Altberg
Der Limmattaler Hausberg ist ein Ruhepol mit einem Kleinod darauf

Gabriela Hintermann wirtet seit 25 Jahren in der Waldschenke, jenem Restaurant, das ihr Grossvater 1921 erwarb. Nun hört sie auf und verpachtet das Restaurant weiter. Wie geht es mit der Geschichte weiter, die 1895 begann.

Sandro Zimmerli
Merken
Drucken
Teilen
Ute Hoffmann (l.) wird zusammen mit ihrer Familie ab dem neuen Jahr die Gäste auf dem Altberg bewirten. Sie hat die Waldschenke von Gabriela Hintermann gepachtet, die nach 25 Jahren als Wirtin aufhört.

Ute Hoffmann (l.) wird zusammen mit ihrer Familie ab dem neuen Jahr die Gäste auf dem Altberg bewirten. Sie hat die Waldschenke von Gabriela Hintermann gepachtet, die nach 25 Jahren als Wirtin aufhört.

Sandro Zimmerli

Der neue Turm – Favorisiert wurde zuerst der Gubrist

Nach 147 Stufen öffnet sich einem ein herrlicher Blick über das Limmattal, das Furttal und den Zürichsee. Der 30 Meter hohe Turm, nur einen Steinwurf von der Waldschenke entfernt, ist die jüngste Attraktion auf dem Altberg. Vor fünf Jahren wurde er eingeweiht. Ursprünglich sollte er aber auf dem benachbarten Gubrist zu stehen kommen. Dort wollten einige Politiker aus dem Furt- und dem Limmattal eine Idee verwirklichen, die schon lange in ihren Köpfen herumspukte. Abklärungen bezüglich Flora und Fauna zeigten jedoch, dass der Gubrist für ein solches Vorhaben nicht geeignet war. Ab 2007 konzentrierten sich die Bemühungen auf den Altberg. Die Gemeinden Unterengstringen, Weiningen, Geroldswil und Oetwil, Hüttikon, Dänikon, Dällikon und Regensdorf sowie Würenlos sprachen 2008 einen Startbeitrag von je 3000 Franken. Aus einer Arbeitsgruppe mit Vertretern dieser Gemeinden ging der Verein «Aussichtsturm Altberg» hervor. Ursprünglich wurde mit Projektkosten von 550 000 Franken gerechnet. Gekostet hat der Turm dann 660 000 Franken. Für den Vereinsvorstand stand von Anfang an fest, dass die Gemeinden dabei nicht zur Kasse gebeten werden sollten. Er wollte mit Spenden versuchen, das Projekt zu finanzieren. Diese flossen zu Beginn gut, ebbten dann aber ab. Schliesslich kam der Vorstand auf die Idee, die 147 Tritte bis zur Plattform für 500 Franken pro Stück an private Gönner zu verkaufen. Damit brachte man jedoch nur rund die Hälfte des nötigen Betrags zusammen. Aus privater Initiative gründeten schliesslich 26 Mitglieder die Gruppe «Freunde des Altbergs» und spendeten je 11 000 Franken für den Bau des Turms. (zim)

Das Einkehren in der Waldschenke kommt einer Zeitreise gleich. «Dieser Fleck ist wie ein Stück heile Welt», sagt Gabriela Hintermann. Seit 25 Jahren wirtet sie auf dem Altberg. Wie das zuvor schon die Eltern und die Grosseltern getan haben. Seit 1921, als ihr Grossvater Adolf Schibli an einer Gant eine Waldparzelle auf dem Altberg ersteigerte, ist die Waldschenke in Familienbesitz.

Weiterhin ein Familienbetrieb

Das wird auch künftig so bleiben. Dennoch bahnen sich Veränderungen an. Gabriela Hintermann hört Ende Jahr als Wirtin auf. Die Waldschenke hat sie an ihre langjährige Stellvertreterin Ute Hoffmann und deren Familie verpachtet.

«Es ist ein guter Zeitpunkt, um aufzuhören. Es war schon immer mein Plan, dass ich nicht bis 65 Jahre hier oben wirte», sagt die bald 56-jährige Hintermann. Sie habe keine eigene Familie und sei glücklich, dass sie so gute Mitarbeiter habe, die die Waldschenke weiterführen werden. «Einem Wildfremden zu verpachten, kam für mich nie infrage», so Hintermann.

