Sportliche Erfolge

Der 95-jährige Uitiker ist das grosse Vorbild der Generation ü80

Goldjunge: Charles Eugster in seiner Uitiker Wohnung mit seinen zwei Medaillen.

Goldjunge: Charles Eugster in seiner Uitiker Wohnung mit seinen zwei Medaillen.

Seitdem Charles Eugster den Weltrekord über 200 Meter indoor gebrochen hat, ist er Medienliebling und Youtube-Sensation. Dem 95-Jährigen kommt dies gerade recht. Er ist nämlich auf der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle und einer Herzdame.

Charles Eugster hat einen vollen Terminkalender. Heute gibt er der englischen BBC ein Interview, morgen wird ein spanischer Fernsehsender bei ihm in Uitikon vorbeischauen.

Weil der 95-Jährige letzte Woche an den englischen Hallenweltmeisterschaften der Leichtathletik-Senioren den Weltrekord über 200-Meter-Sprint in der Kategorie 95+ mit 55,48 Sekunden um deren zwei unterbot, interessiert sich nun die halbe Welt für den ehemaligen Zahnarzt.

Charles Eugster aus Uitikon mit seinem Weltrekord im Alter von 95 Jahren

Charles Eugster aus Uitikon mit seinem Weltrekord im Alter von 95 Jahren

In seinem mondän eingerichteten Wohnzimmer findet sich speziell ein Regal, worauf die bisher gewonnen Sport-Pokale ausgestellt sind. Die Medaille für sein Rennen zum Weltrekord findet sich nicht darunter. Sie ist noch immer in Plastik eingepackt, wird wohl bald einen Platz im Medaillen-Regal in seinem Büro finden.

Bei dem grossen Erfolg ist es kaum zu glauben, dass er die Sprint-Disziplin erst vor knapp einem Jahr für sich entdeckt hat. «Als junger Mann bin ich nie gesecklet», sagt der britisch-schweizerische Doppelbürger mit einem schwachen englischen Akzent.

Heute geht er zwei Mal wöchentlich rennen und ebenfalls zwei mal pro Woche ins Muskeltraining. Er ist mehrfach mit World-Masters-Titeln in Rudern dekoriert. Damit startete er erst im Alter von knapp 63 Jahren. Sein körperlicher Zerfall ab 87 und der stete Muskelabbau hätten ihn gestört, da habe er mit Muskeltraining etwas dagegen unternehmen müssen: «Ausserdem bin ich sehr eitel und wollte keinen zusätzlichen Autoreifen mit mir herumtragen.»

Charles Eugster zeigte vor längerer Zeit gegenüber dem Tele M1, wie fit er ist:

Charles Eugster ist 95 Jahre alt aber fitter als mancher Teenager

Charles Eugster ist 95 Jahre alt aber fitter als mancher Teenager

In seinen Lauftrainings geht er nicht bloss rennen, er macht eine Art High intense interval Training (HiiT). Dabei wird so schnell es geht auf kurzer Distanz gesprintet, um danach gehend oder stillstehend eine Pause einzulegen. Zwei oder drei Mal macht Eugster diese intensiven Sprints, rund 200 Meter legt er dabei zurück. «Dieses Training hat meinen Puls so weit hinuntergebracht, dass er heute wieder völlig normal ist.»

Den Drang, sich fit zu halten, zeigt sich auch in Charles Eugsters Berufsleben. Erst mit 75 schloss er seine Zahnarztpraxis und betätigte sich dann mehrere Jahre lang als Verleger eines Mitteilungsblatts für Zahnärzte. «Im Anschluss an den Tod meiner Frau war ich dann rund acht Jahre arbeitslos.

Erst im Alter von 90 Jahren wurde ich für rund zwei Jahre als Fitness-Ambassador für eine deutsche Fitnesscenter-Kette angestellt. Denen wurde ich vermutlich zu teuer, sodass sie den Vertrag auflösten», so Eugster.

