Urdorf
«Der Anblick eines Krans nebenan macht mich nervös»

Allmählich kehrt nach dem Kranunglück in Urdorf die Normalität ein. Doch der Schock sitzt bei Giovanni Annoscia noch tief. Als der Kran umkippte, befand er sich in der Wohnung.

Sophie Rüesch
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Hier werden diesen Sommer keine Grillfeste mehr stattfinden. Giovanni Annoscia vor seiner zerstörten Terrasse, die er bis auf weiteres nicht betreten darf. rue

Hier werden diesen Sommer keine Grillfeste mehr stattfinden. Giovanni Annoscia vor seiner zerstörten Terrasse, die er bis auf weiteres nicht betreten darf. rue

Sophie Rüesch

Giovanni Annoscia sind viele Eindrücke geblieben von diesem schicksalhaften Nachmittag im Juni: der Knall, die verängstigte Stimme des Nachbarmädchens, die Trümmer, die Angst. Unauslöschbar in sein Hirn eingebrannt hat sich aber die Stille – die unheimliche Stille nach dem Sturz des Baukrans, der letzten Donnerstag eine Schneise quer durch ein Wohnhaus in Urdorf riss.

Giovanni Annoscia vernahm sie, als er, die sieben Kinder in seiner Obhut in der Sicherheit der Tiefgarage wissend, sich vorsichtig wieder ans Tageslicht vortastete, um das Ausmass der Zerstörung mit eigenen Augen zu betrachten. Noch bevor der Trubel losging, bevor die Polizei, die Feuerwehr, die Medien, ja das halbe Dorf sich vor der Bahnhofstrasse 89 versammelte – vor alledem «war es einfach nur still», erinnert sich Annoscia, und für eine kurze Zeit fehlen auch ihm plötzlich die Worte.

Als hätte er's geahnt

Als der Kran von der Baustelle nebenan in das Mehrfamilienhaus krachte, war Giovanni Annoscias Wohnung eine der wenigen, in denen am Donnerstagnachmittag gegen halb vier Uhr jemand zuhause war. Eigentlich hätte auch er seine Zimmerstunde wie üblich in Kilchberg verbracht, wo er ein Restaurant betreibt. Doch der Zufall wollte es, dass just an diesem Tag ein Freund aus Schlieren ihm anbot, ihn nach Hause zu fahren. Eine gute Idee, fand er, «dann kann ich noch kurz die Kinder sehen».

Als er zuhause ankam, spielte der ältere der beiden Söhne, der 12-jährige Loris, mit drei Schulkameraden an der Playstation. Der 9-jährige Luca kam etwas später mit einem Freund in die Eigentumswohnung zurück, in der die Annoscias seit sieben Jahren wohnen. Der Vater weiss noch, dass er Luca in der Küche ein Glas Wasser einschenkte. Als die beiden weg von den Fenstern in den Korridor gingen, geschah es: «Plötzlich hörte ich einen Riesenknall. Vor dem einen Fenster krachte alles herunter, vor dem anderen sah ich nur noch eine Staubwolke.» Er packte die Kinder und wollte mit ihnen durch den Keller in die Tiefgarage flüchten.

Am Donnerstag ist ein Kran auf ein Mehrfamilienhaus in Urdorf gestürzt
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Unterdessen ist der Kran abtransportiert worden
Kran kracht auf Haus in Urdorf – eine Person wurde laut Meldungen leicht verletzt. Der Sachschaden ist gross.

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Jürg Krebs

Da vernahm er die Stimme des Nachbarmädchens. Sie kam aus dem obersten Stock, wo die Verwüstung am grössten war. Annoscia vermutete das Schlimmste. Doch wie durch ein Wunder war die Teenagerin verschont geblieben. Annoscia gelang es, sie zu beruhigen und brachte sie und den Rest der Truppe in Sicherheit.

Giovanni Annoscia bleibt ruhig, wenn er sich an das Erlebte zurückerinnert. Doch der Unfall hinterliess bei ihm seine Spuren. Die ersten Nächte konnte er kaum schlafen, nicht nur deshalb, weil damals noch nicht feststand, ob die Wohnung je wieder bewohnbar sein würde – zu fest trieb ihn auch um, was alles hätte passieren können. «Wäre mein Sohn zehn Minuten später nach Hause gekommen, wäre er unter den Trümmern begraben worden», sagt er, oder: «Was, wenn ein Bus in dem Moment durch die Strasse gefahren wäre?»

Vor allem verspürt Annoscia eine riesige Wut – nicht auf jemand Bestimmtes, wie er betont: «Alle waren wahnsinnig zuvorkommend: Die Polizei, die Feuerwehr, die Gemeinde, die Nachbarn – die Solidarität war überwältigend.» Die Wut ist gegen etwas anderes gerichtet, etwas Undefinierteres: Was auch immer es war, das zuliess, dass es diesmal ihn traf. «Ich habe vor ein paar Wochen ja gerade noch vom umgestürzten Kran in Uitikon gelesen. Doch nie im Leben hätte ich gedacht, dass so was auch mir passieren könnte», sagt Annoscia und schaut zur Decke, wo stellenweise kleine Risse zu sehen sind. «Doch was will man machen?», fragt er – eines von vielen Malen während des Gesprächs.

Bald steht der nächste Kran

Nachdem die Familie einige Tage bei Bekannten in Kilchberg verbracht hatte, ist sie jetzt wieder zurück im ehemals trauten Heim – wie auch die restlichen Eigentümer, ausser einer aus dem Obergeschoss. Diese müssen wohl noch Monate warten, bis ihr Zuhause wieder bewohnbar ist. Der Rest des Hauses wurde von Statikern, Bauingenieuren und Feuerpolizei für sicher befunden. Der Schaden an Annoscias Wohnung beschränkt sich nach dem heutigen Erkenntnisstand auf die zerstörten Terrassen hinter und vor der Wohnung, samt Mobiliar und Kinderspielzeug. Im Innern blieb das meiste intakt.

Ruhig schlafen wird Annoscia wohl trotzdem noch lange nicht. «Bald gehen die Bauarbeiten weiter. Der Anblick eines Krans nebenan macht mich nervös, klar», sagt er. Auch an den Söhnen und seiner Frau sei der Vorfall nicht spurlos vorübergegangen. Bis die Normalität wieder ganz einkehrt, wird es ohnehin eine Weile dauern: Die Terrassen darf die Familie bis auf Weiteres nicht betreten, auch die Fenster müssen geschlossen bleiben. «Ein schöner Sommer», sagt Annoscia. «Doch was will man machen?»