Es ist kurz vor zehn in Unterengstringen. Am Limmatdamm steht ein Anhänger, auf dem riesige Tannenäste zu einem meterhohen Turm aufeinandergestapelt wurden. Hoch oben in luftiger Höhe stehen zwei Männer auf dem Holzstoss und ziehen gemeinsam an einem Seil. Es scheint ein schwieriges Unterfangen zu sein. Auch die Männer unten auf dem Anhänger helfen mit. Sie schieben und halten. Was dort so schwer am Seil hängt, ist Jöggel der Böögg. Es scheint fast so, als versuche sich die überdimensionale Figur mit den giftgrünen Haaren noch ein letztes Mal gegen ihr baldiges Ende zu wehren. Beim Mittefasten wird in Unterengstringen, immer drei Wochen vor Ostern, der Winter mit einem grossen mehrtägigen Dorffest verabschiedet. Bei dieser Tradition der Winteraustreibung, die noch auf alte heidnische Bräuche zurückgeht, spielt der Böögg eine prominente Rolle. Er wird von den Sechstklässlern der Primarschule des Schulhauses Büel gebastelt und anschliessend getauft. Zum grossen Abschluss des Festes wird der Böögg verbrannt und der Winter mit einem feierlichen Feuerwerk verabschiedet. In nur wenigen Stunden soll Jöggel also zum Höhepunkt des Abends werden.

Erst das Holz, dann die Würste

Doch bis es so weit ist, braucht es viele Helfer, die zuvor beim Holzsammeln und Aufschichten des Holzstosses helfen. «Seit sieben Uhr morgens sind die Leute schon hier und bauen auf», sagt Willy Haderer, Informationsmeister der Mittefastenkommission. Eine weitere Tradition, die unentwirrbar mit dem Aufrichten des Bööggs zusammenhängt, ist das anschliessende Würsteverteilen an die Bevölkerung. Sie ist in ihrem ursprünglichen Sinn vor allem als Dank und Motivation für die Helfer gedacht, erklärt Haderer. Der aufgestellte Jöggel und die frischen Bratwürste bringen an diesem Morgen viele Bewohner des Dorfes zusammen. Die ersten sind schon ab Punkt zehn Uhr da und bekommen die ersten heissen Würste des Tages direkt vom Grill in die Hand.

Die Grillmeister sind schnell: Obwohl die Schlange lang ist, muss man nicht allzu lange warten. Mit Wurst und Bürli in der Hand trifft man Nachbarn und Bekannte und kann sich auf die Verbrennung des Bööggs am Abend einstimmen. Jöggel steht nun auch dort, wo er stehen soll, nämlich kerzengerade auf dem Holzscheit und schaut auf die Limmat.

Mit seinen neongrünen Haaren, der roten Nase und dem violetten Mund scheint er den meisten zu gefallen. «Der Jöggel ist ein gelungener Böögg und sieht mit den vielen Farben sehr fröhlich aus. Daher passt der lustige Name auch sehr gut ihm», findet Besucherin Nicole Stadelmann.

Walo Hollenweger hat schon viele Bööggs gesehen. Bis vor zwei Jahren hat er ihn jeweils noch mitaufgestellt. Für ihn komme es nicht so auf das Aussehen an, worum es vor allem gehe, sei die Vertreibung des Winters. Dreihundert Würste wurden an diesem Tag verteilt. Dieter Meier, Obermeister der Mittefastenkommission, ist zufrieden: «Es ist gut gelaufen. Wir hätten sogar noch ein paar Würste mehr verteilen können.»