Multimedia-Reportage
Der heimliche Chef der Feuerwehr geht bald in Pension

Keiner kennt die Dietiker Feuerwehr so gut wie Paul Ruffiner. Seit Anfang der 90er-Jahre hat er unzählige Feuerwehrleute ausgebildet und Einsätze geleitet. Aber vor allem erledigt er die Büroarbeit. Darum muss er sich viele Fragen gefallen lassen.

David Egger
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Kleiner Mann, grosses Fahrzeug: Im Normalfall rückt Ruffiner bei Einsätzen nicht aus. Er ist der Mann in der Funkzentrale, der sich ruhig eine Strategie ausdenkt.

Kleiner Mann, grosses Fahrzeug: Im Normalfall rückt Ruffiner bei Einsätzen nicht aus. Er ist der Mann in der Funkzentrale, der sich ruhig eine Strategie ausdenkt.

David Egger

Eigentlich hat Paul Ruffiner vor 13 Jahren die Dietiker Feuerwehr verlassen wollen. Stattdessen wurde er ihr heimlicher Chef, als Stabsoffizier, der zweithöchsten Position dieser Organisation. Alles, was die Feuerwehr betrifft, geht über Ruffiners Tisch im zweiten Obergeschoss des Stützpunkts gleich hinter dem Stadthaus. «Sie müssen sich das vorstellen wie bei einer Gemeinde. Der Gemeindepräsident hat zwar am meisten Macht, aber der Gemeindeschreiber weiss am besten, was alles läuft», sagt Ruffiner zu seinem 100-Prozent-Job. Den Lohn erhält er von der Stadt und der kantonalen Gebäudeversicherung.

2003 war es, als er nach 18 Jahren als Freiwilliger die Dietiker Feuerwehr verlassen wollte. Doch es kam anders. Der damalige Stabsoffizier, Erwin Sommerhalder, wusste bereits, dass er 2005 in Pension gehen würde. Auf der Suche nach einem Nachfolger hatte die Stadt an Paul Ruffiner gedacht. Dank eines Zufalls liess sich Ruffiner von seinen Plänen, die Feuerwehr zu verlassen, abbringen: Die Metallbaugenossenschaft Hammer in Zürich, für die er 20 Jahre lang arbeitete, wurde von schwedischen Investoren übernommen, die die Produktion auslagerten.

Früher stellte er Drehkreuze her

Schon als Geschäftsleitungsmitglied und Leiter der Abteilung Mechatronik dieser Firma hatte Ruffiner viel mit Sicherheit zu tun. Die «Hammer» war in den 50er-Jahren das erste Unternehmen im Land, das Drehkreuze herstellte, wie sie zum Beispiel beim Eingang von Schwimmbädern oder in Flughäfen üblich sind. Ein gutes Geschäft, bei dem Ruffiner seit 1984 mitarbeitete.

Per 1. Januar 1986 ist er der Dietiker Feuerwehr beigetreten. Bei seinem allerersten Einsatz hatte er noch nicht direkt mit der Feuersbrunst zu tun: Nach einem Brand bei der Firma Planzer half er mit, die Brandstelle aufzuräumen. Dann folgte ein steiler Aufstieg. 1988 wurde Ruffiner Korporal. Anfang der 90er-Jahre bildete er sich weiter zum Instruktor. Seither bildet er Feuerwehrleute aus. Beim Brand der Dietiker Stadthalle im Jahr 2001 war er einer der Einsatzleiter. Die Szenen haben sich in seinen Kopf eingebrannt.

Die Sache mit dem Kanarienvogel

«Drei junge Feuerwehrleute, die ich in die eine Ecke der Stadthalle schickte, kamen schnell zurück. Der Einsatz sei zu gefährlich, ständig fielen brennende Deckenteile herunter. Daraufhin schickte ich einen der erfahrensten Männer, aber auch er kehrte wieder um. Wir konnten nicht mehr viel ausrichten. Das war der schlimmste Brand meiner Karriere», sagt Ruffiner. Auch mit dem Tod wurde er mehrfach konfrontiert. So 2013, als auf der Bernstrasse in Dietikon ein umfallender Baum zwei Menschen tötete. «Bis man vor Ort ist, kann man sich psychisch vorbereiten. Darum konnte ich solche Erlebnisse gut wegstecken.» Nur einmal ging das nicht, als er zusammen mit anderen Feuerwehrmännern völlig unvorbereitet einen Mann fand, der sich selbst erschossen hatte. «Er trug eine blaue Helly-Hansen-Jacke. Sie ist in meinen Gedanken immer wieder aufgetaucht.»

