Schlieren

Der Gold-Drahtesel aus Schlieren ging um die Welt

Lilly Yokoi auf dem goldenen Rad

Lilly Yokoi auf dem goldenen Rad

Vor 50 Jahren baute der Schlieremer Velo-Mechaniker Noldi Tschopp ein vergoldetes Kunstrad für eine Zirkusartistin. Heute ist Tschopp 79 Jahre alt. Aber noch immer ist er Velomechaniker mit Leib und Seele.

Der Brief datiert vom 21. April 1966, abgestempelt in Las Vegas. Unterschrieben hat ihn «die Ballerina auf dem goldenen Fahrrad», Lilly Yokoi. Golden ist auch die Schrift im Briefkopf, golden und geprägt. Mit den Fingerspitzen kann man die Buchstaben fühlen. Noldi Tschopp lächelt und streicht das Briefpapier glatt. Er hatte den Brief schon längst vergessen. Seine Frau Heidi hat ihn an diesem Morgen beim Suchen von alten Fotoaufnahmen wiederentdeckt.

Es ist der Brief einer ganz speziellen Freundin. Lilly Yokoi, die japanische Zirkusartistin, der Tschopp 1962 ein vergoldetes Kunstrad gebaut hat. Das Kunstrad aus einer Schlieremer Werkstatt, mit dem Yokoi in Arenen auf der ganzen Welt aufgetreten ist. Das massgefertigte Kunstrad, das Velo-Mechaniker Tschopp als den schönsten Auftrag seines Berufslebens bezeichnet – auch 50 Jahre danach noch.

Heute ist Noldi Tschopp 79 Jahre alt. Aber noch immer ist er Velomechaniker mit Leib und Seele. Wie sein Vater vor ihm und sein Sohn Jürg heute. «Einen anderen Berufswunsch habe ich gar nie gehabt», sagt er. Noch heute stehe er fast täglich in der Werkstatt an der Friedaustrasse. Er lächelt, seine Frau seufzt.

Seit drei Generationen – seit der Eröffnung der ersten Werkstatt 1933 – reparieren die Tschopps nicht nur Fahrräder, sondern bauen sie auch: Kunsträder und Radballvelos. Beide Sportarten hat Noldi Tschopp auch selber ausgeübt. Mit dem Kunstrad schaffte er es sogar bis an die Weltspitze.

Mit drei Jahren sitzt Arnold Tschopp junior zum ersten Mal auf einem Velo, mit acht Jahren fängt er an, Kunstrad zu fahren. Ganz der Vater; Arnold Tschopp senior ist ebenfalls begeisterter Kunstradfahrer. Gemeinsam trainieren sie beim Velo-Club Dietikon in der Kronenscheune, später wechseln sie zum Velo-Club Schlieren. Jeden Tag absolviert Tschopp mindestens eine Stunde Training, bei schönem Wetter kurvt er mit seinem Kunstrad über den Platz vor der reformierten Kirche in Schlieren.

Das harte Training zahlt sich aus: 1953 wird der knapp 20-Jährige erstmals Schweizer Meister im Einer-Kunstrad-Fahren, ab 1955 verteidigt er den Titel zehn Jahre hintereinander. 1956 wird er Weltmeister in Kopenhagen, wird in Schlieren mit Pauken und Trompeten empfangen und stolz durch die Stadt geführt. «Das war das erste und letzte Mal, danach haben sie sich an ihren Kunstrad-Weltmeister gewöhnt», sagt Tschopp und lacht. 1957 wird er erneut Weltmeister, ebenso wie in den Jahren 1960 bis 1963. Lediglich in den Jahren 1958 und 1959 muss er sich seinem schärfsten Konkurrenten, dem Deutschen Heinz Pfeiffer, geschlagen geben. Er wird nur Vize-Weltmeister.

Heute hängen die Goldmedaillen über der Eckbank hinter dem Küchentisch gerahmt an der Wand. Kunstradfahren sei mehr Können und Körperbeherrschung denn körperliche Leistung, sagt Tschopp. Und eine reine Nervensache, wie Eiskunstlauf. «Im Training kann man die Übung zwanzig Mal perfekt. Wenn es dann ernst gilt, stürzt man.» Ist er besonders nervenstark? Tschopp lächelt schlitzohrig. «Das haben zumindest die anderen von mir behauptet.»

1962 lernt der amtierende Weltmeister Noldi Tschopp die weltbekannte Kunstradfahrerin Lilly Yokoi kennen. Für eine Spezialvorstellung treten die beiden gemeinsam beim Circus Knie auf. «Sie hat mein Kunstrad gelupft und war baff, wie leicht das war.» Kein Wunder, sagt er, «ihr Velo war aus alten Wasserleitungen zusammengeschweisst.» Yokoi habe ihm gleich den Auftrag erteilt, ihr auch ein solch leichtes Kunstrad zu bauen.

Tschopp baut zwei Monate lang an der Massanfertigung. Yokoi hat Extrawünsche, Lenker und Vorderrad beispielsweise müssen sich lösen können. Eine Spezialfirma vergoldet den Rahmen. «4000 Franken hat das Kunstrad gekostet und das Vergolden gleich noch mal so viel», sagt Tschopp. Unglaublich viel Geld für die damalige Zeit. Für ein normales Kunstrad verlangte Tschopp damals höchstens 800 bis 1500 Franken.

Die japanische Kunstradartistin Lilly Yokoi in Aktion

Die japanische Kunstradartistin Lilly Yokoi in Aktion

«Lilly Yokoi hat sich sehr über das Kunstrad gefreut», sagt Tschopp. 1962 und 1965 geht sie damit mit dem Circus Knie auf Tour. 1966 schreibt Yokoi Tschopp aus Las Vegas, wo sie gemeinsam mit ihrem schwedischen Mann Rolando, dem Artisten «The Fingerwalker», in einer grossen Show auftritt. Sie schwärmt von der Show, von Tschopps Kunstrad, legt dem Schreiben einen Zeitungsausschnitt bei. «Wir hoffen, dass es uns bei unserem nächsten Besuch in der Schweiz möglich sein wird, Sie und Ihren Vater wiederzusehen», steht geschrieben. Die Farbe der Schreibmaschinenbuchstaben ist nahezu verblasst.

Lilly Yokoi feiert mit dem goldenen Fahrrad weltweit Erfolge. Das «Hamburger Abendblatt» schreibt im Jahr 1981 sogar davon, dass Yokoi mit dem zehnfachen Lenkerschwung auf Tschopps Kunstrad ein Weltrekord gelungen sei.

Vor einigen Jahren ist der Kontakt zu Lilly Yokoi und ihrer Familie abgebrochen. Tschopp weiss noch nicht einmal, ob sie überhaupt noch lebt. Oder ob es das goldene Fahrrad noch gibt. «Sie war eine ganz Liebe», sagt er. «Und eine sehr bodenständige Person», ergänzt seine Frau Heidi und zieht mehrere Fotoaufnahmen aus einem gelben Umschlag. Es sind Bilder von Lilly Yokoi, wie sie in Absatzschuhen auf dem goldenen Kunstrad balancierend posiert. «Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sie unseren Kindern eine Holzeisenbahn geschenkt hat», sagt Heidi Tschopp. Stundenlang habe sie mit den Kindern auf dem Boden gesessen und gespielt. Davon gebe es leider keine Bilder, meint sie entschuldigend. «Aber solche Momente», sagt Heidi Tschopp, «solch schöne Momente trägt man im Herzen. Ein ganzes Leben lang.»

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