Mauro Preite, Sie trainieren in Rom den FC Guardia, das Team der Schweizergarde. Viele Fussballer träumen von einem Engagement im Ausland. Ist für Sie ein Traum in Erfüllung gegangen?

Mauro Preite: Nein, ein Traum nicht. Ich bin in erster Linie als Gardist in die Garde eingetreten. Als Ausgleich zum Dienst haben wir hier die Gelegenheit, Fussball zu spielen, unserem Hobby nachzugehen. Ich bin ein grosser Fussballfan und habe die Möglichkeit, in Rom die Spiele von AS Roma oder Lazio live im Stadion sehen zu können.

Ihrem Hobby sind Sie früher beim FC Engstringen nachgegangen. Gibt es grosse Unterschiede zwischen der Schweizer Amateurliga und der Liga des Vatikans?

Nein. Es ist ein ähnliches Niveau. Es ist mit der 4. oder 3.Liga in der Schweiz vergleichbar.

Sie kennen also Probleme wie beispielsweise Spielermangel an einem Spieltag?

Dieses Jahr haben wir genug Spieler. Es waren sogar zu viele. Es können nicht alle mitspielen, die wollen. In den letzten Jahren hatten wir aber zu wenige Fussballer. Der Kader umfasst rund 30 Spieler.

Sie können also aus den Vollen schöpfen. Wie steht Ihr Team in der Tabelle?

Die Meisterschaft ist fertig. Wir haben es leider nicht in die Playoffs geschafft. Das Team liegt auf Rang sieben unter acht Mannschaften.

Wie sind Sie überhaupt zu Ihrem Trainerjob gekommen?

Mein Vorgänger ist in die Schweiz zurückgezogen, um zu studieren. Das Team brauchte also einen neuen Trainer und ich wollte den Job übernehmen.

Das Team besteht nur aus Schweizern?

Es spielen nur Schweizergardisten mit. Wir sind das einzige ausländische Team.

Gibt es nie Probleme mit den Gegnern?

Nein. Wir kennen diese Leute durch den Wachdienst. Dort müssen wir ihren Zugangsschein kontrollieren.

Welches ist das erfolgreichste Team?

Die Supermarktverkäufer sind im Moment die besten Fussballer.

Wer spielt noch mit?

Die Spieler sind alle Mitarbeiter des Vatikans, also beispielsweise die Elektriker. Auch die Vatikanpolizei hat ein Team. Und die Museumsangestellten stellen sogar zwei Teams.

Der Fussball ist aber nicht der Grund für Ihren Aufenthalt in Rom, sondern Ihre Arbeit im Vatikan. Weshalb sind Sie der Schweizergarde beigetreten?

Ich habe eine kaufmännische Lehre gemacht und danach auf einer Bank gearbeitet. Irgendwann wollte ich in die Sicherheitsbranche wechseln, in Richtung Polizei. Ich habe den Entscheid gefällt, mir eine Auszeit im Ausland zu nehmen und dort meine Erfahrungen in diesem Bereich zu machen.

Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen?

Ich habe gute Erfahrungen gemacht. Es kann auch streng sein, zum Beispiel beim Nachtdienst oder in der Ausbildung.

Welche Aufgaben haben Sie?

Im ersten Jahr habe ich uniformierten Dienst geleistet. Seit einem Jahr arbeite ich nun im Sekretariat und bin für die administrativen Aufgaben der Garde verantwortlich.

Was versteht man unter uniformiertem Dienst?

Die Mannschaft versieht den Dienst im Apostolischen Palast und an den Eingängen zur Vatikanstadt in der rot-gelb-blauen Renaissance-Uniform der Medicifamilie. Zusätzlich leisten wir Repräsentationsdienste, indem wir im Ehrenpikett Präsidenten und Botschafter empfangen, die den Heiligen Vater besuchen.

Hatten Sie Kontakt mit dem Papst?

Wir sehen ihn wöchentlich an der Audienz oder sonstigen Anlässen. Aber einen richtigen Kontakt zum Papst haben wir nicht. Wir sprechen nie mit ihm.

ürfen Sie nicht?

