Dietikon
Der Güseldetektiv untersucht illegal entsorgten Abfall

René Sturzenegger untersucht im Werkhof Dietikon illegalen Abfall. 2013 wurden 44 Abfallsünder aufgrund von Hinweisen der «Güselforensiker» gebüsst.

Florian Niedermann
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Jede Sauerei wird dokumentiert: René Sturzenegger, Güseldetektiv beim Werkhof Dietikon, untersucht illegal entsorgte Müllsäcke auf deren Inhalt, um den verantwortlichen Abfallsündern auf die Spur zu kommen.

Jede Sauerei wird dokumentiert: René Sturzenegger, Güseldetektiv beim Werkhof Dietikon, untersucht illegal entsorgte Müllsäcke auf deren Inhalt, um den verantwortlichen Abfallsündern auf die Spur zu kommen.

Florian Niedermann

René Sturzenegger kann von Glück reden, dass er unter freiem Himmel arbeiten kann: Die zwei schwarzen Säcke vor ihm stinken bestialisch. Mit den blauen Latex-Handschuhen an den Händen erinnert der 58-Jährige an einen Rechtsmediziner in einer Krimi-Serie. Doch trägt er weder Mundschutz noch weissen Kittel und statt eines Skalpells hält er ein Teppichmesser in der Hand. Die Spannung ist Sturzenegger anzusehen, bevor er die Klinge ansetzt und eine der schwarzen Plastikhüllen der Länge nach aufschlitzt. Zunächst verzieht sich sein Gesicht zu einer ekelerfüllten Grimasse: Der Gestank aus dem Innern des Sacks wird unerträglich. Doch als er den Inhalt erblickt, wird aus dem Ekel in seinen Augen ein triumphierendes Leuchten: «Schau Dir das an!»

Selbst bei genauerem Hinsehen erkennt der Laie nicht, worüber sich der stellvertretende Leiter Strassenunterhalt beim Werkhof der Stadt Dietikon so freut: Vor Sturzenegger liegen eine Bananenschale, zwei leere Schachteln Spaghetti, ein halb leeres Glas Fertigsosse, mehrere Joghurtbecher, einer davon noch verschlossen, aber bedrohlich aufgebläht, obwohl das Ablaufdatum noch nicht erreicht ist, ein Bündel Mitgliedschaftsformulare einer karitativen Organisation, eine Milchpackung, diverse undefinierbare Verpackungsmaterialien und eine leere Schachtel Zigaretten der Marke «Batton».

Sofort greift Sturzenegger nach dem Papierbündel und der Zigarettenschachtel. «Das könnte uns nützlich sein», sagt er. Als Mitarbeiter des Werkhofs kommt dem Wahldietiker mit Ostschweizer Wurzeln regelmässig die Aufgabe des «Güseldetektivs» zu. Immer wenn jemand meldet, dass sich auf öffentlichem Grund Abfall befindet, der weder mit einer Gebührenmarke versehen noch in einen Limmattaler Gebührensack verpackt ist, treten die Werkhofmitarbeiter in Aktion: Sie holen den Unrat ab und untersuchen ihn auf Hinweise nach dem Abfallsünder. Die beiden Müllsäcke, mit denen es Sturzenegger heute zu tun hat, standen zuvor an der Steinmürlistrasse. «Wenn wir etwas Sachdienliches finden, halten wir es in einem Protokoll und mit der Digitalkamera fest und leiten die Beweisstücke an die Stadtpolizei weiter», erklärt Sturzenegger.

Papier erhöht Erfolgschancen

Die Ordnungshüter führen die weiteren Ermittlungen durch, befragen mögliche Täter und erstatten — wenn sich der Verdacht gegen eine Person erhärtet — Strafanzeige beim Statthalteramt. Sind die Ergebnisse der polizeilichen Nachforschungen plausibel, stellt dieses dem Verdächtigen eine Busse aus. Dazu werden den Gebüssten aber auch die Verfahrensgebühren und der Arbeitsaufwand des Werkhofs in Rechnung gestellt. Je nach Fall kann ein Vergehen einen Abfallsünder so zwischen 80 und weit über 1000 Franken kosten.