Der Ausichtsturm wurde 2010 eröffnet
3 Bilder
Die Waldschenke liegt nur einen Steinwurf vom Turm entfernt
Vom Turm aus geniesst man den Blick ins Limmattal

Der Ausichtsturm wurde 2010 eröffnet

Sandro Zimmerli

Trotz des Wirtewechsels wird sich für die Gäste auf dem Altberg wenig ändern. «Auch wir sind ein Familienbetrieb und werden die Waldschenke in ähnlichem Stil weiterführen wie bislang», sagt Ute Hoffmann. Natürlich bleibe auch das Fondue auf der Speisekarte, jenes Gericht, das bis heute der unangefochtene Favorit bei den Gästen ist.

«Wieso soll ich etwas verändern, das funktioniert?», fragt Hoffmann, die mit ihrem Mann vor acht Jahren «per Zufall» den Weg auf den Altberg fand. Die gelernte Köchin fühlt sich wohl hoch oben über dem Limmat- und Furttal. «Anfangs war es gewöhnungsbedürftig, auf dem Berg zu wohnen. Mittlerweile geniesse ich die Ruhe hier oben», so Hoffmann.

Eine Ruhe, die auch von den Gästen geschätzt wird. «Wer hier hinauf kommt, will es geniessen, will den Alltag hinter sich lassen», sagt Hintermann. Sie habe deshalb auch nie Probleme mit ihren Gästen gehabt, keine Auseinandersetzungen, keinen Streit. Nicht zuletzt deshalb spricht sie von einem «privilegierten Arbeitsort». Das Wirten auf dem Altberg könne man nicht vergleichen mit dem Führen eines Restaurants in einem Dorf.

Die Gäste sind es denn auch, die Hintermann vermissen wird. «Die Arbeit im Gastgewerbe erfordert eine hohe Präsenzzeit. Freizeit bleibt wenig übrig», so Hintermann. Deshalb würde sich ein Grossteil der sozialen Kontakte bei der Arbeit ergeben. Aus Gästen seien so Freunde geworden. Manche von ihnen würden schon seit 50 Jahren regelmässig in der Waldschenke einkehren. «Der Altberg ist auch deshalb ein Hausberg für mich, ein Stück Heimat», sagt Hintermann.

In den Ferien auf dem Altberg

Eine Heimat, mit der die scheidende Wirtin schon seit der Kindheit eng verbunden ist. «Ich war oft bei meiner Grossmutter in den Ferien auf dem Altberg. Als ich etwa sechs Jahre alt war, habe ich hier oben einen Guetzlistand betrieben», erinnert sie sich. Später habe sie in der Waldschenke mitgeholfen, so wie es sich für einen Familienbetrieb gehöre. «An Mittwochnachmittagen und an den Wochenenden war für mich klar, dass es auf den Altberg geht», sagt Hintermann, die in Höngg aufgewachsen ist.

Auch in Zukunft wird Gabriela Hintermann auf dem Altberg, ihrem Berg, anzutreffen sein. «Nun aber als Gast oder als Ferienaushilfe», sagt sie. Trotz der Wehmut, die mit dem Abschied von der Waldschenke verbunden ist, freut sich Hintermann auch auf die Zeit, die auf sie zukommt: «Im Winter werde ich oft Skifahren gehen. Und auch mein Hobby, das Malen, werde ich intensivieren.» Überhaupt wolle sie sich all den Dingen widmen, die im Laufe der letzten 25 Jahre zu kurz gekommen seien. Etwa richtige Ferien machen.

Noch aber steht Gabriela Hintermann hinter dem Tresen. Am 28. Dezember wird sie ihren letzten Anlass durchführen. Dann wird die Waldschenke geschlossen, ehe sie am 2. Januar wieder ihre Türe öffnet. Nun unter neuer Führung, aber immer noch mit derselben Stube und ihren Petrollampen.

Einst eine Baracke, heute ein Kleinod

Es tat sich einiges im Tal. Das 20. Jahrhundert stand vor der Tür und im Limmattal wurden Schienen für die Strassenbahn verlegt, die Ende 1900 ihren Betrieb aufnehmen sollte. Die Dörfer der Region waren trotz der aufkommenden Technik noch weitgehend bäuerlich geprägt. Dies hat sich seither radikal geändert. Eine Konstante bildete in all den Jahrzehnten des Wandels der Altberg. Damals wie heute war und ist er ein beliebtes Ausflugsziel.

