Nachwuchsproblem
Der Region gehen die Samariter aus – aber was tun sie überhaupt?

Brigitte Murmann ist Präsidentin des Samariterverbands des Kantons Zürich. Was Samariter tun und wie man mit Nachwuchsproblemen umgehen kann, erzählt sie im Interview.

Sibylle Egloff
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«Trotz Schwierigkeiten gibt es im Kanton Zürich immer noch knapp 2000 Samariterinnen und Samariter.»

«Trotz Schwierigkeiten gibt es im Kanton Zürich immer noch knapp 2000 Samariterinnen und Samariter.»

Keystone

Brigitte Murmann, der Samariterverein Engstringen hat sich per Ende 2018 aufgelöst. Gleich sieht es in Weiningen aus. Vor zwei Jahren erlitt der Samariterverein Geroldswil-Oetwil das gleiche Schicksal. Das rechte Limmattal steht nun ganz ohne Samaritervereine da.

Brigitte Murmann: Das ist leider so und ich bedaure diese Entwicklung sehr. Überraschend ist es aber nicht, da diese Vereine schon lange mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Dass sich nun die Samaritervereine in einem ganzen Gebiet auflösen, das gab es in so kurzer Zeit im Kanton Zürich noch nie.

Beide Vereine nennen Nachwuchsprobleme als Grund für ihr Ende. Ist das häufig der Fall?

Mitgliederschwund plagt einige Samaritervereine. Es kann aber auch sein, dass ein Verein zwar genug Mitglieder hat, aber den Vorstand nicht besetzen kann oder keine Kursleiter findet.

Was raten Sie Vereinen mit solchen Problemen?

Ich glaube, heutzutage kommt man nicht um eine Zusammenarbeit mit anderen Vereinen herum, sei dies auf regionaler oder gar überregionaler Ebene. Der Regionalverband Limmattal und der Regionalverband Zürcher Unterland machen es vor. Sie fusionieren im März. Offenheit und Mut zur Veränderung können auch helfen. So könnte etwa ein Kassier die Buchhaltung von zwei Vereinen übernehmen. Eine andere Idee ist, Samariter auf Zeit zu verpflichten. So versucht der Samariterverein Wädenswil derzeit Mitglieder zu gewinnen. Er bietet gratis Samariterausbildungen an. Von den Teilnehmern wird dann erwartet, dass sie für eine gewisse Anzahl Stunden Sanitätsdienst leisten. Danach können sie sich entscheiden, ob sie weiterhin dabei sein möchten oder nicht. Das Echo war bisher aber leider nicht so gross wie erwartet.

Zur Person

Brigitte Murmann startete ihre Samariterkarriere im Samariterverein Kloten 1989. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Samariterleiterin und Instruktorin. Auch das Präsidium hatte sie in Kloten vier Jahre lang inne. Seit sieben Jahren ist sie Präsidentin des Samariterverbands des Kantons Zürich und engagiert sich auch als Vereinscoach. Brigitte Murmann wohnt in Bassersdorf.

Durchhaltevermögen ist ebenso wichtig.

Genau. Man muss bereit sein, Durststrecken in Kauf zu nehmen. Hartnäckigkeit und Zuversicht zahlen sich manchmal aus. Das zeigt ein Beispiel von einem Samariterverein aus dem Zürcher Oberland. Lange Zeit fand man keine Kursleiter. Nun können zwei ausgebildet werden. Der ganze Prozess dauerte aber gut drei Jahre. Es ist daher auch verständlich, wenn Vereine beschliessen, dass es nicht mehr geht.

Bevor man aber ganz aufgibt, besteht die Möglichkeit, sich von Vereinscoaches beraten zu lassen.

Der Samariterverband des Kantons Zürich stellt solche Coaches zur Verfügung. Derzeit sind es sieben Personen. Es werden aber mehr werden. Diese können aber nicht versprechen, dass nach einem Treffen alle Probleme vom Tisch sind, aber es kann helfen, alle Möglichkeiten zu betrachten und allenfalls eine gute Lösung zu finden.

Bisher nehmen dieses Angebot nicht so viele Vereine in Anspruch.

Das ist leider so. Wir stellen fest, dass viele die Hilfe nicht annehmen wollen. Oft erfahren wir gar nichts von den Problemen, sondern bekommen nur eine Mitteilung von der Auflösung. Das ist sehr schade, denn dann ist es bereits zu spät.

Samariter zu sein, bedeutet viele Verpflichtungen zu haben. Häufig haben Leute aber eine falsche Vorstellung von der Aufgabe.

