Limmattal
Der korrekte Einkauf wird einem nicht leicht gemacht

Das Motto «Geiz ist geil» bestimmt unser Konsumverhalten. Selbst für die Kundschaft, die beim Kauf ihrer Kleider gern faire Produktionsbedingungen fördern würde, gibt es in der Region kein grosses Angebot.

Sophie Rüesch
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Hungerlöhne, fehlende Sicherheit, Überstunden und diktatorische Führungsverhältnisse: Was hinter den Tiefpreisen der Kleidergeschäfte steckt, überlegen sich viele der Konsumenten nicht.Keystone

Hungerlöhne, fehlende Sicherheit, Überstunden und diktatorische Führungsverhältnisse: Was hinter den Tiefpreisen der Kleidergeschäfte steckt, überlegen sich viele der Konsumenten nicht.Keystone

Billige Mode scheint nicht aus der Mode zu kommen. Das Limmattal ist da keine Ausnahme – im Gegenteil: Bei Spaziergängen besonders durch die Stadtzentren stechen immer wieder Tiefpreisangebote in die Augen: Da werben kleine Läden mit T-Shirts für 3 Franken und Jeans und Schuhen für 5 Franken. Auch bei grösseren Modehäusern zeigt sich ein ähnliches Bild: Kleider für wenige Franken sind auch bei H&M und Co. mitnichten die Ausnahme.

Dass bei solchen Preisen nicht viel für die Menschen übrig bleiben kann, die die Massenware produzieren, dürfte auf der Hand liegen. Die miserablen Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten sind gemeinhin bekannt: Hungerlöhne, fehlende Sicherheit, Überstunden und diktatorische Führungsverhältnisse. Ereignisse wie der Einsturz einer Fabrik in Bangladesch, bei dem 2013 Tausende getötet oder schwer verletzt wurden, oder eingenähte Hilferufe in Kleidern der irischen Billigkette «Primark» sind nur die neuesten Bestätigungen eines Sachverhalts, auf den Medien und Nichtregierungsorganisationen schon seit Jahren aufmerksam machen.

Eine Verbesserung der Situation zeichnet sich nicht ab. Denn die Nachfrage gibt den Anbietern im Tiefpreissegment recht. Das Motto «Geiz ist geil» hat sich tief in der Gesellschaft verankert; immer schneller wechselnde Trends und immer billiger werdende Kleider begünstigen sich dabei gegenseitig. Doch selbst einer Kundschaft, die hinter ihren Outfits faire Produktionsbedingungen wissen will, wird korrekter Konsum nicht einfach gemacht. Im Firmencheck 2014, den die entwicklungspolitische Organisation «Erklärung von Bern» (EvB) im Juni herausgegeben hatte, verpassen sämtliche unter die Lupe genommenen Modeunternehmen die Note «Gut» (siehe auch Kontext unten).

Wer nun vermutet, dass die EvB die Latte schlicht zu hoch ansetzt, dem widerspricht die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS): «Die Erklärung von Bern hat langjährige Erfahrung in diesem komplexen Geschäft und recherchiert sehr gründlich und seriös», sagt SKS-Projektleiterin Josianne Walpen.

Trotz der ernüchternden Resultate des Firmenchecks rät sie Konsumentinnen und Konsumenten, denen faire Kleidung ein Anliegen ist, nicht zu resignieren: «Sich im stillen Kämmerchen zu ärgern, bringt nichts. Man muss den Firmen Druck machen, etwa indem man immer wieder nachfragt, wie die Waren produziert wurden», so Walpen. Nur so würden die Unternehmen merken, dass faire Arbeitsbedingungen in der ganzen Produktionskette «je länger, je mehr ein Anliegen sind» – und entsprechend handeln.

Chicorée bildet Schlusslicht

Ganz schlecht weg kommt im Firmencheck das Unternehmen Chicorée, das Jörg Weber 1982 in Dietikon gegründet hat und das mittlerweile über 170 Filialen in der Schweiz zählt. In der Kategorie «Ungenügend» ist die Firma zwar in guter Gesellschaft – dort sind auch Grössen des Schweizer Detailhandels wie Beldona, Globus, PKZ, Schild und Calida oder gar Luxuslabels wie Gucci und Versace vertreten. Doch selbst unter diesen bildet Chicorée mit null Punkten noch das Schlusslicht.

Zwar zeigt sich die EvB in ihrer Einschätzung des Dietiker Unternehmens verhalten optimistisch: Sie hofft, dass Chicorée seinen sozialen Fussabdruck zurzeit am Verbessern sei. Immerhin hat die Firma im Gegensatz zu früheren Anfragen dieses Jahr nämlich den Fragebogen der EvB ausgefüllt. Auch Chicorées Code of Conduct verspricht Besserung: «Jeder Arbeiter hat das Recht auf einen Lohn, der für die Erfüllung der menschlichen Grundbedürfnisse ausreicht», erklärt die Firma da.

Die EvB warnt jedoch vor der Gefahr, dass das ein reines Lippenbekenntnis bleiben könnte. Denn was folgt – «Es müssen zumindest die gesetzlich vorgegebenen Mindestlöhne oder die branchenüblichen Löhne eingehalten werden» – sei trügerisch: Da Mindestlöhne in den Produktionsländern anders als in der Schweiz noch ganz und gar kein Existenzminimum darstellten, sei ein Bekenntnis zu deren Einhaltung noch nicht sehr aussagekräftig.

Pascal Weber, Chicorée-Mediensprecher und Gründersohn, wehrt sich dagegen und präzisiert: Die Firma strebe durchaus einen «Mindestlohn an, der die Grundbedürfnisse der ArbeiterInnen deckt und in einer Standardarbeitswoche erreicht werden kann», sagt er auf Anfrage. Ihm ist bewusst, dass die Textilfirmen «einen gewissen Teil zur Einführung von existenzsichernden Mindestlöhnen beitragen können». Er weist aber darauf hin, dass auch die Textilfabriken vor Ort und die einzelnen Regierungen härter in die Pflicht genommen werden müssen.

Weniger Zwischenhandel, mehr Einfluss auf Produktion

Um der eigenen Verantwortung besser nachzukommen, hat Chicorée nun eine interne Arbeitsgruppe «Nachhaltige Arbeitsbedingungen in der Lieferkette» geschaffen. Die EvB zeigt sich davon jedoch noch wenig beeindruckt – solange konkrete und nachweislich erfolgreiche Massnahmen fehlen. Pascal Weber erbittet sich etwas Geduld: «Die ersten Resultate erwarten wir bis zu Beginn des kommenden Jahres», sagt er. Zurzeit würden bestehende Produktionsbetriebe in Bangladesch auf die Gebäudesicherheit überprüft. Zudem strebe Chicorée eine mittelfristige Reduktion ihres Zwischenhändleranteils von 40 auf «10 bis 20 Prozent» an – so «soll der direkte Einfluss auf die Produktionsfirmen erhöht werden».

Bei den tiefen Preisen sieht Weber jedoch nicht den Kern des Problems. «Tiefe Produktionspreise implizieren nicht automatisch schlechte Arbeitsbedingungen», sagt er. Das grosse Angebot auf dem Textilmarkt habe nun einmal einen starken Preisdruck zur Folge. Vielmehr müsse sich die weltweite Textilindustrie als Ziel setzen, «mit einer verstärkten und nachhaltigen Konzentration auf Produktions- und Arbeitsbedingungen der stärker werdenden Dynamik im Textilmarkt zu begegnen».

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