«Ich sehe mich als jungen Schweizer, der die Werte der Schweiz bestmöglich im Ausland vertritt», sagt Lars Kieni. Er spricht überlegt, wählt seine Worte mit Bedacht. Eine Qualität, die er im Europäischen Jugendparlament (kurz: EYP) zu nutzen weiss. Dort kommen Jugendliche aus über 40 Ländern zusammen. Der 21-jährige Dietiker Student der Politikwissenschaften ist seit fünf Jahren dabei. Er zählt als Mitglied des nationalen Vorstands mittlerweile zum harten Kern des rund 500 Mitglieder starken EYP in der Schweiz. Doch Kieni bleibt bescheiden: «Jede und jeder an Politik Interessierte ist willkommen.» Ziel sei, Jugendliche in ihrer Meinung zu aktuellen Themen herauszufordern. «Es tat auch mir gut, meinen Horizont zu erweitern», so Kieni.

Alles begann mit einem Freifach

Der Weg ins Jugendparlament führte für Kieni, wie für die meisten, über die Schule. In der fünften Klasse des Literargymnasiums Rämibühl in Zürich besuchte er das Freifach Rhetorik. Seine Lehrerin empfahl ihm, sich beim EYP zu melden, um seine Debattierfähigkeiten zu verbessern. Nach seiner ersten nationalen Session in Aarau 2012 nahm Kienis Leben einen neuen Kurs. Er wurde ausgewählt als Delegierter für eine Session in Finnland.

Zwei Jahre später, in Norwegen, leitete Kieni erstmals eine Kommission. Sein Engagement führte ihn weiter nach Spanien, Frankreich, Deutschland, Österreich, Bosnien, Tschechien, in die Ukraine und nach Belgien. Auch wenn er die Reisen selber finanzieren müsse, sei es das wert. «Mit dem EYP lernte ich Leute kennen, denen ich sonst nie begegnet wäre», sagt Kieni. Es sei schon kompliziert, wenn seine Kollegen nicht in Dietikon, sondern in ganz Europa leben.
Manchmal kommen sie auch zu ihm. Etwa letztes Jahr, als Kieni eine der nur dreimal jährlich stattfindenden internationalen Sessionen im bündnerischen Laax mitorganisierte. Dass er Didier Burkhalter als Redner gewinnen konnte, macht Kieni stolz. Dazu eine Anekdote: «Ich fragte bei Burkhalters Sekretärin nach, ob ich einen Parkplatz für ihn in Laax reservieren sollte. Nicht nötig, war die Antwort. Der Herr Bundesrat komme mit dem Helikopter.»

Wie aus Fremden ein Team wird

Der Dietiker scheint unaufhaltsam. Ab dem 1. August amtet er in seinen Semesterferien als Vizepräsident des erstmaligen zehntägigen internationalen Forums Yugosphere in Bosnien und Serbien. Dieses bringt Jugendliche der Nachkriegsgeneration zusammen und diskutiert die Frage «Wie weiter?». Diskutiert werden dieses Mal Themen, die den ganzen ex-jugoslawischen Raum betreffen: die Flüchtlingsströme durch den Balkan, die internationalen Kriegsverbrechertribunale oder die Rechte von Minderheiten.

Kieni hat die Aufgabe, die Themenvorschläge zu prüfen. Auch stellt er mit dem Präsidenten der Session, einem Ungaren, Trainingsmodule zusammen, welche die Kommissionsleiter auf ihre Aufgabe vorbereiten. Die drängende Frage: Wie wird aus Jugendlichen aus allen Ecken des Kontinents ein Team? «Es gibt keine Schablone, die man anwenden kann. Jedes Mal passen wir unser Vorgehen an den Teilnehmer-Mix und die regionalen Gegebenheiten an.»

Politik machen im Kriegsgebiet

Vor zwei Wochen reiste Kieni an eine siebentägige Session in die Ukraine. Angesprochen darauf, dass das Schweizer Aussendepartement (EDA) die Lage in der Ukraine zurzeit als «angespannt» einschätzt, meint Kieni, von den laufenden bewaffneten Konflikten habe er in Kharkiv, 250 Kilometer entfernt von der Rebellenregion, nicht viel mitbekommen: «Ich vertraue den Organisatoren vor Ort.» Trotzdem habe sich seine Mutter ziemliche Sorgen gemacht.

In viertägiger Teamarbeit innerhalb der Kommissionen arbeiten die Jugendlichen Lösungsvorschläge aus und verschriftlichen sie als Resolution. Nimmt sie die anschliessende Vollversammlung an, werden sie an Verbunde wie die EU, die UN oder internationale Organisationen gesendet. Ob ihre Vorschläge als Inspiration genutzt oder nicht beachtet werden, entzieht sich Kienis Kenntnis. Kürzlich habe die EU aber Roaming-Gebühren intern abgeschafft – fünf Jahre, nachdem das Jugendparlament eine Resolution zu diesem Thema verabschiedete. «Unser Hauptziel ist es nicht, einen politischen Wechsel zu veranlassen», betont Kieni. Das EYP sei politisch neutral. In der Schweiz werde es dennoch oft fälschlicherweise mit der Europäischen Union in Verbindung gebracht. Um Vorbehalten entgegenzuwirken, arbeite das EYP in der Schweiz häufig mit Nicht-EU-Organisationen zusammen.

Sein Ziel ist die Diplomatie

Den grossen Wert sieht Kieni darin, aus erster Hand zu erfahren, wie Gleichaltrige aus anderen Ländern die politische Lage einschätzen. Durch sein Engagement wuchs Kieni auch persönlich: «Angefangen habe ich als schüchterner Gymischüler. In den folgenden Jahren konnte ich meine Ängste, vor Publikum sprechen zu müssen, abbauen.» So sehr, dass er diesen März im Europäischen Parlament in Brüssel eine Rede vor 120 Sessionsteilnehmern hielt – auf Französisch.

Diplomatie und zwischenstaatliche Zusammenarbeit – diese zwei Kernthemen faszinieren Kieni. «Das Jugendparlament hat eine grosse Rolle dabei gespielt, welche Interessen ich auf beruflicher Ebene verfolge.» Sein Studium an der Universität Zürich schloss er diesen Sommer mit dem Bachelor ab. Vergangenen Herbst und Winter arbeitete er als Praktikant in der EU-Botschaft in Bern. Sein Praktikum fiel in den Zeitraum heisser Diskussionen rund um die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. «Sehr aufschlussreich», lautet Kienis Befund.

Im September zieht es ihn für den Masterstudiengang «European Global Studies» an die Universität Basel. Als Wochenaufenthalter wird er in einer WG zusammen mit anderen Studierenden wohnen, die er – wenig überraschend – im Europäischen Jugendparlament kennengelernt hat.