Männedorf

Der nächste Lärmstreit: Spital-Nachbar ärgert sich wegen gebärender Frauen

Nach Kuhglocken, Kirchenglocken und Verkehrslärm wird jetzt auch noch über Geburtslärm gestritten.

Nach Kuhglocken, Kirchenglocken und Verkehrslärm wird jetzt auch noch über Geburtslärm gestritten.

Für das Schreien werdender Mütter hat ein Anwohner des Spitals Männedorf wenig Gehör.

Was gibt es Schöneres als eine erfrischende Sommerbrise? Das sagt sich auch das Spital Männedorf. An warmen Tagen öffnet es darum gerne auch mal die Fenster zum Gebärsaal. Künftig dürfte damit jedoch Schluss sein. Weil ein Nachbar sich am Stöhnen und Schreien der werdenden Mütter stört, hat sich das Spital Kühlungsgeräte für den Gebärsaal beschafft, wie Martina Meyer, Leiterin der Kommunikationsabteilung des Spitals Männedorf, auf Anfrage bestätigt. Zu weiteren Details der Lärmbeschwerde will sich das Spital nicht äussern.

Das Spital Männedorf ist mit der Lärmproblematik nicht ganz allein. Orsola Vettori, Direktorin des Spitals Zollikerberg, kennt solche – allerdings sehr seltenen – Reklamationen ebenfalls. Seit die Gebärabteilung 2018 im Zollikerberg in einen Neubau verlegt wurde, habe man kein Problem mehr, sagt Vettori. Im Neubau sind die Fenster nämlich grundsätzlich geschlossen, weil das Gebäude belüftet ist. Das Richterswiler Paracelsus-Spital und das See-Spital Horgen haben nach eigenen Angaben bisher keine Reklamationen wegen Geburtenlärm erhalten. Allerdings, heisst es auch beim Paracelsus-Spital, könne man nicht ausschliessen, dass im Sommer bei geöffneten Fenstern draussen etwas zu hören sei.

Emotionen gehören zur Verarbeitung dazu

Dass sich ein Nachbar erschreckt, wenn plötzlich – teilweise über längere Zeit – Stöhnen und Schreien aus dem Spital dringt, kann Andrea Weber-Käser, Geschäftsführerin des Schweizerischen Hebammenverbandes, nachvollziehen – gerade weil man von aussen nicht sieht, was im Gebärsaal vor sich geht. Diese Geräusche gehörten aber zum Leben und der Geburt dazu: «Man kann einer Frau nicht sagen: Seien Sie jetzt bitte still!» Diese Emotionen dürfe man nicht unterbinden, weil sie zur Verarbeitung der Geburt dazugehörten.

«Wir sind es gewohnt, Gefühle unter Kontrolle zu halten», sagt Weber-Käser. Manche Frauen sorgten sich daher im Vorfeld, bei der Geburt zu laut zu werden. «Aber», fügt die Hebamme an, «solange das Thema ist, haben die Wehen noch nicht eingesetzt.» Der Umgang mit der Geburt sei immer individuell. Schreien und Stöhnen sei ein Weg, Schmerz rauszulassen. Andere Frauen wiederum seien ruhiger. Weber-Käser zieht einen Vergleich, der auch für Männer gilt: «In der Wut sind auch nicht alle gleich. ­Manche schreien, manche ­kehren in sich.»

Den Anwohnern des Spitals Männedorf aber sensible Ohren zu unterstellen, wäre zu kurz gegriffen. Schwedische Forscher der Universität Göteborg haben nämlich in einer Studie nachgewiesen, dass Hebammen bei der Geburt eines Kindes tatsächlich über längere Zeit erhöhten Lärmpegeln ausgesetzt sind. In fast der Hälfte aller Arbeitsschichten traten bei Messungen regelmässig Werte von 80 Dezibel auf – ein Wert, den auch ein Rasenmäher erreicht und der langfristig zu Hörschäden führen kann. Während rund eines Viertels der Schichten in der Studie trat kurzzeitig auch Lärm von rund 115 Dezibel auf. Bei diesen Werten wird der Lärmpegel eines Rockkonzerts erreicht. Kein Wunder, dass mehr als die Hälfte der befragten Hebammen in der schwedischen Studie mindestens ein Symptom von Lärmschäden nennt.

Beim Personal des Spitals Männedorf ist der Geburtslärm indes kein Thema. Weder habe es je Rückmeldungen dazu gegeben, noch werde das Fachpersonal speziell geschützt, sagt Meyer. «Lärm gehört für die Hebammen und Gynäkologinnen zu ihrer Arbeit dazu.»

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