Ja, das stimmt. Mir sagte mal jemand, dass er nicht Samariter sein könne, weil er kein Blut sehen könne. Die Annahme, dass wir ständig Blut sehen, ist falsch. Ab und zu werden Blutspendeaktionen durchgeführt. Doch blutig geht es selten zu und her. Es wäre wichtig, dass Samaritervereine Öffentlichkeitsarbeit betreiben und in den sozialen Medien und in der Presse präsent sind, damit sie aufzeigen können, was sie eigentlich alles machen.

Brigitte Murmann ist seit 30 Jahren als Samariterin tätig.

Brigitte Murmann ist seit 30 Jahren als Samariterin tätig.

Zur Verfügung gestellt

Was tun Samariter denn?

Sie leiten Sanitätsdienste an Veranstaltungen und Sportanlässen, sie erteilen diverse Kurse und Schulungen wie etwa Nothelferkurse und sie führen wie gesagt auch Blutspendeaktionen durch. Eine wichtige Aufgabe ist überdies die Nachbarschaftshilfe. Pro Jahr finden je nach Verein etwa zehn Monatsübungen statt. Fünf bis sechs davon sollte man als Samariter besuchen, um auf dem neusten Stand zu sein. Wie viele Sanitätsdienste es pro Jahr gibt, hängt ganz von der Anzahl Anlässe ab, die in der jeweiligen Region durchgeführt werden.

Das klingt nach viel Aufwand.

Ja, er ist nicht zu unterschätzen. Hinzu kommt, dass die Ansprüche an die Qualität in den vergangenen Jahren immer mehr zugenommen haben. Der Spagat zwischen Freiwilligenarbeit und Professionalität wird immer grösser. Was auch nicht förderlich ist, um neue Mitglieder zu finden.

Im Limmattal existieren noch zwei Samaritervereine. Einer in Urdorf und einer in Birmensdorf. Wie sieht es in den anderen Regionen im Kanton aus?

Auch in anderen Regionen gab es einen Rückgang. Gerade haben sich der Samariterverein Uster und der Samariterverein Schwerzenbach aufgelöst. Es ist schon so, dass das Konstrukt Verein heutzutage nicht mehr so viel Zulauf findet wie vor 20, 30 Jahren. In ländlichen Gebieten haben es Samaritervereine aber leichter. Es ist ein gesellschaftliches Phänomen. In Städten und der Agglomeration ist man anonymer und das Gemeinschaftsbewusstsein ist kleiner. Generell geht es Samaritervereinen in Gebieten gut, wo ein aktives Vereinsleben herrscht.

Gibt es denn auch Vereine, bei denen es bergaufwärts geht?

Das gibt es tatsächlich. Es hat Vereine, die jedes Jahr ein bis zwei neue Mitglieder aufnehmen.

Was passiert mit Samariterinnen und Samaritern, deren Verein sich aufgelöst hat?

Sie können Anschluss in anderen Vereinen finden. Daher ist die Zusammenarbeit zwischen den Vereinen auch so wichtig. Man kennt sich und es ist weniger schlimm, wenn man wechseln muss. Es gibt aber auch viele ältere Mitglieder, die mit dem Ende des Vereins auch ihre Aufgabe als Samariter aufgeben.

Braucht es denn künftig überhaupt noch Samariter in einer Zeit, in der der Rettungsdienst innert kurzer Zeit vor Ort ist und man sich auch über Handy schnell Hilfe und Informationen beschaffen kann?

Ich bin fest davon überzeugt, dass es uns immer brauchen wird. Wir leisten für wenig Geld Dienst an der Gesellschaft. Wenn man diese Stunden alle bezahlen müsste, wäre das gar nicht möglich. Trotz Schwierigkeiten gibt es im Kanton Zürich immer noch knapp 2000 Samariterinnen und Samariter. Auch wenn Rettungsdienste in 15 Minuten vor Ort sein können, so sind zum Beispiel nach wie vor die ersten Minuten nach einem Unfall oder einem Herzinfarkt entscheidend. Die Überlebenschancen steigen, wenn richtig gehandelt wird. Samariter helfen die Zeit, bis der Rettungsdienst eintrifft, zu überbrücken. Nicht zu vergessen ist ebenso die Nachbarschaftshilfe. Es ist gut, wenn ein Samariter im selben Quartier oder Wohnblock lebt. Man kann bei Interesse oder im Notfall auf sie zugehen. Die Hemmschwelle ist kleiner nach Hilfe zu Fragen, wenn man die Menschen kennt.