Sie wird geteilt, kanalisiert, von Rechen gekämmt und durch grosse, laute Maschinen gepresst: Bis die Limmat beim Wasserschloss zurück zur Natur findet (Text links), muss sie so einiges über sich ergehen lassen. Und sie leistet dabei Bemerkenswertes. Rund 280 Gigawattstunden produzieren die Kraftwerke der Stadt und des Kantons Zürich (EWZ und EKZ) sowie der aargauischen Limmatkraftwerke AG, die ein Teil des Limmatwassers von seinem Weg vom Zürichsee bis zum Wasserschloss durchfliesst. Mit dieser Strommenge können rund 63 000 Haushalte (mit einem Verbrauch von je 4500 Kilowattstunden) ein Jahr lang versorgt werden.

Fische durch die Turbine

Eins der Kraftwerke entlang der Limmat steht in Turgi, ein paar hundert Meter flussaufwärts der Stelle, wo sich die Limmat in die Aare ergiesst. Im Innern des unscheinbaren Flachbaus in der Nähe der alten Holzbrücke ist es warm und laut. «Hier fliessen pro Sekunde 35 000 Liter Wasser durch», ruft Andreas Doessegger, technischer Leiter bei der Limmatkraftwerke AG, über den Lärm des blauen Ungetüms hinweg, das bedrohlich über ihm hängt. Es ist die Turbine, Herz des Kraftwerks, das jährlich Strom für rund 1600 Haushalte produziert. Dafür wird von der Limmat ein Teil des Wassers in einen Kanal umgeleitet — mindestens zehn Kubikmeter müssen im normalen Flusslauf verbleiben. «Wegen der Tiere im Fluss», wie Doessegger erklärt. Ein Streichwehr sorgt dafür, dass höchstens 35 Kubikmeter abgezweigt werden – überschüssiges Wasser schwappt über das Wehr zurück in den Fluss. Bevor das Wasser in die Turbine kommt, fliesst es durch einen Rechen und wird so von organischem Material und Abfall befreit. Der Rechen reinigt das Wasser nicht engmaschig, kleinere Fische etwa werden von ihm nicht aufgehalten. «Die allermeisten überleben aber die Turbine», sagt Doessegger.

Künftig soll eine Fischtreppe den Tieren den Auf- und Abstieg beim Kraftwerk erleichtern. Denn dieses soll bis 2020 eine zweite Turbine erhalten. Dadurch würde sich die Stromproduktion nahezu verdoppeln. Im Moment würde eine weitere Turbine aber wenig nützen, denn die Limmat führt wegen der Trockenperiode bloss etwa 45 Kubikmeter Wasser pro Sekunde mit sich. «Im Jahresmittel sind es etwa 105», so Doessegger, dessen Geschäftsauto mit Hybrid-Antrieb draussen an der Steckdose hängt. «Eigenverbrauch», sagt Doessegger. «100 Prozent Naturstrom.»

Üble Spinnereibetriebe

Das Spinnereigebäude aus dem 19. Jahrhundert, das noch immer neben dem Kraftwerk steht, verrät: Schon früh wurde hier die Limmat zur Energiegewinnung genutzt. «Damals wurde die Wasserkraft noch rein mechanisch auf die Produktionsanlagen übertragen», erklärt Doessegger. Die Spinnerei wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von Heinrich Bébie und seinen Söhnen gebaut. Mit 34 000 Spindeln war sie damals die grösste Anlage der Schweiz. Ein Streit zwischen den Bébie-Brüdern führte zur Aufspaltung des Betriebs, der 1962 eingestellt wurde. Bis dahin galten die Spinnereien als besonders übel, was die Arbeitsbedingungen betraf. «Die Bébie und ihre Aufseher nahmen alle billigen Hände an und nutzten sie weidlich aus», heisst es auf dem Industriekulturpfad Limmat-Wasserschloss. Nicht besser ging es den Arbeitern der Baumwollspinnerei, die 1862 weiter flussabwärts beim Limmatspitz ihren Betrieb aufnahm. Bis Ende des 19. Jahrhunderts gehörte sie dem rücksichtslosen «Spinnereikönig» Heinrich Kunz. 1899 wurde sie zu einer Fabrik für Beleuchtungskörper umgewandelt, die später in der «BAG Broncewarenfabrik Turgi AG» aufging. Die Firma war im 20. Jahrhundert der grösste Arbeitgeber in der Gemeinde Gebenstorf.

Seit der Schliessung der BAG 2001 sind auf dem Areal verschiedenste Firmen tätig, es gibt das Restaurant «Wasserschloss» und das «Lernwerk» für Stellensuchende, ausserdem ein kleines Kraftwerk, betrieben von der Firma Hydroelectra. Der Limmat dürfte das alles egal sein. Ungerührt von Wehren, Kanälen und Turbinen fliesst sie ihren Weg hinunter zum Wasserschloss und verschwindet in der Aare.