Der alte Mann, er ist vielleicht 80 Jahre alt, wischt sich die Augen. Etwas verstohlen nimmt er ein Taschentuch hervor, drückt es schnell auf seine Augen, schnäuzt sich die Nase, atmet einmal tief durch. Er sieht ein bisschen verlegen aus, wie er so dasteht, mitten in der Dietiker Stadthalle, mit einer roten Nase und glänzenden Augen.

Dabei kümmern seine Tränen niemanden. Er ist bei Weitem nicht der Einzige, der von seinen Gefühlen übermannt worden ist. Auch die junge Frau im schwarzen Kleid, die Nick Vujicic nun umarmt, weint. Hinter ihr warten mindestens hundert andere Personen geduldig darauf, bis sie den Mann im Rollstuhl in die Arme schliessen dürfen.

Die einen tun es etwas unbeholfen und gehen schnell wieder. Andere drücken ihn an sich, als wäre er ein alter Freund. Sagen: “Das war etwas vom Berührendsten, was ich je gehört habe.” Oder: “Danke. Sie sind unglaublich.”

Nick Vujicic inspiriert Leute. Hauptberuflich. Seine Bücher sind Bestseller, seine YouTube-Videos werden millionenfach angeklickt. Auf seinen Tourneen rund um die Welt hat er mehr als 5 Millionen Kilometer zurückgelegt und in über 50 verschiedenen Ländern gesprochen, an Schulen, vor Firmen, an Anlässen – oft vor Tausenden von Menschen. Nick Vujicic ist eine Art Rockstar.

Nick Vujicic: Die Macht des positiven Denkens

Nick Vujicic: Die Macht des positiven Denkens

Das war nicht immer so. Denn der heute 33-Jährige, der als Sohn serbischer Auswanderer in Australien aufwuchs, ist ohne Arme und Beine zur Welt gekommen – als Folge einer extrem seltenen Fehlbildung, dem Tetra-Amelie-Syndrom. Seine Eltern schickten ihn in eine reguläre Schule, weil sie wollten, dass er selbstständig wird.

Doch seine Kindheit war von Depressionen, Angst und Selbstzweifeln geprägt. Er wurde gehänselt und ausgelacht, fühlte sich einsam. Als er acht Jahre alt war, habe er sein Leben angeschaut und sich gedacht: “Ich werde nie heiraten, ich werde nie einen Job haben, ich werde nie ein sinnvolles Leben führen können”, sagt er heute über diese Zeit. Als er zehn Jahre alt war, versuchte er, sich das Leben zu nehmen.

Heute lebt Nick Vujicic in Kalifornien, ist verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Das zweite Kind ist unterwegs. Er hat Studienabschlüsse in Rechnungswesen und Finanzplanung und zwei Organisationen gegründet: “Life without Limbs”, zu Deutsch: Leben ohne Gliedmassen, und “Attitude is Altitude” (in etwa: Haltung ist Höhe). Er surft, spielt Golf, reitet, schwimmt und hat sich im Fallschirmspringen und Snowboarden versucht. Mit dem kleinen Fuss, den er an der linken Hüfte hat, kann er tippen und seinen Rollstuhl bedienen.

Er liebe das Leben, sagt Nick Vujicic heute. Oft werde er gefragt, wieso er so viel lächle. Dann sage er, das sei eine lange Geschichte. Aber eigentlich sei es auch ganz einfach. Was ihm geholfen habe, seinen eigenen Kampf zu gewinnen, wolle er nun mit möglichst vielen Menschen teilen.

Mit dieser Mission reist Nick Vujicic seit Jahren um die Welt. Eine seiner Tourneen hat ihn am Dienstag auch zum ersten Mal für einen öffentlichen Auftritt in die Schweiz gebracht. Im Rahmen eines zweitägigen Motivationsseminars stoppte er in der Dietiker Stadthalle, wo er vor rund 400 Personen sprach.

Seine Botschaften sind durchaus simpel: Du bist gut genug. Du bist wertvoll. Du kannst alles erreichen, was du willst. Gib niemals auf. Lass dich nicht von Angst oder Stolz stoppen. In Dietikon bat er jede Person im Publikum, drei Hindernisse aufzuschreiben, die sie davon abhält, einen Traum zu verwirklichen. Dann fragte er, wie viele der Hindernisse sich ändern könnten. Es waren fast alle. Nick Vujicic jubelte auf der Bühne.

Nick Vujicic spielt mit seinem kleinen Sohn

Nick Vujicic spielt mit seinem kleinen Sohn

Das alles ist nicht weltbewegend. Inspirierend ist viel mehr die Tatsache, dass die Botschaften von einem Mann kommen, der aus einer der schwierigsten Ausgangslagen, die man sich vorstellen kann, so viel gemacht hat. Er hoffe, dass er Menschen zur Dankbarkeit inspirieren könne, sagt Nick Vujicic: So oft konzentriere man sich auf das, was man nicht habe, statt auf das, was man habe.

Er selber bezieht viel seiner Kraft aus dem christlichen Glauben. In seiner Rede in Dietikon war der Glaube aber nur ein Thema von vielen.

Dass die Menschen ihm so gerne zuhören, hat auch damit zu tun, dass seine Lebensfreude so echt wirkt. Man glaubt ihm, dass er glücklich ist, gleichzeitig ahnt man, wie steinig der Weg dorthin war. Selbstmitleid scheint Nick Vujicic nicht zu kennen, nicht mehr. Seine Behinderung helfe ihm, die Leute zu motivieren, sagt er: Wenn er es schaffen kann, kann ich es auch.

Entsprechend geht er offensiv damit um, macht sich über sich selber lustig. Auf YouTube sieht man, wie er ins Wasser springt und dann ruft: “Es ist eiskalt, ich spüre meine Hände nicht mehr. “Wenn Kinder ihn fragen, was mit ihm geschehen sei, schaut er sie ernst an und antwortet: “Zigaretten.” In Dietikon sagte er, Arme und Beine hätten ihm ja sowieso nur Arthrose beschert.

In der Stadthalle blieb ein tief beeindrucktes Publikum zurück. Eine Frau, die aus Bern gekommen war, sagte, Nick Vujicic zuzuhören, rücke ganz viel in Perspektive. Wenn sie an einem Misserfolg verzweifeln wolle, denke sie an seine Geschichte und stehe wieder auf, sagte eine junge Frau aus der Region Basel, die seine Bücher gelesen hat.

Und ein älterer Herr aus Zürich sprach von der “inspirierendsten Rede, die ich je gehört habe”. Und Nick Vujicic? Der ist bereits wieder unterwegs, an den nächsten Ort dieser Erde. Der Mann hat eine Mission.