Dietikon
Der Mathematiker Urs Fischbacher erforscht den Ökonomen in uns

Der Mathematiker Urs Fischbacher wurde mit dem Preis der Joachim Herz Stiftung geehrt. Er erforscht, unter welchen Bedingungen der Mensch wirtschaftlich kooperiert.

Flurina Dünki
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Der Dietiker Mathematiker Urs Fischbacher erforscht, unter welchen Bedingungen der Mensch wirtschaftlich kooperiert.

Der Dietiker Mathematiker Urs Fischbacher erforscht, unter welchen Bedingungen der Mensch wirtschaftlich kooperiert.

Flurina Dünki

Zu Beginn jedes neuen Semesters kriegen die Studenten der Universität Konstanz Besuch. Dann gehen Mitarbeiter von Urs Fischbachers Lehrstuhl für angewandte Wirtschaftswissenschaften von Hörsaal zu Hörsaal, um Teilnehmer für ihre Experimente in der Verhaltensökonomie zu rekrutieren.

Für die Grundlagenforschung in diesem Bereich ist der Dietiker Mathematiker, der neben seiner Professur auch das Thurgauer Wirtschaftsinstitut (TWI) betreibt, nun mit dem Joachim Herz Wirtschaftspreis 2016 ausgezeichnet worden. Der mit 50 000 Euro dotierte Wirtschaftspreis, der 2016 zum ersten Mal verliehen wurde, kürt den 57-Jährigen für seine Arbeiten zu sozialen Präferenzen und für die von ihm entwickelte Software «z-Tree». Diese kann Experimente, wie sie Wirtschaftsforscher mit Versuchspersonen veranstalten, selber entwickeln und durchführen.

«Das Typische an einem ökonomischen Experiment ist die Interaktion zwischen den Teilnehmenden: Wenn jemand zum Beispiel einen virtuellen Geldbetrag zahlt, hat das Auswirkungen auf die anderen Teilnehmer, die zeitgleich im Experiment agieren. Diese Koordination zu schaffen war früher sehr kompliziert. Mit der Software gelingt das nun auf einfache Weise», sagt Fischbacher. Die Stiftung des verstorbenen Hamburger Unternehmers Joachim Herz zeichnete den Mathematiker deshalb für das «beste Forschungswerk eines etablierten Wissenschaftlers» aus.

Egoismus ist nicht zielführend

Was ihn innerhalb der Verhaltensökonomie am meisten interessiere, sei das Gebiet der sozialen Präferenzen, sagt Fischbacher. «Unter welchen Bedingungen ist jemand nett? Wie reagieren die Menschen, wenn jemand nicht nett zu ihnen ist, etwa, indem er nicht fair teilt?» Entsprechend ist eines der klassischen Experimente seines Lehrstuhls aufgebaut: Darin bekommen die Teilnehmer einen fiktiven Geldbetrag zugewiesen und müssen entscheiden, wie viel davon sie dem fiktiven Gemeinschaftsprojekt beisteuern wollen.

In den Experimenten wird neu die Eye-Tracking-Technologie eingesetzt, womit gemessen wird, wohin am Bildschirm die Probanden schauen. «Damit können wir sehen, welche Information die Versuchsperson als wichtig erachtet und besser verstehen, wie sie zu Entscheidungen gelangt, so Fischbacher. Vor allem zwei Verhaltenstypen kristallisieren sich bei dieser Simulation heraus: Der bedingt kooperative Mensch, der seine Beiträge zu erhöhen bereit ist, solange die anderen gleich hohe Summen beisteuern. Und der egoistische Mensch, der eher weniger als andere aufbringt.

«Es ist aber nicht zwingend der egoistisch Denkende, der am meisten erreicht, denn die anderen kooperieren weniger mit ihm», sagt der Forscher. Menschen, die das Verhalten der anderen richtig einschätzen und dadurch abschätzen können, in welcher Situation sie welches Verhalten an den Tag legen sollen, seien grundsätzlich die erfolgreichsten, sagt der Professor. «Tugenden wie Verlässlichkeit und Grosszügigkeit sind erfolgsversprechender in Wirtschaftsbeziehungen als Egoismus.»

Doch Fischbachers Forschungsergebnisse sollen nicht den einzelnen Unternehmer zum Erfolg führen. Durch die Analyse unseres wirtschaftlichen Denkens soll das wirtschaftliche System optimiert werden, etwa mittels Anreize durch den Gesetzgeber. «Hat der Einzelne den Eindruck, dass viele nicht zu einem gemeinsamen Gut beitragen oder weniger als er selber, wird er seinen Beitrag in der Regel auch schmälern.»

So führe ein intransparentes Steuersystem dazu, dass der Bürger deshalb Steuern hinterzieht, weil er davon ausgeht, dass es andere auch tun. «Im Forschungsgebiet der Verhaltensökonomie geht es grundsätzlich darum, Entscheidungen von Menschen zu verstehen und die gewonnenen Erkenntnisse zur Beantwortung noch offener Wirtschaftsfragen zu nutzen.»

Als Forscher würden ihn Konsequenzen beschäftigen, die eine spezifische Abweichung von den gängigen Modellen der klassischen Ökonomie hätten. Zudem wolle sein Lehrstuhl herausfinden, welche Entscheide vom jeweiligen kulturellen Hintergrund mitbestimmt und welche von Menschen rund um den Globus ähnlich gefällt werden. «So beobachteten wir etwa bei Experimenten in einer Stammesgesellschaft, dass Probanden sehr grosszügige Handelsangebote ablehnten. In ihrer Kultur ist verankert, dass grosszügige Geschenke auch grosszügig zurückgegeben werden müssen.»