Geroldswil
«Der Respekt gegenüber der Gastrobranche lässt zu wünschen übrig»

John M. Rusterholz verlässt Ende Monat das Limmattal. Für das Überleben der hiesigen Hotellerie und Gastronomie sieht der Direktor des Hotels Geroldswil nur eine Möglichkeit: Zusammenspannen. Online-Bewertungsplattformen blickt er gelassen entgegen.

Alex Rudolf
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Shop till you drop: So der Name dieses Zimmer im Hotel Geroldswil. Die Wände wurden mit Einkaufstaschen bepflastert, die Besucher in ihren Zimmern zurückliessen.

Shop till you drop: So der Name dieses Zimmer im Hotel Geroldswil. Die Wände wurden mit Einkaufstaschen bepflastert, die Besucher in ihren Zimmern zurückliessen.

Alex Spichale

Herr Rusterholz, auf Ende September verlassen Sie das Hotel Geroldswil und führen dann ein Hotel in der Zürcher Altstadt. Wurde es Ihnen auf dem Land zu langweilig?

John M. Rusterholz: Das würde ich nicht so sagen. Ich bin geborener Stadtzürcher, von daher ist es eher eine Rückkehr. Und Geroldswil ist nicht langweilig, ich habe schon in afrikanischen Dörfern gearbeitet, wo weniger los war.

In Zürich und im Glatttal spriessen Hotels wie Pilze aus dem Boden. Hier im Limmattal bleibt die Zahl jedoch konstant. Woran liegt das?

Mit unseren drei Mitbewerbern in der Region, dem Sommerau, dem Conti und dem Arte, ist der hiesige Markt beinahe gesättigt.

Warum kommen Hotelgäste hierher zu Ihnen nach Geroldswil?

Wir konnten uns gut im Reisegruppengeschäft positionieren. Chinesische, russische und indische Gruppen kommen zwar nicht wegen Geroldswil in unser Hotel, sondern weil wir verkehrstechnisch gut gelegen sind. Zudem haben wir mit dem Busparkplatz direkt vor der Haustür optimale Bedingungen. Auch Kongresse von Organisationen aus der Region sind ein wichtiges Standbein für uns. Nicht zu vergessen hat mein Vorgänger Elio Frapolli mit seinen Kontakten initiiert, dass viele italienische Hochzeiten hier bei uns stattfinden.

Sie übernahmen die Tradition als Veranstaltungsort für italienische Hochzeiten von Elio Frapolli. Was «vermachen» Sie Ihrem Nachfolger Thomas Fenner?

Dass wir noch immer für so viele italienische Hochzeiten gebucht werden (lacht). Scherz beiseite. Wir erbringen gute Leistungen, das sehen die Menschen und daher werden wir gebucht. Zu diesem Ruf habe ich in all den Jahren stets Sorge getragen.

Zwischen 2005 und 2009 waren Sie Präsident des Zürcher Hotellerieverbands. Wo sehen Sie Chancen und Gefahren für das Limmattaler Gastgewerbe?

Die genannten Hotels im Limmattal und wir haben einen gemeinsamen Auftritt in Form der «Zurich Area Hotels» lanciert. Dies stärkt uns, da wir uns gemeinsam präsentieren können. Wünschen würde ich mir, dass die Hotellerie im Limmattal, über die Kantonsgrenzen hinweg, gemeinsam an einem Strick zieht. In Zürich stampfen mehr und mehr grosse Ketten Hotels aus dem Boden. Als Einzelkämpfer hat man bei dieser Entwicklung nur wenig Überlebenschancen. Für Kongresse gibt es in der Region gute Rahmenprogramme wie die Kletterwand in Schlieren oder das Weininger Weinland. Diese sollte man pflegen oder gar fördern.

Also raten Sie Ihrem Nachfolger, die Limmattaler Gastroszene näher zusammenzubringen?

