Abstimmung
Der Ortsbus macht die Uitiker Verwandten zu Freunden im Bezirk

Die Stimmberechtigten stellen sich die Frage, ob Verbindungen, die möglicherweise wenig genutzt werden, sinnvoll sind. Sie sind es – eine Analyse.

Alex Rudolf
Alex Rudolf
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Am 25. September stimmen die Uitiker Stimmberechtigten über den Ortsbus ab. (Symbolbild)

Am 25. September stimmen die Uitiker Stimmberechtigten über den Ortsbus ab. (Symbolbild)

Bettina Hamilton-Irvine

Uitikon ist für den Bezirk Dietikon wie ein entfernter Verwandter. Einer jener, die man an grösseren Familienfesten sieht und sich vielleicht ein paar Minuten über die aktuelle Situation in Beruf oder Politik unterhält, sonst aber nur wenig gemein hat. Die Probleme einiger Bezirksgemeinden, wie etwa zu hohe Soziallasten, eine hohe Arbeitslosigkeit und ein zu grosses Verkehrsaufkommen, kennt Uitikon nicht. Wahrgenommen wird es in der Öffentlichkeit viel eher wegen seines tiefen Steuerfusses, der solventen Einwohner oder des umtriebigen Üetliberg-Gastronomen. Das wiederum können die anderen nicht von sich behaupten.

Nun könnte sich dieser entfernte Verwandte bald annähern: Am 25. September stimmen die Uitiker darüber ab, ob sie ihre Ortsbus-Linie 202 an den Schlieremer Bahnhof verlängern möchten. Ein Testbetrieb von vier Jahren kostet 2,4 Millionen Franken und würde die Reisezeit von Uitikon ins Limmattal von aktuell bis zu einer Stunde via Triemli, Altstetten oder Hauptbahnhof auf rund acht Minuten verkürzen. Dies ist sehr sinnvoll. So wird die Gemeinde in den kommenden Jahren wegen grosser Bautätigkeit um rund 1000 Einwohner wachsen. Dass einige davon in Altstetten oder Schlieren arbeiten oder in Urdorf die Kantonsschule besuchen, ist sehr wahrscheinlich. Eine attraktive Verbindung nach Schlieren würde wohl auch dazu führen, dass einige Uitiker ihre grösseren Einkäufe dort anstatt in Zürich erledigen. Für eine moderne, attraktive Gemeinde ist ein gut ausgebautes öV-Angebot längst nicht mehr nur wünschenswert, sondern ein absolutes Muss. Den Gegnern der Vorlage sind 2,4 Millionen für den vierjährigen Testbetrieb jedoch zu viel. Sie betonen, dass nicht gesichert wäre, dass der ZVV nach dem Testbetrieb die Anbindung an Schlieren ins Regelangebot übernimmt. Auch ob der Bus wirklich ausgelastet sein wird, bleibt laut den Gegnern offen.

Dies ist bereits die zweite Ortsbus-Vorlage im Bezirk, über welche dieses Jahr an der Urne befunden wird. Erst im vergangenen Juni votierten 55 Prozent der Schlieremer Stimmberechtigten gegen einen Bus, der die Aussenquartiere besser ans Stadtzentrum hätte anbinden sollen. Auch hier war der Preis hoch: Neben den einmaligen Investitionskosten von 415 000 Franken wären jährlich wiederkehrende Betriebskosten von 1,15 Millionen Franken hinzugekommen. Auch ob eine genügend grosse Auslastung erreicht würde, war laut Gegnerschaft fraglich.

Die Auslastung im ganzen ZVV-Netz wurde erst Anfang Jahr heiss diskutiert. Im vergangenen Januar veröffentlichte der Regierungsrat eine Liste mit der Rentabilität der öV-Verbindungen des Kantons Zürich. Dieser war zu entnehmen, dass sich die Linie 307 zwischen dem Bahnhof Altstetten und dem Bahnhof Schlieren lediglich zu 20 Prozent selbst finanzieren kann. Gering besser steht es um die Linie 201 in Uitikon, die einen Selbstfinanzierungsgrad von 27 Prozent aufweist. Mehrere weitere Linien in der Region verpassen den Richtwert von 65 Prozent bei Weitem.

Wie die Schlieremer Stimmberechtigten im Juni stellen sich nun jene in Uitikon die Frage, ob Verbindungen, die möglicherweise wenig genutzt werden, sinnvoll sind. Sie sind es. Denn erstens ist Solidarität mit peripheren Gebieten, die mit einer nahegelegenen Bushaltestelle erschlossen werden sollen, angezeigt. Zweitens werden durch gute Verbindungen Autofahrer dazu animiert, mit dem Bus oder der S-Bahn zur Arbeit zu gehen. Drittens: Die Strassen des Bezirks sind heute stark belastet, steigen Limmattaler auf den Bus um, nützt dies letztlich allen. Nicht umsonst hat der Kanton festgelegt, dass mindestens die Hälfte des Verkehrszuwachses von öV und Langsamverkehr aufgefangen werden soll.

Zwar machen die hohen Kosten eine Busverbindung zu einem Luxus, bei dem man sich zweimal überlegt, ob man sich diesen auch wirklich leisten möchte. Mit einer überkommunalen Zusammenarbeit könnten diese Kosten jedoch gesenkt werden. Am Beispiel von Schlieren und Uitikon sind die Möglichkeiten derart offensichtlich, dass sie an der vorberatenden Gemeindeversammlung wie auch im Stadtparlament diskutiert, oder viel eher: gefordert wurden. Stellvertretend für andere fordert die ehemalige Schlieremer SP-Gemeinderätin Béatrice Miller, die seit kurzem in Uitikon wohnt, in einem Leserbrief vom Schlieremer Stadtrat, gemeinsam mit der Uitiker Exekutive eine gute öV-Lösung für beide Gemeinden zu finden. Es wäre also durchaus denkbar, dass der «Üdiker-Bus» künftig auch den Schlieremer Berg oder das Spital-Quartier anbindet. Damit die beiden Exekutiven aber eine Lösung ausarbeiten können, müssen sie sich zuerst gemeinsam an einen Tisch setzen. Welche Haltestellen könnten in Schlieren angefahren werden? Welchen Einfluss hätte dies auf den Fahrplan? Und ganz wichtig: Wie stark könnten die Kosten gesenkt werden?

Millionenausgaben haben es auch in wohlhabenden Gemeinden schwer. Die Ausgaben relativieren sich aber, wenn man bedenkt, dass der Bus eine Investition in den Standort Uitikon ist. Und gäbe es eine direkte Busverbindung zwischen Uitikon und seinen entfernten Verwandten, würde man sich sicherlich öfter sehen als bloss an grösseren Familienfesten – eine Freundschaft könnte entstehen.