Dietikon
Der Dietiker Stadtrat besucht eine bedrohte Märchenwelt

Die Dietiker Exekutive reiste in die winzige Bündner Patengemeinde Braggio, der nebst Geld auch der Nachwuchs fehlt. Dort besuchte er unter anderem eine Gruppe von Dietiker Schülern, die im Dorf einen Umwelteinsatz leisten.

Bettina Hamilton-Irvine
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Der Dietiker Stadtrat besucht eine bedrohte Märchenwelt
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Der Fussmarsch von Braggio ins Tal dauert etwa eine Stunde
Der Dietiker Stadtrat besuchte Sekundarschüler aus dem Schulhaus Zentral, die eine Umwelteinsatz leisten
Paula Bisang, Vizepräsidentin von Braggio, erklärt den Stadträten Jean-Pierre Balbiani und Johannes Felber ihr Dorf
Früher war Braggio berühmt für seine Kirschen - heute sind die Bäume alt oder krank
Regenspaziergang durch die Gemeinde
Die Jugendlichen haben Regenrinnen entlang des Weges freigelegt, damit das Wasser nicht den Fusspfad überschwemmt
Die Dietiker Schüler Marvin (13), Samuel (16), Gjeladin (16) und Jethushn (14) beim Spielen
Wer nach Braggio will, muss entweder zu Fuss gehen oder die Gondel nehmen
Ein Friedhof mit bester Aussicht
Revierförster Orio Buscetti (rechts) erklärt den Dietiker Stadträten, wie ihn die Dietiker Schüler unterstützt haben
Gemäss der Vizepräsidentin von Braggio ist die Kirche ein besonderer Kraftort
Immer mehr Leute ziehen aus dem 64-Seelen-Dorf weg

Der Dietiker Stadtrat besucht eine bedrohte Märchenwelt

Bettina Hamilton-Irvine

Wie zerrupfte Zuckerwatte liegen die Wolken über den Wipfeln der Tannen, die sich furchtlos an die steil abfallenden Felsen schmiegen. Darüber zieht sich das kleine, rote Gondelbähnli dem Himmel entgegen.

Es ist die wichtigste Verbindung der winzigen Gemeinde Braggio mit der Aussenwelt: Daneben gibt es nur noch die Option, zu Fuss in einem rund eineinhalbstündigen Marsch den steilen Hang zu erklimmen, um ins Dorf zu gelangen. Mit dem Auto nach Braggio zu fahren, ist nur zwischen Juni und November erlaubt - und auch dann nur mit einer Sondererlaubnis und einem triftigen Grund.
Braggio, ein 64-Seelen-Dorf im Calancatal, das zum italienischsprachigen Teil von Graubünden gehört, hat auf den ersten Blick nichts mit Dietikon gemeinsam.

Trotzdem gibt es gleich zwei gute Gründe, wieso diese Woche nicht weniger als fünf der sieben Dietiker Stadträte sowie die Stadtschreiberin, der Leiter der städtischen Abteilung Jugend und Freizeit sowie der Kommandant des Zivilschutzes die Reise in diesen verwunschenen Winkel der Schweiz antraten.

Denn zum einen ist Braggio die Patengemeinde Dietikons. Und zum anderen helfen zurzeit zwölf Dietiker Schülerinnen und Schüler im Rahmen einer Projektwoche dem Dörfchen, einen Fussweg auszubessern.

Im Dorf hat es nur zwei Kinder

Beim einstündigen Rundgang durch die Gemeinde, die sich über knapp 7 Quadratkilometer ausbreitet, fällt Schulvorstand Jean-Pierre Balbiani noch eine andere Gemeinsamkeit mit Dietikon auf, wie er mit Blick auf die politische Diskussion zuhause ironisch verkündet: «Beide Gemeinden haben keine Schulsozialarbeit.»

Im Falle von Braggio ist dies jedoch nicht weiter verwunderlich: Die Gemeinde hat gar keine Schule. Für wen auch? Von den 64 Einwohnern sind heute gerade einmal zwei Kinder, wie Paula Bisang, Vizepräsidentin der Gemeinde, erzählt. Primarschüler - von denen es vor etwa 30 Jahren immerhin noch acht hatte - müssen drei Dörfer weiter nach Castaneda, Sekundarschüler noch weiter nach Roveredo und wer ins Gymi will, muss gar den Weg nach Bellinzona oder Chur auf sich nehmen.

«Wir sind immer in den roten Zahlen»

Paula Bisang, die Schweizerdeutsch mit einem charmanten italienischen Akzent und dem gelegentlichen Fehler spricht («Man muss immer conservare die alte Häuser»), weiss viel über ihr Dorf zu erzählen, das rein optisch einem Bilderbuch entsprungen sein könnte. Und so ruhig und beschaulich ist, dass selbst der viel beschäftigte Stadtrat ganz gelöst über die Wiesen schreitet und Stadtpräsident Otto Müller strahlend von der guten Luft schwärmt.

Doch schnell wird klar, dass die kleine Gemeinde auch mit vielen Problemen kämpft: Immer mehr und vor allem junge Leute ziehen weg, der Nachwuchs fehlt, es lassen sich kaum Personen für die Behörden finden (siehe Kasten). Und: Die rund 50000 Franken Steuereinnahmen plus knapp 90000 Franken vom Kanton Graubünden reichen nie, um alle Ausgaben zu decken. «Wir sind immer in den roten Zahlen», sagt Paula Bisang.

Auch deshalb hat Dietikon diese Woche Hilfe geschickt: Acht Schüler und vier Schülerinnen aus dem Schulhaus Zentral helfen dem Revierförster Orio Buscetti, die Regenrinnen längs und quer des Fusswegs von Braggio ins Tal hinunter wieder freizulegen. Das ist keine Arbeit für Mimosen: Die Jugendlichen schuften mit Pickeln und Schaufeln und im strömenden Regen.

«Sie krampfen wie wahnsinnig»

Lehrer Markus Zehnder ist begeistert: «Ich habe schon viele Umweltgruppen geleitet, aber das ist die beste, die ich je hatte», sagt er beim gemeinsamen Mittagessen mit dem Stadtrat. «Die Jugendlichen krampfen wie wahnsinnig und ohne zu Murren», sagt er. Der Stadtrat applaudiert, die Schülerinnen und Schüler strahlen. Diese Woche mache ihm richtig Spass, sagt der 16-jährige Gjeladin: «Ich freue mich, dass wir diesen Leuten helfen können.» Das Dorf gefalle ihm sehr. Nur die Dusche könnte etwas wärmer sein.