Schlieren

Der Exot tritt ab: Nikolaus Wyss verlässt Gemeinderat – nun ruft Kolumbien

Nikolaus Wyss am Schlieremer Bahnhof, ein paar Tage nach seiner letzten Gemeinderatssitzung.

Nikolaus Wyss am Schlieremer Bahnhof, ein paar Tage nach seiner letzten Gemeinderatssitzung.

Nikolaus Wyss wurde im Februar 2014 als einer der zwei ersten GLP-Vertreter ins Stadtparlament gewählt. Nach zweieinhalb Jahren im Schlieremer Gemeinderat ist für ihn Schluss.

Zur letzten Sitzung erschien Nikolaus Wyss mit einem Lächeln auf den Lippen und einer Gratiszeitung in der Hand im Salmensaal. Eigentlich hatte er ja schon von der Parlamentssitzung zuvor geglaubt, sie sei seine letzte. Aber die Wahl seiner Nachfolgerin war offenbar noch nicht amtlich bestätigt; so kam er am Montag – an dem Tag, an dem seine Mutter Laure Wyss 103 Jahre alt geworden wäre – noch ein letztes Mal in den Rat.

Die mitgebrachte Lektüre, ein subtiler Seitenhieb, wie nur Nikolaus Wyss ihn bringen kann, hat er während der Sitzung dann aber zusammengerollt gelassen. Er folgte der Debatte; und als die Geschäftsprüfungskommission diverse Erhöhungen der Einbürgerungshürden forderte, hielt er mit seiner Hand beständig dagegen.

Ein typischer Schlieremer

Es war ein kurzes Gastspiel, das Nikolaus Wyss im Schlieremer Gemeinderat gab. Im Februar 2014 wurde er als einer der zwei ersten GLP-Vertreter ins Stadtparlament gewählt. Dabei kandidierte er nicht einfach nur für den Gemeinderat; nein, er wollte auf Anhieb in den Stadtrat gewählt werden, ganz ohne Ochsentour – und ohne Schlieren schon seit sehr langer Zeit (besser noch: seit Geburt) sein Zuhause zu nennen.

Dabei sei er doch eigentlich gerade dadurch ein typischer Schlieremer: «Ich konnte mir mit meiner bescheidenen Pension das Leben in der Stadt Zürich nicht leisten. Also zog ich ins nahe, aber günstigere Schlieren.»

«Einfach nicht gepasst»

So direkt sagen will es niemand, aber man muss kein besonders scharfer Beobachter sein, um zu sehen: Nikolaus Wyss und das Schlieremer Parlament – das war keine Liebesehe. «Es war eine spannende und lehrreiche Erfahrung», sagt der 67-Jährige ein paar Tage nach der letzten Sitzung. «Aber ich bin auch nicht traurig, dass es jetzt zu Ende ist.»

Nichts würde ihm ferner liegen, als nun über das Parlament zu klagen. «Das ist, wie es ist – ich habe einfach nicht reingepasst.» Sein Unwohlsein im parlamentarischen Betrieb sei auch darauf zurückzuführen, dass in den Parlamenten des Agglomerationsgürtels rund um Zürich eine besonders konservative Politik zu beobachten sei – «die für einen Städter wie mich manchmal schwer nachvollziehbar war».

Die Aufmerksamkeit war ihm sicher - aber nicht immer nur im positiven Sinn

Wyss, dessen Ziel eigentlich der Stadtrat war, hat sich als Gemeinderat «von Beginn weg als vorläufigen Platzhalter empfunden»; er wollte vor allem die Leute, die ihre Stimme für ihn in die Urne gelegt hatten, und seine Partei nicht enttäuschen. Das heisst nicht, dass er, vor allem am Anfang seiner knapp zweieinhalbjährigen Amtszeit, nicht auch Gefallen am Politisieren gefunden hätte.

Bald machte er mit einer Vielzahl politischer Vorstösse auf sich aufmerksam – und das nicht immer nur im positiven Sinn. «Mir ist er durch eher untaugliche Vorschläge aufgefallen, wie etwa seine Initiative für eine autofreie Bahnhofstrasse», sagt der ehemalige Ratskollege Markus Weiersmüller (FDP).

Auch seine unverblümten Berichte auf Social Media kamen nicht gut an. Dort kommentierte er, just bevor er in die Geschäftsprüfungskommission gewählt werden wollte, den Ratsbetrieb auf, je nach Ansicht, amüsante oder despektierliche Weise. Den Kommissionssitz konnte er danach vergessen. 

