Herr Hell, was macht ältere Menschen besonders anfällig für Depressionen?

Eine Depression ist meist eine Stresserkrankung: Wenn einem gewisse Stressfaktoren besonders nahe gehen, kann das eine Erkrankung begünstigen. Im Alter kommen oft viele solche Faktoren zusammen: Isolation und Einsamkeit, der Verlust von Menschen und Tagesstrukturen, die einem vorher Halt gaben – man muss sich mit einem Rollenwechsel abfinden, der vielen Mühe bereitet. Dazu kommen körperliche Leiden als Stressoren: Man kann plötzlich nicht mehr alles selber machen. Diese Häufung von Verlusten – der sozialen Kontakte, der Gesundheit, der Autonomie, der Würde – erhöhen das Depressionsrisiko.

Welche Rolle spielen dabei körperliche Beschwerden?

Es gibt Erkrankungen, die Depressionen direkt auslösen können, etwa ein Schlaganfall oder eine Schilddrüsenerkrankung. Es gibt aber auch viele Krankheiten, die die Lebensqualität vermindern und dadurch indirekt zum Auslöser werden. Und nebst den psychosozialen Belastungen treten diese im Alter natürlich häufiger auf.

Ab welchem Zeitpunkt kann man Symptome nicht mehr als Teil des normalen Alterungsprozesses abtun und muss Hilfe suchen?

Zuerst einmal darf man Traurigkeit nicht mit Depressionen verwechseln. In der Trauer verarbeitet man etwas, sie füllt die innere Leere. Eine Depression hingegen ist ein Verlust des Vermögens, intensiv zu erleben – Niedergeschlagenheit, Bedrücktheit, ein Gefühl von Schwere, negative Gedanken, Selbstvorwürfe, Schlafstörungen oder Appetitverlust zeichnen sie aus. Man kann gar nicht mehr richtig traurig sein – und leidet stark darunter. Eine Patientin von mit hat es einmal so beschrieben: Man fühlt sich, als stecke man in einem Gefrierfach. Wenn ein solcher Zustand über Wochen andauert, muss man Hilfe suchen.

Prof. Dr. Daniel Hell war langjähriger ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich sowie an der Privatklinik Hohenegg in Meilen tätig. Sein neustes Buch trägt den Titel «Depression – wissen was stimmt». Gestern hielt er in Dietikon auf Einladung des Vereins Wachen und Begleiten (wabe) Limmattal einen Vortrag zum Thema Depression im Alter.

Prof. Dr. Daniel Hell war langjähriger ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich sowie an der Privatklinik Hohenegg in Meilen tätig. Sein neustes Buch trägt den Titel «Depression – wissen was stimmt». Gestern hielt er in Dietikon auf Einladung des Vereins Wachen und Begleiten (wabe) Limmattal einen Vortrag zum Thema Depression im Alter.

Haben nicht gerade ältere Leute häufig Hemmungen, in Seelenangelegenheiten Hilfe in Anspruch zu nehmen?

Doch. Ältere Menschen tun sich oft schwer, über ihre Gefühle zu sprechen, das können jüngere Menschen viel besser. Für viele ältere Menschen sind Depressionen mit einem Stigma behaftet. Es gibt im Alter deshalb auch mehr verdeckte und in der Folge unbehandelte Depressionen. Als Doktor muss man deshalb hellhörig sein und körperliche Anzeichen besonders ernst nehmen.

Welche Rolle kommt bei der Erkennung den Angehörigen zu?

Eine wichtige. Wenn ein Betroffener zu seiner Depression nicht stehen kann, ist es hilfreich, ihm klarzumachen, dass sein Leiden behandelt werden kann und dass eine Depression nichts ist, für das man sich schämen muss. Es kann auch helfen, jemanden beim Gang zum Arzt zu begleiten.

Kann auch Demenz Depressionen verursachen?

Schwer Demente sind in der Regel nicht depressiv. Doch zu Beginn der Erkrankung, wenn man realisiert, dass die Erinnerung nachlässt, ist das natürlich belastend. Diese Phase geht häufig mit Depressionen einher.

Welche Behandlungen sind angezeigt?

Die nachhaltigste Hilfe bietet bei leichten und mittelschweren Depressionen eine Psychotherapie. Dazu kommen häufig auch Antidepressiva zum Einsatz. In manchen Fällen können Beruhigungsmittel kurzfristige Erleichterung und Schlaf bringen, wobei man hier das Suchtpotenzial im Auge behalten muss. Manchmal helfen auch schon Lichtbehandlungen, gerade im Winter. Immer gilt aber: Man muss einen Menschen mit unterstützenden Gesprächen begleiten. Eine rein medikamentöse Therapie wirkt weniger nachhaltig.

Sie forschen seit Jahrzehnten über Depressionen. Stellten Sie in dieser Zeit gesellschaftliche Entwicklungen fest, die Altersdepression heute begünstigen?

Man darf nicht schwarzmalen, doch es ist schon so: Der ältere Mensch hatte früher eine andere Stellung in der Gesellschaft. Heute hat er an Ansehen eingebüsst: Er wird langsamer, hat weniger Aufgaben. Unsere heutige Gesellschaft legt grossen Wert auf Jugendlichkeit, auf Tempo – da können viele nicht mehr mithalten. Die demütigende Komponente dieser Entwicklung ist für ältere Menschen etwas vom Depressogensten, das es gibt. In unserer beschleunigten, individualisierten Gesellschaft nimmt die Vereinsamung von älteren Menschen zu und deren Wertschätzung ab. Beides fördert Depressionen.

Was können Betroffene tun, um aus ihrer Situation herauszufinden?

Man muss versuchen, negativen Gedanken Einhalt zu gebieten und sich aktiv von ihnen zu distanzieren. Das setzt voraus, dass man seinen Zustand nicht verleugnet, sich gegen das Nachlassen der Kräfte nicht sträubt und sich von unrealistischen Ansprüchen verabschiedet. Wer sich dauernd vorwirft, nicht mehr wie in gesunden Tagen zu funktionieren, erlebt ständige Enttäuschung. Und von dieser ernährt sich die Depression.

Wie kann man dem vorbeugen?

Es lohnt sich, früh genug nach Inhalten zu suchen, die im Ruhestand neuen Sinn geben. Menschen, deren Interessen zuvor schon breit gefächert waren, sind im Alter besser vor Depressionen geschützt. Eines der besten Antidepressiva ist zudem die Bewegung, überhaupt Sorge zum eigenen Körper zu tragen. Man sollte versuchen, sich viel draussen zu bewegen. Das beugt nicht nur der Isolation, sondern auch körperlichen Gebrechen vor – die wiederum selbst zur Depression führen können. Man kann zudem versuchen, Hobbies nachzugehen, soziale Kontakte zu pflegen und trotz Wegfallen von festen Aufgaben einen stabilen Tagesrhythmus beizubehalten – all das bietet einen gewissen Schutz. Am idealsten wäre aber, sich schrittweise aus dem Arbeitsleben zu verabschieden, damit der grosse Einbruch nicht auf einen Knall erfolgt. Doch das können heute leider die wenigsten.