker auf einen Stahltürrahmen ein. Es herrscht Hochbetrieb im Bahnhof Schlieren. Doch die SBB-Angestellten bleiben gelassen. So schnell bringt sie nichts aus der Ruhe.

Was auffällt: Die Gesichter hinter den Schaltern sind jung. So, wie auch die an den Bürotischen dahinter. Kein Wunder: Der Bahnhof Schlieren ist eine von schweizweit zehn «Junior Stations» und wird von Lehrlingen geführt. Das Projekt untersteht dem Ausbildungsverbund «Login», der die Berufslehren für den Verkehr organisiert.

«Nicht bloss Aufträge ausführen»

Im Moment sind in Schlieren acht KV-Lernende angestellt, die für jeweils sechs oder zwölf Monate hier sind, bevor sie wieder den Lernplatz wechseln. Im Hintergrund unterstützt werden die Lernenden von vier Ausbildnern und einem Geschäftsführer. Dieses Jahr ist es zehn Jahre her, seit die ersten Lehrlinge das Zepter am Schlieremer Bahnhof übernommen haben. Rund 130 Lernende haben hier seither gearbeitet.

Jeder Lernende hat sein eigenes Ressort, beispielsweise Buchhaltung, Einsatzplanung oder Material-, Billett- und Prospektbestellung. Dazu kommen Aufgaben wie Billettautomaten oder das Bahnhofsgelände kontrollieren, Schnupperlehrlinge betreuen und Berufsinformationsveranstaltungen für Schulklassen oder Billettautomaten-Kurse für Senioren durchführen. «Wir müssen uns selber organisieren, damit der Betrieb läuft. So lernen wir, selbstständig zu arbeiten, und nicht bloss Aufträge auszuführen», sagt Patrick Nater, Lehrling im dritten Lehrjahr.

Keine Schonfrist

Manuela Schneebeli war eine der Pionier-Lehrlinge, die 2002 den Bahnhof Schlieren betreuten. Heute ist sie selber Coach und schaut seit vier Jahren den Lernenden auf die Finger. Sie schwärmt für das Projekt, auch wenn es anstrengend ist. «Alle sechs Monate bekommen wir neue Lernende, die eingeführt werden müssen.» Das bedeute die ersten drei Monate lang Instruktionen geben, dann drei Monate lang «Früchte ernten». Die Junior Station sei auch nicht für jeden Lernenden geeignet, die Anforderungen sind hoch. «Die Lehrlinge müssen in kürzester Zeit sehr viel lernen», sagt sie. Hier gibt es keine Schonfrist, hier muss jeder direkt an den Schalter stehen und Kunden betreuen. Und die jungen Leute müssen schnell selber merken, was wann zu tun ist und Initiative zeigen. Wann beispielsweise ein zweiter Schalter besetzt werden muss, wenn sich im Schalterraum eine Schlange bildet. Denn die Ausbildner halten sich zurück.

«Es ist ihr Bahnhof, die Lehrlinge müssen die Kunden betreuen», sagt Schneebeli, sie seien nur zur Unterstützung da. Wenn sie sehe, dass ein Lernender auf dem Holzweg sei, müsse sie abwägen, ob sie einschreiten oder ihn den Fehler machen lassen soll. «Aus Fehlern lernt er noch immer am besten. Wenn ich ihn davor bewahre, macht er ihn noch einmal.»

Coaches mit Beschützerinstinkt

Normalerweise orientiert ein Plakat die Kunden darüber, dass es sich beim Bahnhof Schlieren um einen durch Lehrlinge betreuten Bahnhof handelt. Jetzt, während des Umbaus, fehlt es. Aber die Schlieremer wüssten Bescheid, sagt Schneebeli. «Es gibt Kunden, die kommen extra deswegen hierher, um das Projekt zu unterstützen.» Leider gebe es vereinzelt auch das pure Gegenteil; Kunden, die keine Geduld für die Lernenden aufbringen und laut werden. Schneebeli: «Da flackert manchmal schon der Beschützerinstinkt auf, aber auch hier muss ich mich zurückhalten. Der Lehrling muss lernen, sich abzugrenzen und sich Beschimpfungen nicht zu Herzen zu nehmen.»

Umbau gemeistert

In den Büroräumen stehen eingepackte Möbel zum Zusammenschrauben bereit. Auch das ist Aufgabe der Lernenden. «Wir waren dafür verantwortlich, dass vor und während des Umbaus alles ausgeräumt, neu geordnet und verstaut wird», sagt Nater. Im Februar haben die Umbauarbeiten angefangen. Vieles hat sich verändert: Wo früher das Gepäck gelagert wurde, ist ein neues Reisebüro entstanden. Wo das Reisebüro war, ist jetzt Platz für weitere Arbeitsplätze. Nächste Woche soll der gesamte Umbau fertig sein. Und dann wird gefeiert – auch die Feier ist selbstverständlich von den Lernenden organisiert.

Eröffnungsfeier Bahnhof Schlieren am Freitag, 11. Mai, von 10 bis 19 Uhr.