Das hatte ich all die Jahre im Hinterkopf, bevor ich im Jahr. 2006  den Ironman Zürich bestritt. Danach stellte sich die Frage, ob ich nach Hawaii gehen soll oder nach Kanada. Weil ich schon 2005 auf Hawaii gewesen war, entschied ich mich für die andere Option. Zwischen den zwei Ironman-Starts lagen sechs Wochen Erholungszeit, was eine kurze Zeit ist.

Der Bekannte aus Klagenfurt empfahl mir eine Unterkunft in Kanada, mein Vater begleitete mich. Letztlich war es auch deshalb ein so tolles Erlebnis, weil ich mit meinem Vater eine noch nie da gewesene Zeit teilte. Er war immer wichtig für mich in meiner Karriere, weil er selbst sehr sportlich ist. Mit ihm unterwegs zu sein, war, wie wenn ich mit einem Kumpel Ferien mache. Auch für ihn ist es bis heute eine Riesensache. Dass ich vor diesem Hintergrund einen sportlichen Erfolg feiern konnte, machte das Erlebnis doppelt schön. Der Wettkampftag fiel in einen Traumsommer. Die Gegend dort wird als das Tessin Kanadas bezeichnet; ein klimatisch begünstigtes Tal, wo sogar Pfirsiche angebaut werden.

Mit der Leistung im Schwimmen in einem grossen See war ich nicht happy, gegen die Strömung zu schwimmen, war frustrierend. Nachdem ich aus dem Wasser gestiegen war, war ich etwas down, sagte mir aber, dass es noch ein langer Tag wird. Auf dem Rad hatte ich dann geile Beine. Allerdings hatte ich keine Ahnung, wo ich im Rennen stehe, denn ich war nicht mit einer Profilizenz unterwegs, die war mir in der Schweiz verweigert worden.

Nach dem Radfahren hörte ich in der Wechselzone den Speaker, der mich als den Zweiten der Alterskategorie ausrief. Das hiess, ich war in meiner Startwelle an zweiter Stelle, die Nummer eins konnte nicht weit weg sein. Und ich war mitten im Profifeld. Die Fans am Strassenrand waren völlig crazy. Das Schöne am Wettkampf in Kanada ist, dass die Strecke sehr überschaubar aufgebaut ist. Wenn man seinen Rhythmus gefunden hat, ist man im Flow.

Danach herrschte der sportpsychologisch klassische Verlauf: Du steigerst dich in etwas hinein und ignorierst die Schmerzen. Und obwohl du merkst, dass der Tank leer geht, bist du beflügelt. Sehr emotional war das Wissen, dass ich Overall um die Top Ten herum klassiert bin.

Die letzten sieben Kilometer sind vergleichbar mit dem Weg von Altstetten nach Zürich: sehr urban, sehr viele Menschen an der Strasse. In diesem Moment wirst du von deinen Gefühlen übermannt. Es ist der Moment, wenn du begreifst, dass die Schinderei bald ein Ende hat. Du willst es nach Hause bringen, bist gut drauf. Im Ziel angekommen, versuchst du in den ersten zwei Stunden, Herr über deinen Körper zu werden. Du befindest dich in einem Halbzustand zwischen Vegetieren und Regenerieren. Es brauchte eine Zeit, das Ganze sacken zu lassen und loszulassen. Eigentlich könntest du dich gemütllich an den Strassenrand legen und es dir gut gehen lassen, doch innerlich pushst du dich immer weiter. Anschliessend kommt der Moment, wo du zu deinen Leuten kannst, dann kommt die externe Bestätigung, während du selbst das Geleistete noch nicht ganz nachvollziehen kannst.

Schliesslich ging es zu Steak und Bier, bevor wir später wieder in den Zielbereich zu Jubel und Trubel zurückkehrten. Später dachte ich allein im Zimmer darüber nach, wie die letzten Wochen und Monate gelaufen waren. Ich hakte Punkt für Punkt der inneren Checkliste ab, mit der Befriedigung, alles erreicht zu haben. Ich war der Schnellste meiner Altersklasse und im elften Gesamtrang.
Mit dieser Leistung war ich auf dem Peak meiner Karriere.

Nach diesem Wettkampf hatte ich keine Lust mehr, mir oder den Leuten etwas zu beweisen.

(Aufgezeichnet von: Raphael Biermayr)