Dunkle Flecken des Limmattals
Der letzte Dieb am Zürcher Galgen: Nach Melchior Dürr baumelte niemand mehr

In Zürich wurde 1810 letztmals ein Todesurteil mit dem Strang vollzogen – verhaftet wurde der Dieb im Limmattal.

Sandro Zimmerli
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Rund 270 Hinrichtungen durch den Strang wurden in Zürich in knapp 400 Jahren durchgeführt. (Symbolbild)

Rund 270 Hinrichtungen durch den Strang wurden in Zürich in knapp 400 Jahren durchgeführt. (Symbolbild)

Keystone

Es muss ein schrecklicher Anblick gewesen sein. Und dann der Gestank. Ganze drei Monate lang soll Melchior Dürr am Galgen vor den Toren Zürichs gehangen haben – gut sichtbar auf einem Moränenhügel in der Nähe des Dorfes Albisrieden an der Wegverbindung nach Baden.

Der hängende Leichnam sollte eine Warnung ans Volk sein. Vollstreckt wurde das Todesurteil am 22. März 1810. Und das vor einer noch nie da gewesenen Menge Zuschauer, wie der Historiker Meinrad Suter in seinem Buch «Kantonspolizei Zürich. 1804-2004» schreibt.

Dunkle Flecken im Limmattal

Das Limmattal und seine düstere Seite – in der Region wurde in der Vergangenheit manch dunkle Geschichte geschrieben. In einer Sonntags-Sommerserie werden fünf von ihnen genauer beleuchtet. Nächste Folge: Hexen im Limmattal.

Dingfest gemacht wurde Dürr im Jahr zuvor im Weininger Wald. Dort entdeckte ein Landjägergefreiter Namens Ganz eine aus drei Männern, vier Frauen und drei Kindern bestehende Vagantenfamilie. Die Familie konnte sich nicht ausweisen und schien überhaupt verdächtig zu sein.

Sie wurde deshalb in einer Scheune festgenommen und ins Zuchthaus Zürich gebracht. Allerdings gelang einem der Männer die Flucht. Sie sollte indes nicht lange währen. Bereits am Abend desselben Tages wurde er in Wipkingen wieder verhaftet.

Derweil machten der Weininger Gemeindeammann und ein Hüterbub des Klosters Fahr eine besondere Entdeckung. In der Scheune, wo die Vagantenfamilie verhaftet wurde, fanden die beiden sieben seidene Halstücher, eine lange Hose und ein Paar Schuhe. Wie sich herausstellte, stammten die Gegenstände aus einer Oerliker Stube. Dort waren sie kurz zuvor entwendet worden.

81 Diebstähle und Einbrüche

Das reichte den Behörden aus, um eine strafrechtliche Voruntersuchung einzuleiten. Diese führte schliesslich dazu, dass das Obergericht beschloss, die Brüder Jakob und Melchior Dürr, deren Mutter Barbara und Georg Steubinger vor das Malefizgericht, wie das Strafgericht zu jener Zeit genannt wurde, zu stellen.

Die erhobenen Vorwürfe gegen die vier Heimatlosen, die aus dem Elsass und der Steiermark stammten, wogen schwer. Nicht weniger als 81 Diebstähle und Einbrüche wurde den Jaunern, wie Mitglieder einer Gaunerbande damals hiessen, zur Last gelegt.

Erschwerend kam hinzu, dass sie bereits aktenkundig waren und schon früher zu Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Dementsprechend hart fielen die Strafen aus. Melchior Dürr wurde zum Tod durch den Strang und Steubinger zum Tod durch das Schwert verurteilt. Gegen Jakob Dürr sprach das Gericht eine 20-jährige schwere Kettenstrafe aus. Barbara Dürr wurde zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt.

Galgenfreies Zürich

Mit der Vollstreckung von Melchior Dürrs Todesurteil endete ein besonderes Kapitel Stadtgeschichte. Es war die letzte Hinrichtung am Galgen in Zürich. Die Richtstätte, deren Existenz seit dem 14. Jahrhundert an jener Stelle in Albisrieden überliefert ist, an der sich heute das Freibad Letzigraben befindet, wurde 1831 abgerissen.

Damit war der einzige Galgen Zürichs Geschichte – das Grossmünster hatte seinen in Fluntern nach der Reformation aufgehoben. Bis zu seinem Ende fanden in Albisrieden rund 270 Hinrichtungen durch den Strang statt. Sie galten als wenig ehrenhaft und wurden meist bei Dieben angewandt.

Oft wurden die Toten wochenlang am Galgen hängen gelassen und dann an Ort und Stelle vergraben – neben Tierkadavern. Denn unmittelbar neben der Richtstätte befand sich der Wasenplatz. Dort arbeitete der Wasenmeister. Seine Aufgabe war es, Tierkadaver zu beseitigen. Oftmals handelte es sich dabei um Pferde und Hunde. Die Abdecker verdienten sich neben ihrer eigentlichen Arbeit ein Zubrot, indem sie den Tieren die Haut abzogen und sie an die Gerber verkauften.

Viel häufiger als durch den Strang wurden in Zürich Todesurteile durch die ehrenhafteren Enthauptungen vollstreckt. Wie der Galgen befand sich an der Badener Strasse auch die sogenannte Hauptgrube. Auf diesem Platz wurden die Hinrichtungen mit dem Schwert vorgenommen. Sie befand sich auf Höhe der heutigen Verzweigung Anker-/Badenerstrasse.

Die Grube wurde 1706 durch den Rabenstein, einen erhöhten Platz ersetzt, um dem grossen Zuschauerandrang Herr zu werden. Mit der Abschaffung der Schwertstrafe wurde 1835 auch der Rabenstein aufgehoben. Hinrichtungen durch Verbrennung wurden auf dem «Grien», einer Sandbank der Sihl, vorgenommen. Mit der Annahme der neuen Kantonsverfassung 1869 durch das Zürcher Stimmvolk wurde die Todesstrafe schliesslich ganz abgeschafft.

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