Schlieren

Der Mann, der im Gemeinderat zwei Minderheiten vertritt

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Roger Seger leidet unter Polyarthritis und Colitis Ulcerosa. Hier mit seiner Hündin Caya

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Mit einem erbarmungslos offenen Gespräch im Radio SRF über seine Krankheit zog Roger Seger viel Aufmerksamkeit auf sich. Nun zieht er als erster Rollstuhlfahrer ins Schlieremer Stadtparlament ein.

Rasant fährt Roger Seger in seinem motorisierten Rollstuhl auf die Terrasse der Gastwirtschaft Stürmeierhuus. An seiner Seite sprintet die schwarz-weisse Pudeldame Caya. Flugs packt er eine Hundedecke aus, legt sie auf den Boden und reicht eine Trinkschüssel nach. Er sei jeden Tag hier im Park unterwegs, sagt er und blickt hinüber zum Schlieremer Stadthaus. Was dort drüben entschieden wird, darauf hat auch bald Seger Einfluss. So landete er nach der Gesamterneuerungswahl auf dem zehnten Listenplatz der Sozialdemokraten, dem ersten Ersatzplatz. Nun rückt er bereits nach. Robert Horber schaffte den Sprung in die Bürgerrechtskommission. Seger ist der erste Politiker im Rollstuhl, der ins Gemeindeparlament einziehen wird.

Der Grundstein für seine politische Aktivität wurde im vergangenen September anlässlich der Freilicht-Ausstellung der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer gelegt. «Ich kam mit SP-Präsident Walter Jucker ins Gespräch. In der Folge fragte er mich an, ob ich der SP beitreten wolle», so Seger. Bei den Sozialdemokraten habe er sich gleich von Beginn weg pudelwohl gefühlt. «Ich war ein wenig traurig, dass ich den Sprung ins Gemeindeparlament nicht sofort schaffte.»

Erkrankung beginnt 1990

Geboren wurde der 52-Jährige in der Innerschweiz, wo er die Schulen und eine kaufmännische Ausbildung absolvierte. Seit knapp zehn Jahren wohnt er mit seinem Lebenspartner in Schlieren. Während elf Jahren arbeitete er als Sachbearbeiter im Sozialversicherungsbereich, bevor es mit seiner Gesundheit bergab ging. Die Diagnose lautet Colitis Ulcerosa, eine chronische Dickdarmentzündung. Die Symptome reichen von unkontrollierbarem Durchfall, Fieber und Erschöpfung über Magenkrämpfe bis hin zu Blutungen im Darm. Anfänglich konnte Seger seinem Beruf noch nachgehen, der Druck wurde jedoch zu gross. «Muss man die ganze Nacht auf die Toilette rennen, kommt man irgendwann in einen Erschöpfungszustand.» Nach der Entfernung seines Dickdarms im Jahr 2007 stellten die Ärzte Polyarthritis, eine Entzündung in den Gelenken fest, wie Colitis Ulcerosa ebenfalls eine Autoimmunerkrankung. Schliesslich diagnostizierten die Ärzte 2009 eine seltene Nervenerkrankung. Diese fesselte ihn je länger, je mehr an den Rollstuhl. Heute kann er mit Pausen am Gehstock noch rund 200 Meter ohne Hilfe zurücklegen.

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Roger Seger

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In der SRF-Radiosendung «SOS – Sick of Silence» mit Robin Rehmann, der unter derselben Krankheit leidet, sagte Seger im vergangenen Mai, dass es ihm seit seiner Diagnose 1990 jedes Jahr schlechter gehe: «An Silvester sage ich mir stets, dass dieses Jahr noch beschissener war als das letzte.»

Im Zentrum seines politischen Wirkens solle daher auch das Wohlbefinden beeinträchtigter Menschen stehen. Zu geplanten Vorstössen könne er zwar noch nichts Konkretes sagen, doch habe auch Schlieren Nachholbedarf in Sachen Rollstuhltauglichkeit. «Es gibt einige Orte, wo es für Gehbehinderte schwierig ist, durchzukommen. Besonders bei der Baustelle auf dem Stadtplatz gab es hie und da schwierige Situationen», so Seger. Zwar habe er Verständnis dafür und das Gespräch mit den Verantwortlichen gesucht, die sofort reagierten. Alles in allem stelle er der Stadt eine gute Note aus.

Oft geduzt, kindlich behandelt
Die Integration gehe jedoch weit über die Ermöglichung des Zugangs zum öffentlichen Verkehr und öffentlichen Gebäuden hinaus. Daher gründete Seger gemeinsam mit anderen SP-Exponenten den Verein «MIA – Menschen mit Autoimmunerkrankung». Dieser hat es sich zum Ziel gesetzt, Betroffene und ihre Angehörigen zu vernetzten. Denn Menschen mit Beeinträchtigung würde es oft schwerfallen, im gesellschaftlichen Leben Fuss zu fassen, so Seger. Dies zeige sich auch in kleinen Dingen, etwa dass Rollstuhlfahrer oft geduzt würden oder ein kindlicher Ton anschlagen werde. «Dies ist ein Zeichen von Respektlosigkeit.»

Aber auch bei Wahlen haben Beeinträchtigte einen schweren Stand. Islam Alijaj (SP), der ins Zürcher Stadtparlament gewählt werden wollte, musste vom 12. Platz von insgesamt 16 starten. Sehr weit hinten. In Schlieren sieht es anders aus. Hier werden neu nicht nur die Gehbehinderten eine Stimme im Parlament haben: «Ich, der als beeinträchtigter Schwuler eine doppelte Minderheit vertritt, werde dieser Bevölkerungsgruppe nun eine Stimme geben», so Seger.

Und was wird er sich diesen Silvester sagen? Immerhin hat sich sein Leben mit der Wahl ins Parlament stark veränderet. «Ich habe den Turnaround geschafft. Denn mit der Wahl ins Parlament und all den guten Erfahrungen aus dem Wahlkampf und danach ist 2018 bereits jetzt eines meiner besten Lebensjahre», so Seger.

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