Torhüter Andreas Hirzel zog 2015 alleine nach Hamburg, um in der Bundesliga den nächsten Karriereschritt zu machen. Damals hätte er sich kaum ausmalen können, dass sich die für sein Leben einschneidendste Entwicklung neben dem Platz abspielen würde. Nach drei Jahren in der Hansestadt kehrt der 25-Jährige diesen Sommer mit seiner Frau und dem anderthalbjährigem Sohn zurück in die Schweiz.

Hirzel und seine Frau lernten sich gleich am Anfang seiner Zeit in Hamburg kennen, als der in Urdorf aufgewachsene Goalie sich während des Trainingslagers im Sommer 2015 noch an das hektische Leben in der Millionenstadt gewöhnen musste. Es sei ein absoluter Glücksfall gewesen, sagt er. Beim Erzählen ist ihm anzusehen, wie stark die Begegnung sein Leben bis heute prägt. «Ich habe menschlich und fussballerisch viel mitgenommen aus Hamburg», resümiert Hirzel seinen Abstecher in den hohen Norden. Gerade weil die Zeit beim Hamburger SV nicht immer reibungslos verlief und er lernen musste, sich durchzubeissen und das Beste aus einer vertrackten Situation zu machen, ist er auch als Fussballer reifer und stärker zurückgekehrt.

Eigentlich war Hirzel im Sommer 2015 beim FC Vaduz bereit für den Kampf um den Stammplatz, als das überraschende Angebot aus Hamburg kam. «Es ist eine Riesenfreude, wenn ein Bundesligaverein dich plötzlich verpflichten will», erinnert er sich. Und dann noch ein Traditionsverein wie der HSV, der in der abgelaufenen Saison erstmals aus der Bundesliga abgestiegen ist. Der Transfer entstand, weil Hirzel sich zum Ende der vorherigen Saison bei seinem ersten Super-League-Einsatz und in der Qualifikation für die Europa League auszeichnen konnte.

HSV-Trainer Bruno Labbadia und Sportchef Peter Knäbel, ehemaliger technischer Direktor der Schweizer Nationalmannschaft, waren überzeugt von seinem Talent und wollten ihn als Nummer drei langsam an die Bundesliga heranführen.

Start nach Mass

Die Umstellung war vor allem neben dem Rasen riesig. Die Grösse und Ausstrahlung des Vereins sowie die vielen Fans, die auch zu Trainings in Scharen auftauchten, imponierten ihm. Doch obwohl das Niveau merklich höher gewesen sei: «Auf dem Platz wird immer noch Fussball gespielt.»

Der Saisonstart verlief verheissungsvoll. Hirzel kam in der Vorbereitung in mehreren Testspielen zum Einsatz. Und weil Stammtorhüter René Adler im Spiel gegen Köln verletzt ausschied und die Nummer zwei, Jaroslav Drobny, bereits ausser Gefecht war, ging sein Traum vom Bundesligadebüt bereits am dritten Spieltag in Erfüllung. «Wenn der Ball mal im Toraus war und ich mich umgeschaut habe, habe ich nur gedacht – wow, das ist echt geil», sagte Hirzel, der erstmals vor über 50'000 Zuschauern Fussball spielte, damals zum «Blick». Im Verlauf der Saison erhielt er immer wieder Spielpraxis mit der zweiten Mannschaft in der Regionalliga und sass in der Bundesliga häufig als zweiter Torwart auf der Bank.

Nach dem vielversprechenden ersten Jahr lief es dann sportlich aber weniger rund für den Limmattaler. Ein gutes Jahr nach seiner Verpflichtung war von seinen Förderern nur noch Torwarttrainer Stefan Wächter übrig. Sportchef Knäbel war noch vor der neuen Spielzeit entlassen worden, Trainer Labbadia folgte ihm nach einem schlechten Start in die Saison 2016/2017 nach nur fünf Spielen. Sein Nachfolger Markus Gisdol setzte auf Ersatztorwart Tom Mickel und Hirzel fiel komplett aus der Rotation.

In der Bundesliga kam er bis zu seinem Abschied nicht mehr zum Einsatz. Dies sei für ihn keine einfache Situation gewesen. «Du trainierst die ganze Woche, machst Extraschichten im Kraftraum und bist trotzdem nie auf dem Platz mit dabei», erinnert er sich. Der fehlende Wettkampf habe ihm zugesetzt. Schliesslich wolle man sich als Sportler auch auf dem Platz zeigen und im Spiel besser werden.