Nun sucht er wieder eine Stelle. Für ihn komme es durchaus infrage, sich in der Werbung einsetzen zu lassen. Denn: Beschäftigung und Beruf seien der Schlüssel zu einem langen Leben.

«Verabschieden sich Menschen von der Arbeit und werden pensioniert, dann – und dies ist wissenschaftlich erwiesen – werden sie auch eher anfällig für chronische Krankheiten», so Eugster. «Oder warum glauben Sie, ist die Königin von England mit ihren 88 Jahren noch so fit? Weil sie einen strengen, geregelten Tagesablauf hat», fügt er an.

Charles Eugster hat auch ein Buch geschrieben. Für dieses würden sich derzeit mehrere Verlage interessieren, wann es genau erscheint, kann er jedoch noch nicht sagen. Der Titel «95 and loving it» verrät jedoch schon, worum es geht: «Im Buch steht alles, was man zu einem gesunden Lebensstil wissen muss», so Eugster.

Einer der grössten Trugschlüsse unserer Zeit sei, dass alte Menschen gleichzeitig auch krank sein müssen. Eugster war kürzlich mit einem befreundeten Arzt essen. Vor der Mahlzeit nahm dieser sieben Pillen ein.

«Ich war perplex», sagt Eugster. «Als er mein verwundertes Gesicht sah, fragte er, wie viele Medikamente ich denn täglich einnehmen müsse.»

Eugster antwortete, dass er keine nehme: «Er wollte mir vehement nicht glauben, dass ich weder unter chronischen noch unter anderen Krankheiten leide», sagt er. Bis heute glaube er ihm nicht. So sehr seien die Begriffe Alter und Krankheit miteinander verknüpft.

Neben dem Muskeltraining und den vielen Läufen ist auch die Ernährung ein Mosaikstein, das zur guten Leistung an der englischen Hallenmeisterschaft geführt habe, sagt Eugster. Sein Ernährungsplan besteht darin, dass er keinen Ernährungsplan hat. «Früher waren wir alle Jäger und Sammler. Noch heute ist in unseren Genen verankert, dass wir eine möglichst vielseitige Ernährung benötigen für einen gesunden Köper», so Eugster. Dass heute Fett und Fleisch als ungesunde Dickmacher verschrien werden, kann er nicht nachvollziehen. Es kommt auf das Mass an. «Heutzutage ist es jedoch schwierig in den Regalen der Einkaufszentren noch richtige, fetthaltige Butter zu finden», sagt er. Eine seiner Lieblingsspeisen ist gebratener Speck mit Rührei.

Eines seiner nächsten Ziele ist ein eher oberflächliches. Er möchte sich gerne einen «Beach Body» antrainieren – am Strand in den Badehosen also eine gute Figur abgeben.

Der Grund: «Den siebzigjährigen Girls on the Beach würde ich gerne den Kopf verdrehen», sagt der 95-Jährige mit schelmischem Grinsen. Denn: Seit dem Tod seiner Frau hat er noch immer keine neue Herzdame gefunden. «Sie sollte aber sicherlich über siebzig Jahre alt sein, sonst ist der Altersunterschied meiner Ansicht nach zu gross», sagt er. In diesen Altersklassen sei es sehr schwierig, eine Partnerin zu finden. Liegt es vielleicht daran, dass viele Frauen in diesem Alter mit dem aktiven Lebensstil Eugsters nicht mithalten können? «Ach chum», antwortet er und weist darauf hin, dass er sich nicht als Vorbild, sondern viel eher als Vorbote sehe. Inskünftig würden hoffentlich sehr viel mehr Pensionäre einen aktiven Lebensstil pflegen – beruflich wie auch sportlich.

Innert gut einer Woche haben rund 850 000 Menschen das Youtube-Video von seinem Sieg gesehen. Eugster sieht sich selber jedoch nicht gerne beim Rennen zu, war von der Aufnahme des Laufs gar ein wenig enttäuscht. «Beim Wettkampf, da habe ich mich wie ein junges Reh gefühlt. Auf dem Youtube-Video sieht es dann aber eher so aus, als würde ich in Zeitlupentempo schleichen.»

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