Ehrlich gesagt: «Rein objektiv gibt es schönere Orte als Schlieren»

Jürg Naumann (Quartierverein) vermutet, dass Nikolaus Wyss wohl auch deshalb nicht alle Ratskollegen von seinen Ideen überzeugen konnte, weil ihm «manchmal ein bisschen die Erfahrung fehlte, um einzuschätzen, was möglich ist und was nicht». Dass er sich weniger für die Interessen der Alteingesessenen und mehr für jene der Neuzuzüger einsetzte, störte Naumann hingegen nicht: «Es ist wichtig, dass auch sie in der städtischen Politik vertreten sind.»

Obwohl er zum Zeitpunkt seiner Wahl immerhin schon fünf Jahre in Schlieren gelebt hatte, wurde Wyss im Rat der personifizierte Neuzuzüger. Er habe sich vor allem für die Integration der immer zahlreicher werdenden Neu-Schlieremer einsetzen wollen – und für ein Schlieren, das auch nach aussen attraktiv wirkt. «Sind wir mal ehrlich: Rein objektiv gibt es schönere Orte als Schlieren», sagt Wyss. Zu Beginn habe er «insgeheim» gehofft, er könne als Gemeinderat dabei helfen, mit kleinen Massnahmen die Stadt ein bisschen lebenswerter zu machen und so auch die Identifizierung der Einwohner mit ihr zu fördern. «Doch ich stiess mit meinen Ideen nicht auf grosses Interesse.»

Eine farbige Persönlichkeit mit einem Gespür für kreative Ideen

Auch wenn sie konkret zu nichts führte: Seine Ideenvielfalt ist es, die vielen seiner politischen Weggefährten in Erinnerung bleiben wird. «Durch seine vielen guten Ideen und seine Eloquenz hat er sicher neuen Schwung ins Parlament gebracht», sagt Bezirks-GLP-Präsidentin Sonja Gehrig; «eine farbige Persönlichkeit, die im Parlament allen überlegen war, wenn es um kreative Ideen ging», nennt ihn SP-Gemeinderat Pascal Leuchtmann. «Ich bedaure sehr, dass er nun bereits wieder geht.»

Auch sein Parteikollege im Rat, Andreas Kriesi, findet Wyss’ frühzeitigen Abgang schade. Die Arbeit mit ihm sei angenehm und immer interessant gewesen: «Er betrachtet die Dinge aus einer anderen Perspektive – und er argumentiert auf hohem intellektuellem Niveau.» Gewisse Leute hätten «seine Brillanz im Formulieren und seine umfassenden Konzepte» vielleicht auch als abgehoben empfunden, vermutet Leuchtmann.

Dass Wyss nun geht, hat viel mit seiner Nachfolge zu tun – also der Nachfolge, welcher der «vorläufige Platzhalter» mit gutem Gewissen den Sitz räumen kann. «Als Songül Viridén auftauchte, war ich erleichtert: Sie ist sehr gut vernetzt in Schlieren und eine schnelle Denkerin.» Auch sie ist kein Ur-Schlieremerin; so weiss Wyss die wachsende «Neuzuzüger-Community» weiterhin vertreten. «Ich freue mich sehr, dass mein kurzer und eher erfolgloser Ausflug in die Politik dadurch ein gutes Ende findet», sagt Wyss.

Kapitel noch nicht abgeschlossen

Nun hat er ausser der Kirchenpflege der Schlieremer Reformierten keine festen Verpflichtungen mehr. Es «bestehe die Option», nächstes Jahr nach Kolumbien auszuwandern, wo er bereits 1970 bis 1972 gewohnt und als Buchhändler gearbeitet hatte. Das Kapitel Kolumbien sei für ihn irgendwie noch nicht abgeschlossen, erzählt er, und für sein Geld würde er sich dort sicher mehr leisten können.

Doch vorerst bleibt er noch etwas in Schlieren, plant weiterhin seine Stadtführungen, die ihm während seiner Zeit als Gemeinderat auch «als Überlaufbecken dienten». Dort konnte er seine Eindrücke seiner neuen Heimat schildern. Dass Schlieren noch innovativer sein könnte, wenn es sich nur nicht immer so stark von Zürich abgrenzen müsste. Dass die Stadt gross genug wäre, sich etwas urbaner zu geben. Das Analysieren und Führen, sagt der ehemalige Ethnologie- und Soziologiestudent und Hochschulrektor, liege ihm vielleicht doch etwas näher als der parlamentarische Betrieb.

Verwandtes Thema:

Autor

Sophie Rüesch

Sophie Rüesch

Meistgesehen

Artboard 1