Patent Ochsner
Der Ochsnerkübel kommt als Lifestyle-Produkt zurück

Der bekannte Stahlkübel mit dem «Patent Ochsner» war jahrzehntelang fester Bestandteil von Schweizer Haushalten. Mittlerweile wurde er weitgehend von Plastik-Abfallsystemen verdrängt. Nun wird ein neues Modell lanciert.

Nicole Emmenegger
Drucken
Teilen

Limmattaler Zeitung

In einer Werkhalle des Urdorfer Traditionsbetriebs J. Ochsner AG reparieren Arbeiter defekte Güselwagen, von denen ein beissender Geruch ausgeht. In weiteren Hallen stehen neue Kehrichtsammelwagen der Marke Ochsner und unzählige Rollcontainer aus feuerverzinktem Stahl. Nur ein Objekt auf dem Firmengelände passt auf den ersten Blick nicht in die raue industrielle Umgebung: Ein glänzender, schlanker Edelstahlkübel mit hellem Buchenholzgriff am Tragbügel zieht im Eingangsbereich des Büros die Aufmerksamkeit auf sich. Beim genaueren Hinschauen erinnert das Designstück allerdings deutlich an einen fast vergessenen Alltagsklassiker aus dem Hause Ochsner: an den metallenen Abfallkübel mit der «Patent Ochsner»-Prägung auf dem Klappdeckel.

In den 70er-Jahren aus der Küche verdrängt

Das Urdorfer Unternehmen hat den Ochsnerkübel, der im 20. Jahrhundert jahrzehntelang einen Grossteil der Schweizer Hausabfälle schluckte, kürzlich neu lanciert. Vor rund drei Monaten ist er nach zwei Jahren Entwicklungszeit in Serienproduktion gegangen. Die Konstruktionspläne und einige Bestandteile – etwa das Buchenholz aus ökologischer Produktion – stammen aus der Schweiz. Zusammengesetzt wird der Eimer «im europäischen Ausland», wie es in einer Medienmitteilung heisst. «Unser Ziel ist es, dass der Ochsnerkübel den Weg zurück in die Haushalte findet», sagt der am Projekt beteiligte Verkaufsleiter Thomas Simmler, der auf einem Sessel neben dem Eimer Platz genommen hat.

Aus den Schweizer Haushalten wurde der Ochsnerkübel in den 70er-Jahren verdrängt, als sich der Kehrichtsack aus Plastik durchsetzte. Vorbei waren die Zeiten, als es in den Quartieren laut
schepperte, wenn die Müllmänner die Stahleimer in die Kehrichtsammelwagen entleerten. Der Kübel war Teil eines Entsorgungssystems, das der Wagner Jakob Ochsner zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt hatte. Es wurde in den meisten Schweizer Dörfern und Städten – wie 1926 in Zürich – offiziell eingeführt. Für die Haushalte wurde damit die Verwendung der standardisierten Kübel obligatorisch, da diese exakt auf die Einfüllöffnungen der Kehrichtsammelwagen zugeschnitten waren. «Das System Ochsner war die erste staubfreie und somit hygienische Abfalltransportkette», erklärt Simmler dessen Siegeszug in den Schweizer Haushalten.

Handwerkerunternehmen und industrielle Betriebe setzten laut Simmler auch nach den 70er-Jahren noch auf den alten Stahleimer, da dieser im Gegensatz zu Plastikeimern feuerfest ist – und somit geeignet für leicht entzündliche Werkstattabfälle. Trotzdem schwand seine Bekanntheit in der Bevölkerung.