Herr Fenner ist ein gestandener Hotelier und braucht meine Ratschläge nicht. Dass man alleine nicht bestehen kann, ist ihm auch bewusst. Unter dem Strich muss man für erfolgreiches Wirtschaften ehrliche gute Hotellerie betreiben, die den Gästen ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bietet.

Bei Ihrem Einstiegsinterview vor fünf Jahren sagten Sie, dass sich die Hotellerie in einer Umbruchphase befindet. Ist diese vorbei?

Überhaupt nicht. In ländlichen Gebieten schliessen viele Häuser, wie die alte Post in Oetwil oder die Glanzenburg in Geroldswil. In Städten eröffnen viele Hotels. Wir auf dem Land müssen origineller sein als diese Hotelketten, da sie mehr Finanzkraft im Rücken haben als wir.

Ein anderer Aspekt dieser Veränderung ist die Macht des Gasts. Dieser bewertet Restaurants und Hotels auf Internetplattformen wie Yelp oder Tripadvisor. Was halten Sie davon?

Diese Portale kann man gut finden oder nicht. Mich stört aber am Prinzip dieser Plattformen, dass der Gast seine Kritik nicht persönlich vor Ort anbringt. Täte er dies, dann könnte man als Gastgeber das Problem sofort beheben. Ich bin offen für konstruktive Kritik, da mir bewusst ist, dass wir keine Maschinen sind. Es kann immer etwas schiefgehen. Einige Leute zielen mit ihren Bewertungen jedoch unter die Gürtellinie, was ich sehr schade finde.

Wie gehen Sie mit solcher Kritik um? Auf Tripadvisor verfassten einige Gäste kritische Kommentare zum Alter des Gebäudes vom Hotel Geroldswil.

Bei diesen Kommentaren liegt der Fokus in der Regel auf dem Negativen. Kritik ist jedoch oft subjektiv. Was für den einen ein verwaschenes Frotteetuch ist, ist für den anderen kein Problem. Wir lassen diese Anregungen aber immer in die Mitarbeitersitzung einfliessen. Anschliessend platziere ich diese Anliegen bei meinem Vorgesetzten. Eigenhändig Renovationen anordnen, kann ich jedoch nicht.

Der Gast hat mit diesen Neuen Medien mehr Macht als noch vor zehn, zwanzig Jahren. Merken Sie das?

In subtiler Form schon. Die Anerkennung und der Respekt gegenüber den Angestellten eines Restaurants oder Hotels, gegenüber der Gastrobranche generell, lässt manchmal zu wünschen übrig. Unsere Branche hat ein Imageproblem, weil man für eine Anstellung bei uns keinen «grossen» Bildungsrucksack mitbringen muss.

Sie haben unter anderem bereits in Saudi Arabien, Hongkong und Südafrika gearbeitet. Sind die Zustände dort vergleichbar?

Nein. In diesen Ländern ist das Kellnern ein Job, hier in der Schweiz ist es für einige zu einer Notlösung geworden.

Fürchten Sie sich vor der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative, die der Bundesrat derzeit vorbereitet? Bei einer Regulierung könnten Ihnen Arbeitskräfte aus dem Ausland fehlen.

Personal fehlt uns bereits heute. Dies kann sich mit der Initiative verschärfend. Relativierend lässt sich sagen, dass Gastrounternehmen bisher immer Angestellte gefunden haben. Noch nie habe ich an einem Restaurant ein Schild gesehen, wo draufstand, dass es wegen Personalmangels heute geschlossen bleiben muss. Ob qualitativ gutes Personal gefunden wird, ist eine andere Sache.

Sie können sich aber nicht vorstellen, dass das Hotel- und Gastrogewerbe aktiv im Ausland Arbeitnehmer anwirbt, wie es die VBZ schon seit längerem tut?

Das ist eine Möglichkeit. Kommt beispielsweise ein Deutscher in die Schweiz, dann ist Geroldswil jedoch nicht seine Traumdestination. Er oder sie will dann in die Grossstädte Zürich, Bern, Basel..