Bereits um 1895 stand oben auf der Lichtung, wo sich heute die Waldschenke befindet, eine Wirtschaft samt Aussichtsturm. Über dessen Schicksal ist wenig bekannt. Offenbar erfreute er sich nicht nur bei Sonntagsausflüglern grosser Beliebtheit. Neben Liebespaaren sollen auch leichte Mädchen und ihre Freier den Weg auf den Berg gefunden haben und den Turm für ihre Schäferstündchen genutzt haben. Nicht selten sollen auch Gemeinderäte an diesem nächtlichen Treiben teilgenommen haben. Diese «unsittlichen Vorkommnisse» riefen den Kanton auf den Plan. Er entzog dem damaligen Pächter das Wirtepatent. Was danach mit dem Turm geschah, liegt bis heute im Dunkeln. Er muss aber vor 1917 abgebrochen worden sein. Als gesichert gilt hingegen, dass auf dem Fundament des Turms eine Holzbaracke gebaut wurde.

Zu diesem Zeitpunkt wusste die 1895 in Hüttikon geborene Rosa Hirs noch nicht, dass dieser Holzverschlag schon bald ihr Leben bestimmen sollte. Rosa Hirs kannte den Altberg schon seit Kindesbeinen an von Sonntagsausflügen mit ihrem Vater. Auf dem Berg verlobte sie sich 1917 auch mit ihrem Verehrer Adolf Schibli. Zwei Jahre später heirateten die beiden. Schon bald kam Nachwuchs auf die Welt.

Entbehrungsreiches Leben

Adolf Schibli war damals Präzisionsschleifer, verlor jedoch wegen den wirtschaftlich schwierigen Zeiten seine Arbeit. Da traf er einen Entscheid, der sein Leben und das seiner Familie auf den Kopf stellen sollte. 1921 ersteigerte er sich auf einer Gant jene Waldparzelle auf dem Altberg, auf der die Holzbaracke stand. Und so zogen die Eltern Schibli ein Jahr später mit ihren drei Töchtern auf den Altberg. Das Leben und Wirten hoch über dem Tal war hart. Es fehlte an Elektrizität und einem Telefonanschluss. Das Wasser musste vom zehn Minuten entfernten Felsenbrünneli herangeschafft werden. Letzteres änderte sich erst, als Vater Schibli etwas unterhalb der Waldschenke auf eine Quelle stiess.

Unterkriegen liess sich die Familie nicht. Das Haus wurde sukzessive umgebaut und erweitert. Mittlerweile erblickte eine vierte Tochter das Licht der Welt. Um die nun sechsköpfige Familie durchzubringen, nahm Adolf Schibli eine Stelle bei der Maag-Zahnräder beim Escher-Wyss-Platz an. Früh morgens machte er sich auf den Weg und kehrte abends gegen 20 Uhr wieder auf den Altberg zurück.

Auch die schwierigen Jahre während des 2. Weltkriegs, als der Vater im Aktivdienst weilte und sich zeitweise Soldaten auf dem Altberg einquartierten, überstand die Familie. 1955 schliesslich starb Adolf Schibli. Rosa Schibli führte den Betrieb fortan alleine, bekam am Wochenende jedoch Hilfe von den mittlerweile erwachsenen Töchtern. Eine von ihnen, Gertrud Hintermann-Schibli trat 1979 schliesslich in die Fusstapfen ihrer Mutter. Zusammen mit ihrem Mann Albert und Tochter Gabriela übernahm sie die Waldschenke. Allerdings mussten nun aufgrund kantonaler Vorschriften grosse Umbauten im und um das Haus getätigt werden. Dank grosszügiger finanzieller Unterstützung der umliegenden Gemeinden konnten diese Aufgaben bewältigt werden. In jener Zeit des Wirtewechsel wurde mit dem Käse-Fondue auch dasjenige Gericht auf die Speisekarte gesetzt, das bis heute der Renner in der Waldschenke ist.

Rosa Schibli verstarb 1990, kurz vor ihrem 95. Geburtstag. Ihre Tochter Gertrud, die die Waldschenke zu einem Treffpunkt für verschiedene Vereine machte, starb 2001. Ihr Mann Albert folgte ihr zwei Jahre später. Seit nun 25 Jahren wird die Waldschenke von Gabriela Hintermann geführt.

Quelle: Heinz Lüthi: «Rosa Schibli. Wirtin zur Waldschenke Altberg»