Schadete das Ja zu «Mundart im Kindergarten» fremdsprachigen Schülern? Gemäss dem Volksentscheid von 2011 wird in den «Chindsgis» im Kanton Zürich seit mehr als zwei Jahren «grundsätzlich» nur noch Dialekt gesprochen. Zuvor durften die Kindergärtnerinnen und Kindergärtner maximal zwei Drittel des Unterrichts auf Schweizerdeutsch halten. Anfang dieses Schuljahrs traten nun erstmals Erstklässler in die Unterstufe ein, die zuvor nach dem neuen Sprachdogma unterrichtet wurden. Darunter auch viele, deren Muttersprache weder Hochdeutsch noch Dialekt ist. Doch fällt ihnen der Einstieg in den Schulunterricht in Standardsprache deswegen schwerer?

Am stärksten müssten sich negative Auswirkungen in Schul- und Kindergärten bemerkbar machen, die einen besonders hohen Ausländeranteil aufweisen. So zum Beispiel im Schlieremer Schulhaus Zelgli – hier beträgt der Anteil an fremdsprachigen Kindern über 60 Prozent. Im Rahmen des Programms «Qualität in multikulturellen Schulen» (Quims) setzten im «Zelgli» die Kindergartenlehrpersonen im Unterricht vor 2012 vornehmlich auf Hochdeutsch, um die Deutschkompetenzen der Kinder zu verbessern. Seit der Umstellung sprechen die Kindergärtnerinnen jedoch fast nur noch Schweizerdeutsch, Heilpädagoginnen oder Fachlehrpersonen für Förderlektionen in «Deutsch als Zweitsprache» (DAZ) hingegen Hochdeutsch, wie Laura Virgilio, Kindergärtnerin im «Zelgli», sagt: «Die Schüler antworten weiterhin Mundart oder Hochdeutsch, wie es ihnen lieber ist.»

Schulleiterin Eveline Marcarini kann dem neuen Sprachregime nichts Positives abgewinnen. Sie könne Kulturverlustängste ja verstehen, erklärt sie. Aber diese dürften nicht die Bildung beeinträchtigen. «Hochdeutsch zu sprechen, koste nichts. Dennoch stellten wir messbare Erfolge bei fremdsprachigen Kindern fest. 2012 verloren wir damit ein sehr effektives Fördermittel», erklärt sie.

Dialekt-Satzstrukturen bleiben

Die Folgen davon beobachteten Unterstufenlehrpersonen in jüngster Vergangenheit: Als vergangenen August die erste Generation von Mundart-Kindergärtlern in die Primarschule übertrat, habe sie festgestellt, dass die Standardsprache nicht mehr so präsent ist wie bei früheren Jahrgängen, sagt Zelgli-Primarlehrerin Regina Wachter: «Die Schülerinnen und Schüler sind stark in den Dialekt-Satzstrukturen verhaftet. Es braucht viel Zeit und Energie, um diese eingeschliffenen Fehler wieder loszuwerden.»

Die Quims-Beauftragte in der Schwamendinger Schuleinheit Auzelg, Michaela Frigg, beurteilt die Auswirkungen der Mundartinitiative ähnlich. Die Primarlehrer hätten festgestellt, dass die neu eingeschulten Erstklässler länger brauchen, bis sie Anweisungen verstehen oder Fortschritte im Lesen und Schreiben machen, sagt sie: «Und dies hat negative Auswirkungen auf ihre weitere schulische Entwicklung. Sie hinken immer etwa ein halbes Jahr hinterher.»

Die Beobachtungen in Schlieren und Schwamendingen bestätigen das Fazit der PHZH zum Dogmenwechsel im Kindergarten: Mundart bremst fremdsprachige Kinder bei der Entwicklung ihrer Deutsch-Kenntnisse. Claudia Neugebauer vom Fachbereich Deutsch der Pädagogischen Hochschule, sagt gar: «Unter den neuen Bedingungen verlieren fremdsprachige Kinder beim Lernen von Standarddeutsch rund zwei Jahre.» Der Grund: Da Hochdeutsch und Mundart einander in vielem sehr ähnlich sind, fällt es ihnen oft schwer, die beiden Sprachvarietäten auseinanderzuhalten. Zwar seien auch fremdsprachige Schüler in der Lage, Hochdeutsch von Dialekt zu unterscheiden und zu erlernen, räumt Neugebauer ein: «Doch es ist ein grosser Vorteil, wenn sie sich im Kindergarten erst zwei Jahre auf das Standarddeutsch konzentrieren können. Ansonsten sind sie beim Übertritt in die Schule gegenüber den Anforderungen in der Unterrichtssprache im Rückstand.»

Fahrweid sieht kein Problem

Es gibt allerdings auch Quims-Schulen, die keine negativen Auswirkungen der Mundart-Initiative feststellten. So etwa jene der Primarschulgemeinde Oetwil-Geroldswil in der Fahrweid. Auch dort sprechen die Lehrkräfte im Regelunterricht des Kindergartens trotz einem Ausländeranteil von über 60 Prozent seit 2012 Dialekt. Lediglich der Förderunterricht wird in Standardsprache gehalten. Dennoch hätten die Lehrkräfte in der Unterstufe keine Verschlechterung bei den Leistungen neu eingetretener Schüler festgestellt, sagt die Quims-Verantwortliche der Primarschulgemeinde Oetwil-Geroldswil, Monika Manfredi. Wie die Schuleinheit in Schlieren zu anderen Schlüssen kommt, kann sie sich nicht erklären. «Ich kann aber sagen, dass wir schon seit Jahren eine starke Sprach- und Integrationsförderung betreiben», so Manfredi.

PHZH stellt Gegenthese auf

Diese Antwort kontert Neugebauer von der PHZH mit einer Gegenthese: Sie weist darauf hin, dass das Schulhaus Zelgli Hochdeutsch im Kindergarten als Pionierschule «sehr sorgfältig» eingeführt habe und die Lehrkräfte spezielle Weiterbildungen dazu genossen hätten. «Es würde mich daher nicht erstaunen, wenn die Auswirkungen der Mundart-Initiative hier stärker spürbar sind als in anderen Schulen», sagt sie.

Und wer hat nun recht? Bremst das Ja der Stimmbevölkerung zur Mundart im Kindergarten Fremdsprachige nun aus oder nicht? Eine Anfrage beim kantonalen Volksschulamt bringt ebenfalls keine eindeutige Antwort zutage. Amtschef Martin Wendelspiess teilt mit, dass es «unterschiedliche Rückmeldungen» aus Fachkreisen und der Praxis – unter anderem auch aus Quims-Schulen – gebe. Auswirkungen auf die Sprachkompetenzen der Kinder und die Leistungen beim Übertritt in die Primarschulen seien nicht untersucht worden, weil «die Zeit zu kurz gewesen» sei.