«Umschalten!», ruft Aziz Aniba seinen Spielerinnen zu, während diese über den Rasen sprinten und einander den Ball zuspielen. «Ja, bravo!», ruft der Fahrweider ein paar Sekunden später. «Und nochmals!» Es ist bereits dunkel geworden auf dem Sportplatz Zelgli in Schlieren. Das Fluchtlicht scheint auf Platz 2 herab, wo die Schlieremerinnen trainieren. Sie sind allein – auf dem Nebenplatz haben sich die Herren schon in die Garderobe verabschiedet. Und ginge es nach der Uhrzeit, wäre auch für die Fussballerinnen das Training zu Ende. Doch da sie etwas später begonnen haben, werden noch ein paar Minuten angehängt.

Der letzte Spielzug wird wiederholt, Aniba sieht zu, unterbricht, gibt den Spielerinnen Anweisungen – mit Worten, aber auch mit Gesten. Aus der Ferne erinnert der 46-Jährige dabei ein bisschen an Pep Guardiola, den Startrainer, der einst mit dem FC Barcelona seine grössten Erfolge gefeiert hat – jenem Verein, von dem sich Aniba einiges abgeschaut hat.

Zwei Stunden dauert eine Trainingseinheit, drei Einheiten gibt es pro Woche. Das entspricht den sechs Stunden Training, die vom Verband vorgeben sind. Klingt nach viel, ist aber wenig, wenn man bedenkt, was Aniba seinen Schützlingen alles beibringen will. Er schult sie im taktischen Verhalten und übt mit ihnen verschiedene Spielsysteme ein. Gerade der Mangel an Variation im Spielsystem hat er als grosse Schwäche ausgemacht. «Wir spielen mal 4-4-2, mal 4-3-3, mal 4-1-4-1 – je nachdem, was die Situation erfordert», sagt der Fahrweider. «Es ist auch möglich, dass wir während einer Partie unser System umstellen, falls es nötig ist. Bei den Aktiven zieht man nicht einfach sein eigenes System durch, sondern passt es dem Gegner an. Das ist moderner Fussball.»

Und welche Spielphilosophie vertritt der neue Trainer der Schlieremerinnen? Aniba lächelt. «Im Detail möchte ich das nicht verraten», sagt er, «aber ich stehe für einen offensiven Fussball.» Vorbild für den Schlieremer Trainer ist die Spielweise des schon erwähnten FC Barcelona und von Real Madrid. «Bei denen weiss jeder Spieler, was er machen muss, wenn der Gegner den Ball hat», erklärt Aniba und deutet mit den Fingern einen Spielzug an. «Und jeder Spieler weiss, wohin er rennen muss, um den Ball zu erobern.» Das alles hat er nicht nur einfach nebenbei am Fernsehen beobachtet. Er studiert Fussballtaktik akribisch. «Vom Fussballverband kriegt jeder Trainer Unterlagen», sagt er. «Einige Trainer schauen sich diese Unterlagen nicht genau an. Ich habe sie mir angesehen und daraus viel gelernt.» Dazu gehört das richtige taktische Verhalten in bestimmten Spielsituationen. Genau das habe den Schlieremerinnen bisher gefehlt.

Keine Diskussionen auf dem Platz

Doch Aniba will nicht nur das Spielverständnis seiner Mannschaft verbessern. Er will auch gewisse Marotten abstellen. Dazu gehören etwa die Diskussionen auf dem Platz – für den Trainer ein Unding. «Frauen neigen viel eher dazu, Entscheidungen des Trainers zu hinterfragen», sagt Aniba und seufzt. Auf solche Einwände reagiert der Ex-Profi deutlich: Er erklärt seine Spielidee nochmals und lässt diese trainieren, bis sie sitzt. Wenn es so weit ist, teilt er durchaus auch Lob aus. Aber er zieht seine klare Linie durch. «Diskussionen bringen nichts», sagt er bestimmt.

Zudem will der ehrgeizige Trainer seine Spielerinnen in gewisser Hinsicht professionalisieren, also erreichen, dass sie dem Fussball eine möglichst hohe Priorität einräumen. «Es ist halt so: Wir sind hier ein Amateurverein», sagt Aniba, der schon den Nachwuchs des FC Zürich und der Grasshoppers trainiert hat – Mädchen wie Jungen. «Da spielt Fussball eine Nebenrolle. Das heisst: Wenn eine Spielerin leicht erkältet ist, lässt sie das Training aus. Dabei kann man auch mit einer Erkältung trainieren.»

Ein anderes Thema sind die Ferien. «Wenn Schulferien sind, dann möchten auch meine Spielerinnen Ferien machen, also im Winter und im Sommer», meint Aniba. Bei einem professionellen Verein sei das anders: «Dort hast du einen Vertrag, bei dem du unterschreibst, dass du sechs Wochen Ferien zugute hast.» Den Rest des Jahres spiele oder trainiere man. Wenn nicht, kriege man eine Busse aufgebrummt. «Aber bei einem Amateurverein gibt es solche Verträge nicht.» Er hofft, dass sich das eines Tages ändern wird.

Dass die Spielerinnen vertraglich nicht verpflichtet sind, sich auf die sechs Wochen Ferien pro Jahr zu beschränken, wirkt sich auch auf den Trainingsbetrieb aus. Seit Juli ist Aniba Trainer der Schlieremerinnen, aber er konnte noch nie mit dem kompletten Kader trainieren. «Das Problem ist, dass die Spielerinnen, die aus den Ferien zurückkehren, einen grossen Teil verpasst haben und den nachholen müssen», seufzt er. «Man kann sie nicht auf dieselbe Stufe stellen wie diejenigen Spielerinnen, welche die ganze Vorbereitung mitgemacht haben.»

Erst im Cup gegen Willisau

Trotzdem ist Aniba zuversichtlich. «Stand heute bin ich zufrieden, was die Spielerinnen alles gelernt haben», sagt der Schlieremer Trainer. «Sie haben sich Automatismen angewöhnt, die Blöcke stehen kompakt.» Ob das Team, das gegenüber der letzten Saison nur einen Neuzugang (Sinja Bonito, gekommen vom Nachwuchs des FC Aarau) verzeichnet, auch in der Nationalliga-B-Meisterschaft bestehen kann? «Wir wollen natürlich vorne mitspielen», sagt Aniba vorsichtig. «Aber neu steigen vier Teams ab, es wird also schwieriger, den Ligaerhalt zu schaffen.» Besonders schwierige Partien erwartet der Trainer gegen Kloten und das U21-Team der Frauen vom FC Zürich. «Diese beiden Teams sind sehr stark», sagt er.

Die Meisterschaft startet in einer Woche gegen St. Gallen – ein Team, gegen das die Schlieremerinnen in der vergangenen Saison noch eine Heimniederlage einstecken mussten. Doch der erste Härtetest steht schon heute Samstag auf dem Programm. Im Cup treten die Limmattalerinnen beim Zweitligisten Willisau an. «Wir wollen im Cup unbedingt weiterkommen», sagt Aniba, warnt aber gleichzeitig davor, die Ostschweizerinnen zu unterschätzen. Doch angesichts des Klassenunterschieds gibt er sich optimistisch. «Wenn wir nur 50 Prozent von dem umsetzen, was wir können», sagt er, «dann sieht es gut für uns aus.»