Um den Fall an die Polizei weiterzuleiten, reichen als Indizien Zeitungen, Rechnungen oder Briefe, auf denen eine Adresse angegeben ist: «Wenn wir Papier finden, stehen die Chancen nicht schlecht, etwas zu finden», sagt Sturzenegger. Auch nach mehrmaligem Durchsehen kann er auf den Mitgliederformularen jedoch keine private Postanschrift ausfindig machen. Und auch der zweite schwarze Sack bringt keine eindeutigen Hinweise auf den Täter zutage. «Wir werden das Material trotzdem an die Polizei weitergeben. Vielleicht können sie über die karitative Organisation den Abfallsünder ausfindig machen», sagt er.

Verursachergerechte Abfallgebühren wurden in der Schweiz erstmals 1975 eingeführt, durchgesetzt haben sie sich ab 1990 vor allem in der Deutschschweiz. Zuvor deckten die meisten Gemeinden die Entsorgungskosten über Steuereinnahmen. Sturzenegger ist nun bereits seit 30 Jahren beim Dietiker Werkhof angestellt. Seit der Einführung der Gebührensäcke müssen die Dietiker «Güseldetektive» im Schnitt einmal wöchentlich ausrücken. «Besonders im Sommer, wenn der Abfall auf dem Balkon schnell zu stinken anfängt, häufen sich die Fälle. Im Winter gibt es weniger illegal entsorgten Hausrat», sagt Sturzenegger. Sommerliche Temperaturen sorgten denn auch schon für äusserst unappetitliche Erlebnisse, wie er sagt: «Einmal öffnete ich einen Sack, der vor lauter Maden fast überquoll.»

Die meisten Täter bezahlen

Im vergangenen Jahr führten die Untersuchungen von Werkhof und Polizei in Dietikon zu 44 Verzeigungen. Die meisten Täter hätten die Busse anstandslos bezahlt, sagt Statthalter Adrian Leimgrübler. Wenn sie auf ihrer Unschuld beharren, kommt es zu einer Strafuntersuchung durch das Statthalteramt. Bleibt die verdächtigte Person bei ihrer Unschuldsbeteuerung, kommt der Fall in aller Regel vor Gericht. Das Statthalteramt stellt ein Verfahren nur dann ein, wenn die Indizien nicht ausreichen. «Im Zweifelsfalle bin ich gegen eine Einstellung und lasse das Gericht entscheiden», sagt Leimgrübler. Als ausreichende Beweislage erachtet er etwa, wenn in einem Abfallbehältnis mehrere Hinweise gefunden werden, die auf dieselbe Person hinweisen. «Am besten ist es aber, wenn jemand bezeugen kann, dass der oder die Verdächtige den Güsel illegal entsorgt hat», so der Statthalter.

Die Täterschaft wurde in den letzten Jahren immer cleverer. Oft stossen die Werkhofmitarbeiter auf Abfallsäcke, in denen sich Zeitungen und Couverts befinden, bei denen die Adressangaben vor dem Entsorgen fein säuberlich herausgeschnitten wurden. «Woran aber viele nicht denken, sind die Einkaufsquittungen», sagt Sturzenegger. Auf Antrag beim Statthalteramt kann sich die Polizei nämlich die Erlaubnis einholen, bei Migros oder Coop die Identität hinter den Cumulus- oder Supercard-Nummern auf den Belegen zu erfragen. Und selbst die «Batton»-Zigarettenschachtel, welche der Werkhofmitarbeiter als Beweisstück protokolliert hat, könnte den Ermittlern dienlich sein: Konfrontieren die Polizisten einen Verdächtigen in diesem Fall, so fragen sie ihn, ob und welche Marke er rauche. «Stimmt seine Angabe mit dem Paket im Abfall überein, so ist das zwar noch kein Beweis, aber ein weiteres Verdachtsmoment», sagt Sturzenegger.

Bei so umfangreichen Ermittlungstechniken stellt sich zwangsläufig die Frage, ob auch DNA-Analysen zur Überführung von Abfallsündern verwendet werden. Sturzenegger winkt ab: «Das wäre unverhältnismässig. Diese Analysen sind viel zu teuer.» Dennoch betreiben Werkhof und Polizei einigen Aufwand, um die Täter zu stellen. Lohnt sich das überhaupt? «Auf jeden Fall», sagt er, «das Verursacherprinzip hinter den Abfallgebühren ist eine gute Sache.» Dass so viel Abfall illegal entsorgt werde, zeuge von der mangelnden Solidarität unserer Wegwerfgesellschaft. «Wenn wir die Abfallsünder nicht ausfindig machen können, kommt immer der Steuerzahler für die Entsorgung auf», sagt Sturzenegger und streift sich die blauen Latex-Handschuhe ab.