Wieder mehr Spielpraxis

Während seiner Zeit in Hamburg ist Hirzel, dessen Vorbild die niederländische Torhüter-Legende Edwin van der Saar ist, immer in Kontakt mit seinem alten Verein geblieben. Weil der FC Vaduz für die Saison 2018/2019 auf der Suche nach einem neuen Goalie war, packte Hirzel die Gelegenheit und unterschrieb einen Zweijahresvertrag beim Challenge-League-Verein. «Ich freue mich, dass es jetzt wieder losgeht und ich wieder viel spielen kann», sagt er.
Weiter nach vorne will er zurzeit nicht schauen. Er habe in Hamburg gelernt, wie schnell sich alles verändern kann. «Ich konzentriere mich jetzt nur auf Vaduz und will mit der Mannschaft eine gute Saison spielen.» Zumindest der Einstand hätte für ihn kaum besser verlaufen können: Bei seinem ersten Pflichtspiel in der Europa-League-Qualifikation gegen Levski Sofia hielt er sein Tor sauber und Vaduz gewann 1:0.

Sich auf das Geschehen auf dem Platz zu konzentrieren, wird im beschaulichen Vaduz sicher einfacher als in der vom Abstiegskampf geprägten Zeit beim HSV mit riesigem Druck auf die Spieler und Vereinsverantwortlichen sowie täglicher negativer Medienberichterstattung. Aber auch diese Erfahrungen bezeichnet Hirzel als wertvoll: «Ich habe gelernt, damit umzugehen, wenn im Verein Unruhe herrscht.»

Und trotz wenig Spielpraxis habe er auch als Fussballer viel gelernt, etwa dank des Austauschs mit dem Hamburger Stammtorhüter René Adler. «Man kann sich von einem erfahrenen Goalie wie ihm viel abschauen.» Deshalb verlasse er den Verein in jeder Hinsicht im Guten: «Ich nehme nur Positives mit nach Hause: Vom Leben in Hamburg, vom Verein und von den Mitspielern.»

Goalie von klein auf

Dass Hirzel sich überhaupt zum eingefleischten Torhüter entwickelte, hat auch mit seiner Familie zu tun. Als jüngster von vier Brüdern war beim Spiel im eigenen Familiengarten klar, dass das Nesthäkchen zwischen den Pfosten stehen musste. Als er mit sechs Jahren dem FC Urdorf beitrat, wollte er gleich unbedingt das Tor hüten. «Andi war schon damals ein mutiger Kerl. Er stellte sich einfach ins Tor und zeigte keine Angst vor den gegnerischen Stürmern», sagte sein erster Trainer, Philipp Magni, vor Jahren zur Limmattaler Zeitung.

Als Zwölfjähriger stiess er beim FC Aarau in den Nachwuchsspitzenfussball vor und langsam begann die Idee zu reifen, dass er dereinst als Profifussballer auflaufen könnte. «Mit jeder Altersstufe kommt man dem Ziel dann ein wenig näher», sagt er. Mit 16 trainierte er in Aarau erstmals mit dem Super-League-Team und unterschrieb seinen ersten Vertrag. Obwohl sein Werdegang da bereits klar schien und er von der U16 bis zur U18 auch für die Nationalmannschaft aufgeboten wurde, absolvierte er neben dem Fussball eine Lehre als kaufmännischer Angestellter beim Aargauischen Fussballverband. Seinen Eltern und ihm selbst sei es immer wichtig gewesen, dass er sich ein zweites Standbein aufbaue.

Ein weiterer Vorteil seiner Rückkehr ist, dass er künftig wieder häufiger bei seinen Eltern und Brüdern im Limmattal zu Besuch sein wird. Zwar pflegte der Familienmensch auch von Norddeutschland aus immer den Kontakt, aber vor Ort war er wegen seines dichten Programms nur selten. Das ändert sich nun. Auch aus der Ferne habe er die Ergebnisse des FC Urdorfs immer mitverfolgt, aber vor wenigen Wochen stattete er dem Chlösterli erstmals seit vielen Jahren wieder einen Besuch ab, um das Jubiläumsspiel gegen die Grasshoppers zu schauen. Es habe grossen Spass gemacht, das Chlösterli wiederzusehen und viele alte Bekannte zu treffen. Und er war erstaunt, wie viele der alten Weggefährten genau Bescheid wussten über seinen Werdegang.