Weiningen

Der Marathonsammler: Er läuft auch mal 110 Kilometer in Russland

Dieses eingespielte Trio ist schnell unterwegs: Lykos, Jack Haug und Minor rennen durch die Weininger Rebberge.

Dieses eingespielte Trio ist schnell unterwegs: Lykos, Jack Haug und Minor rennen durch die Weininger Rebberge.

Der Weininger Jack Haug läuft für seine Leidenschaft mehr als nur eine Extrameile. Es können auch mal 110 Kilometer in Russland sein.

Boston, London, Berlin, Chicago, New York, Tokyo: Das sind die sechs World Marathon Majors. Jack Haug hat sie alle in seiner Sammlung. Dazu kommen Medaillen mit Seltenheitswert, aus Singapur, Norwegen, Grönland – und Nordkorea.

Jack Haug, den viele als «Köbi» kennen, ist über die Weininger Dorfgrenzen hinaus als OK-Präsident des Rebblüetefäschts bekannt. International einen Namen macht sich der 39-Jährige aber als Marathonläufer. Zwei Medaillen hat er dieses Jahr bereits heimgeholt. Am Freitag letzter Woche lief er einen 50-Kilometer-Ultramarathon, in 4 Stunden und 56 Minuten. Dort, am Toten Meer zwischen Israel und Jordanien, sehe es wegen der Salzkristalle aus wie auf dem Mond, erzählt Haug. Im Januar lief er einen Marathon in der Wüste Dohas, wo es – zu seiner Überraschung – regnete.

Angesteckt mit dem Lauffieber hat er sich im Jahr 2001: Haug arbeitete auf einer Farm in Brasilien, als er im Fernsehen einen Werbespot für den Marathon in São Paulo sah. Kurzentschlossen nahm er den Bus in die Stadt – und rannte die 42,195 Kilometer. Dass seine Kollegen bezweifelten, dass er es schafft, habe ihn erst recht angespornt, sagt Haug.

Heute sei er natürlich schneller unterwegs als damals. Wohl auch dank seiner beiden Trainingsgefährten, die ihm unermüdlich voranspringen: der sechsjährige Labrador-Mix Minor – der «wohl schon mehr Berge bestiegen hat als die meisten Menschen» – und der einjährige Husky Lykos. Die beiden begleiten ihn beim Training in den höheren Gebieten des Limmattals oder auch im Wallis, wo er sich auf über 2000 Meter über Meter an die Höhe akklimatisiert. Und ab und an einem Steinbock begegnet.

Haug trainiert «nicht nach Lehrbüchlein». Genauso wenig der Norm entspricht, dass er nach der Übernahme eines Bauernbetriebs noch in der Welt herumreise, sagt Haug. Während der Saison hat sein Betrieb Vorrang. Im Juni steht die Weizenernte an, im September die Weinlese. Auch nach dem Lauf in Israel muss Haug, immer noch etwas ausgelaugt, die Ställe seiner Pferdepension ausmisten. Doch er kann auf die Unterstützung seiner Freundin, seiner Eltern und seines Angestellten zählen. «Das Wichtigste ist, dass den Tieren gut geschaut wird, wenn ich weg bin», sagt Haug.

«Spinner» ist ein Kompliment

Mittlerweile ist Haug in 27 Ländern 57 Marathons und Ultramarathons gelaufen. Davon allein neun im letzten Jahr. «Es besteht ein gewisses Suchtpotenzial», gibt er zu. In Haugs Umfeld stösst sein Hobby nicht nur auf Verständnis. Gross kümmern tut ihn das nicht. Er empfinde es sogar als Kompliment, wenn er als «Spinner» bezeichnet wird. «Ohne Seckle kann ich nicht sein», sagt er schlicht. Auch lässt er sich nicht davon abhalten, in Ländern an den Start zu gehen, die als unsicher gelten. «Ich höre da auf mein Bauchgefühl», sagt Haug. In Pakistan, Russland oder in Nordkorea sei er als Sportler aus dem Westen sehr gastfreundlich empfangen worden.

Jack Haug der Marathonsammler

Was Haug Gewinn nennt, wächst aus Mühe und Widerstand. «Sich abzuplagen gehört dazu», so Haug. Als er letztes Jahr am Khunjerab-Pass in Pakistan auf rund 4700 Meter über Meer mit Höhenkrankheit zu kämpfen hatte, legte er sich ausnahmsweise selbst die Frage vor: «Warum tust du dir das an?» Oder nachts, mutterseelenallein, beim Aufstieg am Mount Elbrus in Russland, mit dutzenden Kilometern vor sich (insgesamt waren 110 Kilometer Distanz am Stück und rund 6000 Meter Höhendifferenz zu bewältigen). Da sei ihm etwas mulmig zumute geworden. «Spätestens im Ziel ist das wieder vergessen», sagt Haug und lacht. Der Stolz darüber, es – trotz Schmerzen und widrigen Bedingungen – geschafft zu haben, sei «einfach geil». Einen «sturen Grind» brauche es, um Marathons zu laufen. «70 Prozent eines Rennens ist Kopfsache. Und ich will ums Verrecken ins Ziel kommen.» Dieser Willen zeigt sich darin, dass Haug noch nie ein Rennen vorzeitig beendete. «Da müsste ich mir schon ein Bein brechen», sagt er.

Das Ziel, die Drei-Stunden-Marke zu knacken, möchte er noch nicht aufgegeben haben. Er kam schon «relativ nahe»: Seine persönliche Bestzeit lief er letztes Jahr am Amsterdamer Marathon mit 3 Stunden und 13 Minuten.

Er verbindet den Sport mit dem Reisen

Dafür, dass Haug seine körperlichen und mentalen Grenzen austestet, wird er auch mit einem Zuwachs an Weltgefühl belohnt. Ein Privileg, betont Haug. «Ich bin extrem dankbar dafür, dass ich die Möglichkeit habe, mein Hobby so auszuleben und dabei die schönen Ecken dieser Erde sehen zu dürfen», sagt er, der seine Passion aus eigener Tasche finanziert. Reise er als Marathonläufer, nehme er alles viel intensiver wahr. Die Landschaften, die er zu sehen kriege, und die Bekanntschaften, die er mache, seien für ihn ebenso ­wertvoll wie die sportliche Herausforderung.

Doch kommt es im Zuge der Klimadebatte dass sich Haug wegen seiner Reisefreudigkeit ein schlechtes Gewissen macht. «Als Bauer erlebe ich hautnah mit, dass sich das Klima verändert», so Haug. «Und ich weiss, dass ich mit meiner Fliegerei dazu beitrage.» Deshalb kompensiere er seine Flüge mit Hilfe der Stiftung Myclimate. Mit einer Spende kann da der Flugreisende für die Menge an CO2-Emissionen, die ein bestimmter Flug verursacht, aufkommen.

«Ich schätze es umso mehr, was wir in der Schweiz haben»

Dieses Jahr noch möchte Haug in Island und Schottland antreten – Bergläufe; noch länger, noch extremer. Zunächst aber wird er im April als Assistent des Schweizer Lichtkünstler Gerry Hof­stetter nach Indien touren. Spätestens nach zwei Monaten daheim packt ihn das Fernweh. Weg von der alltäglich geordneten Welt, hinein ins Unbekannte. Wenn auch nur für ein paar Tage. Haug lächelt: «Und wenn ich mal etwas nicht so Schönes sehe, schätze ich es wieder daheim umso mehr, was wir in der Schweiz im Überfluss ­haben.»

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