«Wüscherli» und «Schüfeli»

Eine Kombination aus traditionellen und modernen Elementen soll dem ehemaligen Abfalleimer der Nation jetzt zu seinem zweiten Siegeszug verhelfen – in einer Zeit, in der Traditionsprodukte wie Sinalco und Maggi-Würze wieder im Trend sind. «Wir haben uns eng an die schönen, klaren Designlinien des Klassikers angelehnt», so Simmler. Dazu gehört der originale «Patent Ochsner»-Schriftzug mit Schweizer Kreuz und Patentnummer auf dem Klappdeckel. Beibehalten wurden auch die praktischen Funktionen des Kübels, die sein Erfinder Jakob Ochsner 1930 patentieren liess: Der Verkaufsleiter öffnet den Klappdeckel des neuen Modells und befestigt ihn in dieser Position, indem er den Tragbügel des Kübels hochklappt und unter den Deckelrand klemmt. Er lächelt, schweigt einen Moment und sagt dann: «Genial, oder? Jetzt haben Sie beide Hände frei, um mit ‹Wüscherli› und ‹Schüfeli› etwas vom Boden aufzuwischen und im Kübel zu entsorgen.»

Simmler weist aber auch auf einige neue Merkmale und Funktionen des neu patentierten Kübels hin: Statt aus feuerverzinktem Stahl ist er aus rostfreiem Edelstahl gefertigt, eine zusätzliche Kreuz-Prägung auf dem Scharnier des Deckels verleiht ihm eine Extraportion «Swissness», und der Holzgriff am Tragbügel sieht laut dem Verkaufsleiter «freundlich aus und sorgt für ein angenehmeres Gefühl beim Anfassen».

Mit diversen Deckelaufsätzen, die nebst einem passenden Set aus «Wüscherli» und «Schüfeli» als Accessoires verkauft werden, wird der Abfallbehälter sogar zum Hocker. «Der neue Ochsnerkübel ist vielfältig einsetzbar. Er kann als Abfalleimer, als Stauraum für Kinderspielzeug, als Behälter fürs Cheminéeholz oder sogar als Vase verwendet werden. Er sieht schön aus und passt in jede Wohnung», sagt Simmler. Der Zürcher Künstler Alexis Saile hat diese Multifunktionalität im Auftrag der J. Ochsner AG fotografisch festgehalten: Ein Älpler in Sennentracht stemmt den Ochsnerkübel in die Höhe – eine neue Sportart? Der Eimer ist zudem als Designstück im Büro abgebildet, als Gebrauchsobjekt fürs Gärtnern und als Ballbehälter fürs Tennisspielen.

Die Säcke müssen perfekt passen

Ist die Betonung der Multifunktionalität ein Zeichen, dass sich die Urdorfer Firma weg vom Abfallgeschäft bewegen will? «Nein, absolut nicht», sagt Simmler. «Im Gegenteil: Die Jungen sollen den Namen Ochsner künftig wieder mit Abfallentsorgung verbinden. Wir haben heute mit der Mundartband Patent Ochsner und mit Marken wie Ochsner Sport oder Ochsner Shoes starke Namenskonkurrenten.» Laut Simmler hat eine Studie gezeigt, dass nur die über 50-jährigen Schweizerinnen und Schweizer beim Namen Ochsner primär an einen Abfalleimer denken. Anstoss zur Neulancierung des Ochsnerkübels gab laut Simmler allerdings nicht nur die Sorge um die eigene Marke – sondern ein Artikel des Konsumentenmagazins «K-Tipp». Dieser kritisierte 2006, dass es keine Abfalleimer gibt, die 35-Liter-Kehrichtsäcke optimal aufnehmen. «Das hat uns auf die Idee gebracht, einen 37-Liter-Ochsnerkübel zu gestalten, bei dem die Säcke perfekt passen», so der Verkaufsleiter.

Vertrieben wird das neue Modell derzeit ausschliesslich über einen Online-Shop im Internet. Die J. Ochsner AG möchte den Ochsnerkübel allerdings bald auch über Einrichtungshäuser oder andere Spezialgeschäfte verkaufen. «Es laufen entsprechende Verhandlungen», sagt Simmler. Eines stehe jedoch fest: Ins Sortiment grosser Detailhandelsketten wie Coop, Migros oder Aldi soll der Kübel nicht gelangen: «Der Eimer soll schliesslich ein Lifestyle-Produkt bleiben.»

Weitere Informationen unter www.patent-ochsner.com