Mittefasten
Der Jöggel brachte das Dorf zusammen

Mit Böögg und Bratwürsten machten die Unterengstringer dem Winter den Garaus.

Mojan Salehipour
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Jöggel verbrachte seine letzten Stunden am Ufer der Limmat. Für die Besucher gab es dort eine Wurst und etwas zu trinken.

Jöggel verbrachte seine letzten Stunden am Ufer der Limmat. Für die Besucher gab es dort eine Wurst und etwas zu trinken.

Darina Schweizer

Es ist kurz vor zehn in Unterengstringen. Am Limmatdamm steht ein Anhänger, auf dem riesige Tannenäste zu einem meterhohen Turm aufeinandergestapelt wurden. Hoch oben in luftiger Höhe stehen zwei Männer auf dem Holzstoss und ziehen gemeinsam an einem Seil. Es scheint ein schwieriges Unterfangen zu sein. Auch die Männer unten auf dem Anhänger helfen mit. Sie schieben und halten. Was dort so schwer am Seil hängt, ist Jöggel der Böögg. Es scheint fast so, als versuche sich die überdimensionale Figur mit den giftgrünen Haaren noch ein letztes Mal gegen ihr baldiges Ende zu wehren. Beim Mittefasten wird in Unterengstringen, immer drei Wochen vor Ostern, der Winter mit einem grossen mehrtägigen Dorffest verabschiedet. Bei dieser Tradition der Winteraustreibung, die noch auf alte heidnische Bräuche zurückgeht, spielt der Böögg eine prominente Rolle. Er wird von den Sechstklässlern der Primarschule des Schulhauses Büel gebastelt und anschliessend getauft. Zum grossen Abschluss des Festes wird der Böögg verbrannt und der Winter mit einem feierlichen Feuerwerk verabschiedet. In nur wenigen Stunden soll Jöggel also zum Höhepunkt des Abends werden.

Erst das Holz, dann die Würste

Doch bis es so weit ist, braucht es viele Helfer, die zuvor beim Holzsammeln und Aufschichten des Holzstosses helfen. «Seit sieben Uhr morgens sind die Leute schon hier und bauen auf», sagt Willy Haderer, Informationsmeister der Mittefastenkommission. Eine weitere Tradition, die unentwirrbar mit dem Aufrichten des Bööggs zusammenhängt, ist das anschliessende Würsteverteilen an die Bevölkerung. Sie ist in ihrem ursprünglichen Sinn vor allem als Dank und Motivation für die Helfer gedacht, erklärt Haderer. Der aufgestellte Jöggel und die frischen Bratwürste bringen an diesem Morgen viele Bewohner des Dorfes zusammen. Die ersten sind schon ab Punkt zehn Uhr da und bekommen die ersten heissen Würste des Tages direkt vom Grill in die Hand.

Die Grillmeister sind schnell: Obwohl die Schlange lang ist, muss man nicht allzu lange warten. Mit Wurst und Bürli in der Hand trifft man Nachbarn und Bekannte und kann sich auf die Verbrennung des Bööggs am Abend einstimmen. Jöggel steht nun auch dort, wo er stehen soll, nämlich kerzengerade auf dem Holzscheit und schaut auf die Limmat.

Schon seit den frühen Morgenstunden sind die Helfer dran den Holzstoss für den Böögg zu bauen,
13 Bilder
Würsteverteilung am Mittefasten in Unterengstringen hat Tradition
Wurst, Bürli und Böögg haben viele Unterengstinger am Morgen an die Limmat gezogen
Mit grossem Kraftaufwand wird der schwere Böögg auf den Holzstoss gezogen und aufgestellt
Mit Wurst und Bürli und in guter Gesellschaft, stimmt man sich in Unterengstringen auf die Verbrennung des Bööggs ein
Im Eiltempo werden die Würste verpackt und verteilt
300 Würste wurden verteilt
Im Eiltempo werden die frischen Würste verpackt und verteilt
Gemeindepräsident René Rey bei seiner Einbürgerungsrede
Neubürgerin Sandra Schär erhält Bürgerurkunde, Bürgerbecher und eine rote Nelke
Am Sonntagabend fand das Mittefasten mit der Bööggverbrennung und einem gorssen Feuerwerk seinen feierlichen Abschluss (2)
Am Sonntagabend fand das Mittefasten mit der Bööggverbrennung und einem gorssen Feuerwerk seinen feierlichen Abschluss (3)
Am Sonntagabend fand das Mittefasten mit der Bööggverbrennung und einem gorssen Feuerwerk seinen feierlichen Abschluss (1)