Aber Ruffiner erlebte nicht nur Tragödien. Er erzählt auch vom Einsatz, der ihn im Nachhinein am meisten zum Lachen bringt. Vor ein paar Jahren stellte eine Dietikerin ihren Kanarienvogelkäfig auf den Balkon. Das Tier brachte es fertig, zu entwischen und flog über das Haus auf einen Baum. Die Feuerwehrmänner konnten ihn nicht hinunterholen. «Jedes Mal, wenn wir ihn seine Nähe kamen, flog er auf den nächsten Ast – bis einer auf die Ide kam, den Vogelkäfig unter den Baum zu stellen. Nach ein paar Stunden flog der Vogel von alleine zurück in den Käfig. Lustig wurde das alles aber erst im Nachhinein. Denn die Besitzerin des Vogels machte eine schwierige Zeit durch», sagt Ruffiner, der auf seinem Bürotisch ein ähnlich grosses Tier stehen hat: eine Gummiente.

Roger Wiederkehr wird neuer Stabsoffizier

Noch bis Ende Juni arbeitet Paul Ruffiner für die Dietiker Feuerwehr: Am 28. Juni wird er 65 Jahre alt und pensioniert. Anfang März hat die Stadt Dietikon deshalb die Stelle als Stabsoffizier öffentlich ausgeschrieben. Inzwischen steht der Nachfolger fest: Der derzeitige Stützpunkt-Kommandant und Hauptmann Roger Wiederkehr, Jahrgang 1974 und seit Januar 1998 Mitglied der Feuerwehr Dietikon, wird Paul Ruffiner beerben. Als Stabsoffizier wird er auch Ausbildungschef der Feuerwehr. Stützpunkt-Kommandant und damit oberster Chef der Dietiker Feuerwehr bleibt der Major Stefan Fahrni, der seit Anfang des laufenden Jahres im Amt ist. Die Dietiker Feuerwehr ist eine von 14 Stützpunktfeuerwehren im Kanton Zürich. (DEG)

Was macht der Mann im Büro?

Als Ruffiner 2005 als Stabsoffizier zu arbeiten begann, fielen ihm auch Unterschiede zwischen Staat und Privatwirtschaft auf. «In der Firma hatten wir eine Sitzung und sprachen dann das Geld. Bei der Feuerwehr braucht es schnell einen Entscheid der Politik. Das ist viel langatmiger und war schon stark gewöhnungsbedürftig», sagt Ruffiner.

Auch an eine Frage, mit der die anderen Feuerwehrmänner Ruffiner immer wieder foppen, musste sich der Stabsoffizier gewöhnen. Was macht der im Büro, wenns gerade nicht brennt? «Die administrative Arbeit hat in den letzten Jahren stark zugenommen», sagt er. Eine seiner Aufgaben ist es zum Beispiel, die Einsätze der Feuerwehr zu verrechnen – eine komplizierte Sache, bei der Regelungen der Stadt und der kantonalen Gebäudeversicherung hineinspielen. Ob und von wem der Einsatz bezahlt werden muss, hängt dann zum Beispiel von den Ermittlungen zur Brandursache ab.

Auch mit Fehlalarmen muss sich die Feuerwehr abfinden. «Das gehört zum Geschäft. Aber wenn eine Alarmanlage in der gleichen Nacht dreimal ohne Grund abgeht, dann sagen wir den Besitzern schon, dass sie etwas ändern müssen», sagt Ruffiner.

Aufgewachsen ist Ruffiner in Ergisch im Wallis, ein Dorf mit weniger als 200 Einwohnern. Dort ist er schon mit 18 Jahren der Feuerwehr beigetreten und vier Jahre geblieben. «Dort oben muss die Feuerwehr keine Katzen retten. Auf dem Land holt man sie selber vom Baum», sagt Ruffiner. Und ganz kurz blitzt das Stück Walliser in ihm auf, das man sonst nur noch am Nachnamen erkennt. Das Wallis hat er 1973 für einen Job in Oberwil-Lieli verlassen. Dort lernte er dann auch seine Frau kennen. Mit den drei Kindern sind sie dann 1981 nach Dietikon gezügelt. Ein typischer Heimweh-Walliser ist Ruffiner nicht. «Wissen Sie, das Wallis in meiner Erinnerung ist ein ganz anderes als das heutige. Auch dort gab es eine rasante Entwicklung.»