Beim Vorbeigehen grüsst uns der Heilige Vater immer. Jeden Mittwoch begrüsst er Pilger und Besucher aus der ganzen Welt auf dem Petersplatz oder in der Audienzhalle von Papst Paul VI. Unsere Aufgabe ist es, die Sicherheit des Heiligen Vaters zu gewährleisten. Wir erwarten auch nicht, dass er mit uns spricht. Umso schöner ist es, wenn sich in einem ruhigen Moment ein Wortwechsel ergibt. Anders ist es jeweils am 6. Mai.

Was geschieht an diesem Tag?

An dem Tag werden die Gardisten vereidigt. Wir gedenken jeweils unserer gefallenen Kameraden bei der Plünderung Roms am 6. Mai 1527 und schwören, im Notfall auch unser Leben zum Schutze des Heiligen Vaters hinzugeben. An diesem historischen Tag für die Garde empfängt der Papst die zu vereidigenden Gardisten mit ihren Eltern. Ebenso die Offiziere des Korps mit ihren Familien. Da findet ein Austausch statt.

Der Papst hat aber noch nie ein Fussballspiel der Garde besucht?

Nein, er war noch nie an einem Spiel.

Was wollen Sie machen, wenn Sie zurück in die Schweiz kommen?

Mein Ziel ist es, Polizist zu werden.

Haben Sie, nebst dem Fussballspielen und dem Dienst in der Garde, Zeit, Rom kennen zu lernen?

Anfangs fühlte ich mich wie ein Tourist. Ich habe mir die Sehenswürdigkeiten angeschaut und mich mit der Geschichte der Stadt befasst. Das macht man automatisch, wenn man hier ist. Nach einem halben Jahr legt sich das, und man fühlt sich bereits heimisch.

Wohnen Sie im Vatikan?

Wir müssen rund um die Uhr verfügbar sein. Deshalb wohnen wir innerhalb der Vatikanstadt. Im Gardequartier befinden sich unsere Kasernentrakte. Dort wohnen wir in Einer-, Zweier- oder Dreierzimmern. Wir haben eine eigene Mensa, eine Schneiderei und eine Waffenkammer. Zudem verfügen wir über einen Fitnessraum und eine Turnhalle.

Wie ist die Beziehung untereinander?

In der Zeit im Vatikan entsteht eine Kameradschaft, die es so im Schweizer Militär nicht gibt. Das ist eine einmalige Erfahrung. Es bilden sich Freundschaften, die auch nach der Gardezeit andauern.

Sie bereuen den Schritt nicht, in die Garde eingetreten zu sein?

Überhaupt nicht. Am Anfang war ich zwar unsicher. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt. Man weiss wenig darüber, was die Schweizergarde macht.

Sie hatten immerhin den Vorteil der Sprache, weil Sie Italienisch sprechen.

Ja. Leute, die noch kein Italienisch sprechen, müssen während der ersten fünf Wochen in der Rekrutenschule einen Intensivkurs belegen. Man kann Diplome machen, die an der Uni anerkannt sind.

Der Dienst in der Garde ist also eine gute Ausbildung?

Es ist eine grossartige Lebenserfahrung. Man lernt, vor grossen Menschenmengen aufzutreten und mit ihnen umzugehen. Der Kontakt mit Menschen verschiedenster Herkunft ist beeindruckend. An Heiligsprechungen auf dem Petersplatz kommen bis zu 150000 Personen. Bei Audienzen sind es bis zu 20000 Personen. Das Sicherheitsdenken spielt hier eine zentrale Rolle. Wir erlernen auch Festnahme und Fesselungstechniken, falls es zu einem Übergriff kommen sollte.

An Audienzen trifft man auch Bischöfe, hat man mit ihnen Kontakt?

Ja, das gibt es schon. Es kommt aber auf die Person an. Es gibt zum Beispiel Bischöfe, die trinken mit uns Kaffee oder essen mit uns zu Abend.

Wie ist der Umgang mit diesen hohen Würdenträgern?

Es sind sehr kultivierte, belesene Leute. Sehr interessante Gesprächspartner.

Können Sie mit den Bischöfen auch über Fussball reden?

In Italien kann man immer über Fussball diskutieren.