Schon seit den frühen Morgenstunden sind die Helfer dran den Holzstoss für den Böögg zu bauen,

Mojan Salehipour

Mit seinen neongrünen Haaren, der roten Nase und dem violetten Mund scheint er den meisten zu gefallen. «Der Jöggel ist ein gelungener Böögg und sieht mit den vielen Farben sehr fröhlich aus. Daher passt der lustige Name auch sehr gut ihm», findet Besucherin Nicole Stadelmann.

Walo Hollenweger hat schon viele Bööggs gesehen. Bis vor zwei Jahren hat er ihn jeweils noch mitaufgestellt. Für ihn komme es nicht so auf das Aussehen an, worum es vor allem gehe, sei die Vertreibung des Winters. Dreihundert Würste wurden an diesem Tag verteilt. Dieter Meier, Obermeister der Mittefastenkommission, ist zufrieden: «Es ist gut gelaufen. Wir hätten sogar noch ein paar Würste mehr verteilen können.»

Einbürgerungen: Zwischen Tradition und Zukunft

Auf schlammigem Grund und feuchten Bänken, aber nicht weniger feierlich, wurden am Samstag fünf Neubürger von der Gemeinde Unterengstringen willkommen geheissen. Trotz Nässe und Kälte liessen es sich zahlreiche Dorfbewohner nicht nehmen, der traditionellen Zeremonie der Bürgeraufnahme im Wald am Chüebrünneli beizuwohnen. Ebenfalls anwesend waren Delegationen aus den Nachbargemeinden, wie die Gemeindepräsidenten aus Weiningen und Oberengstringen oder die Stadtpräsidenten aus Dietikon und Schlieren.
Die Musiker der «Jugendmusik rechtes Limmattal» eröffneten die Veranstaltung. Im Anschluss kommentierte Gemeindepräsident René Rey in einer Ansprache die aktuelle Lage der Gemeinde, sowohl aus politischer als auch aus kultureller Perspektive. Zwischen Gemeinschaft stiftenden Traditionen und einem in die Zukunft gerichteten Blick wachse und lebe Unterengstringen, so Rey. Wachstum berge Herausforderungen, aber auch Möglichkeiten. Die zunehmende Bürokratisierung der politischen Entscheidungswege erschwere geplante Vorhaben oft, aber Frust und Empörung würden nicht weiterhelfen, sagte Rey. «Konstruktive Lösungen sind gefragt.» Gerade das Mitbestimmungsrecht an den Wahlurnen sei ein wichtiges Gut, das genutzt werden sollte. Es seien die Bürger und ihr Engagement, «die eine Gemeinde formen und mitgestalten, durch sie lebt die Gemeinde». Unterengstringen wolle mit dem Pflegen von Traditionen einen Kontrapunkt setzen und Menschen zusammenbringen in einer Zeit, in welcher der soziale Kontakt zunehmend auf digitale Kanäle beschränkt werde. Neubürgerin Sandra Schär hält nach der Verleihung Urkunde und Bürgerbecher im Arm und freut sich: «Es ist schön, dass so viele Bürger an diesem Ereignis teilnehmen. Gerade an einem so kalten Tag wie heute ist das keine Selbstverständlichkeit.» (mos)