Geraume Zeit hatten die Sozialbehörde der Stadt Dietikon und eine Abteilung des Kinder- und Jugendhilfezentrums (KJZ) das Heu nicht mehr auf derselben Bühne. «Suboptimal» und «unbefriedigend» nennt der Dietiker Stadtrat die Zusammenarbeit mit der KJZ-Abteilung «Soziale Arbeit und Mandate» in seiner Antwort auf eine Interpellation von Gemeinderat Ernst Joss (AL). Dieser wollte wissen, was an Gerüchten rund um das Verhältnis von Stadt und KJZ dran ist. Es ist eine ganze Menge, wird aus dem Stadtratsbericht klar.

Die Differenzen seien grundsätzlich auf «unterschiedliche Ansichten im Rollenverständnis» zurückzuführen. Für den Stadtrat ist klar: Die Stadt respektive deren Sozialbehörde, die über selbstständige Verwaltungsbefugnisse verfügt, ist Auftraggeberin und Entscheidungsinstanz, das KJZ lediglich ein Dienstleister. Dieser kommt etwa zum Zug, wenn die Stadt bei weniger akuten Fällen von familiären Problemen – also nicht solchen, die direkt bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) landen – Massnahmen beschliesst, die sie nicht selbst umsetzen kann, zum Beispiel Familienbegleitungen. Doch: «Mit der Tatsache, dass das KJZ faktisch lediglich über eine Beratungsfunktion verfügt, der Entscheid aber bei der Sozialbehörde liegt, vermochten einzelne Mitarbeitende des KJZ offensichtlich nicht umzugehen.»

An der Arbeit der KJZ-Abteilung habe die Sozialbehörde schon länger einiges auszusetzen gehabt: So seien bei zu ergreifenden Massnahmen keine Ziele definiert, bei zu verlängernden laufenden kein Fortschritt feststellbar gewesen. Auf weitere Informationen zu Fällen habe man stets insistieren müssen. «Ein Stück weit liegt es ja auch in der Natur der Sache, dass da Ideologien aufeinanderprallen: Sozialarbeiter haben einzig das Wohl des Kindes im Auge, während eine Sozialbehörde auch die Kosten im Blick behalten muss», sagt Roger Bachmann (SVP), Dietiker Sozialvorstand und als solcher auch Präsident der Sozialbehörde.

Das Fass zum Überlaufen brachten für die Stadt Dietikon die Vorgänge an einer Behördensitzung: Dort hätten KJZ-Mitarbeitende der Sozialbehörde «offen gedroht»: Sie hätten in Aussicht gestellt, den vorliegenden Fall an die Kesb weiterzugeben, entscheide die Sozialbehörde nicht im Sinne ihres Antrags. Damit wäre «die Entscheidungskompetenz der Sozialbehörde faktisch ausgeschaltet worden», schreibt der Stadtrat.

Amtschef eingeschaltet

Mehrmals habe die Stadt wegen der Probleme das Gespräch gesucht, lange vergebens. Eine Wende scheint allerdings im Gange, seit die Angelegenheit in den höheren Etagen angekommen ist. So führten Vertreter der Stadt im Januar auf Vermittlung durch Bachmanns Parteikollegen und Kantonsrat Rochus Burtscher ein Gespräch mit André Woodtli, Chef des der Bildungsdirektion angehörigen Amts für Jugend und Berufsberatung (AJB), sowie Christian Stauffacher, Leiter der Geschäftsstelle Horgen, der das KJZ Dietikon unterstellt ist.

Dabei schien die Stadt offene Türen einzurennen: Die beiden hätten bestätigt, dass die Zusammenarbeit im Bezirk Dietikon – im Gegensatz zu anderen Regionen – im betreffenden Bereich tatsächlich nicht gut funktioniere. Der Kritik Dietikons hatten sich auch mehrere andere Bezirksgemeinden angeschlossen. Amtschef Woodtli führt die Probleme auf Anfrage vor allem auf die vielen Wechsel in der Leitung des KJZ Dietikon während der letzten 15 Jahre zurück. In anderen Bezirken, in denen die Konstanz in der Führungsetage grösser ist, sei noch nie ein Konflikt so weit eskaliert, dass er bis zum Amtschef durchdrang.

Einzig gegen den Vorwurf der Drohung an besagter Behördensitzung wehrt sich Woodtli: «Es ist das gute Recht einer Gemeinde, eine vorgeschlagene Massnahme abzulehnen. Wenn die KJZ-Mitarbeitenden danach aber das Kindeswohl weiterhin gefährdet sehen, ist es ihre Pflicht, dies der Kesb zu melden. Das hat nichts mit Illoyalität zu tun.» Ansonsten aber betont er, dass Dietikon völlig richtig damit liege, sich als Auftraggeberin und das KJZ als Dienstleister zu verstehen. «Dass das nicht allen KJZ-Mitarbeitenden klar ist, darf nicht sein.» Auch Stauffacher räumt auf Anfrage ein: «Es hat tatsächlich Fehlverhalten seitens KJZ gegeben, was ich sehr bedauere.»

Dietikon wurde bei der Aussprache versichert, dass die Probleme so bald wie möglich gelöst würden. Die Intervention des übergeordneten Amtes sorgte innerhalb des KJZ Dietikon aber zuerst für einigen Unmut, wie der Stadtrat berichtet: Nachdem erste personelle Konsequenzen gezogen wurden, seien offenbar «interne und vertrauliche Informationen» an Dritte weitergegeben worden.

Für die Stadt habe dies «eindrücklich unterstrichen, dass in der aktuellen Konstellation eine konstruktive und auf Vertrauen aufgebaute Arbeit nicht möglich ist». Welche Informationen genau an welche Dritte flossen, behandelt das KJZ vertraulich. Es handle sich aber nicht um Falldaten, sondern ausschliesslich um Informationen über interne Abläufe. Damit dürfte der Beginn der Informationskette gemeint sein, die am Schluss zu Joss’ Interpellation im Gemeinderat führte.

Problembewältigung im Gange

Mittlerweile stehen die Zeichen wieder auf Annäherung. Man sei daran, Fehlverhalten intern aufzuarbeiten, so Stauffacher. «Es liegt uns sehr viel an einer gut funktionierenden Zusammenarbeit mit der Stadt Dietikon. Darauf ist nicht nur das KJZ, sondern insbesondere die betroffenen Familien und Kinder angewiesen.» Am 1. September tritt mit Charlotte Fritz eine neue Leiterin ihre Stelle an. Auch im Team habe es Wechsel gegeben, so Woodtli. Fehler seien zudem mit den Betroffenen besprochen und Massnahmen zur Verbesserung getroffen worden, so Stauffacher.

Bachmann sagt, dass die Zusammenarbeit in jüngster Zeit keine Probleme mehr verursacht habe. Auch der Stadtratsbericht betont, dass man «trotz des Vertrauensmissbrauchs weiterhin zu einem konstruktiven Dialog» bereit sei. Darauf kommt das KJZ gerne zurück; in die Problemlösung wird die Stadt eingebunden. Bachmann ist zuversichtlich, dass man den Draht zueinander wieder finden werde – wie auch Stauffacher: «Schliesslich geht es um das Wohl der lokalen Bevölkerung und nicht um unsere Eigeninteressen.»

Sollten die Probleme wider Erwarten weiter bestehen, hält sich die Stadt die Option offen, eine eigene Abteilung zu schaffen, welche die bisher an das KJZ ausgelagerten Dienstleistungen selbst erbringen würde. Ob sich dabei Aufwand und Nutzen die Waage halten würden, ist allerdings fraglich.