Sie nennt sich Margrit und wirft einer Limmattaler Immobilienfirma vor, arrogant und unprofessionell zu sein. Ob sie überhaupt je ein Mietverhältnis mit dieser Firma hatte, weiss niemand. Denn auf dem neuen Onlineportal Immo-Vote kann jeder anonym Vermieter bewerten. Begründen muss man die Bewertung nicht. Margrit ist aber bei weitem nicht alleine mit ihrem Frust: Über 100 Nutzer haben die grosse Firma schon bewertet, im Durchschnitt erhält sie zwei von fünf Sternen.

Immo-Vote wurde im Frühling aufgeschaltet. Die Plattform will den Mietern im umkämpften Wohnungsmarkt eine Stimme geben. Sie wird immer bekannter, seit die Zeitschrift «Mieten & Wohnen», herausgegeben vom Schweizerischen Mieterverband, in ihrer aktuellen Ausgabe darüber berichtet hat. Es gibt mehrere Arten, um Vermieter zu bewerten: Entweder man vergibt zwischen einem und fünf Sternen und/oder schreibt einen Kommentar. Weiter lassen sich Kommentare mit Herzchen bestätigen und auch detaillierte Bewertungen sind möglich: Dafür sind 24 Fragen zu beantworten.

In der Liste von Vermietern – sie wird ständig ergänzt – ist auch die Limmat Bau-, Treuhand- und Verwaltungs AG aus Schlieren vertreten. Sie wurde bisher einmal bewertet, mit nur einem Stern. Als die Limmattaler Zeitung den Geschäftsführer Yannick Tanner anruft, gibt er sich fünf Sterne. Zack, der Durchschnitt steigt auf drei Sterne. «Das zeigt, wie wenig aussagekräftig dieses Portal ist», sagt Tanner.

Es sei problematisch, wenn Nutzer anonym und ohne Begründung Sterne verteilen können. «Wenn wir nicht wissen, warum wir schlecht bewertet werden, können wir uns gar nicht verbessern», sagt er. Weiter müsse abgeklärt werden, ob die Seite in Bezug auf den Datenschutz überhaupt legal ist. «Wenn Immo-Vote das sicherstellt und ein faires Bewertungsverfahren einführt, dann ist es keine schlechte Sache», sagt Tanner. Heikel sei aber, dass manche Mieter ihre Vermieter grundsätzlich in ein schlechtes Licht rücken möchten: «Auch wenn keine objektiven Probleme vorliegen.»

Ein gutes Beispiel als Bewertungsportal sei Tripadvisor, auf das monatlich mehrere hundert Millionen User zugreifen. Wer dort ein Restaurant bewertet, muss total 17 zwingende Angaben machen und die Null-Toleranz-Politik gegenüber gefälschten Bewertungen anerkennen. Zudem sind dort anonyme Bewertungen ausgeschlossen.

Marcel Heim, der Mann hinter Immo-Vote, ist sich der Gefahren seines Portals bewusst. «Immo-Vote ist aus meiner sozialen Ader entstanden und soll keine schwarze Liste sein», sagt er. Zusammen mit Freiwilligen überprüft er regelmässig die Kommentare. Jene, die gegen den Datenschutz oder andere Vorschriften verstossen, werden gelöscht. «Wir mussten schon viele Kommentare löschen, in denen Namen von Verwaltungsmitarbeitern genannt wurden.»

Vertreter der Immo-Branche finden die Idee grundsätzlich gut, kritisieren aber die Umsetzung. So sagt zum Beispiel Peter Voser, Präsident des Hauseigentümerverbands Schlieren: «Wenn es transparent ist und sich Vermieter gegen ungerechtfertigte Bewertungen wehren können, ist das tolerierbar. Solange es anonym ist, bin ich aber skeptisch.»

Ganz gelassen vernimmt Christoph Ryter die Kunde vom neuen Bewertungsportal. Er ist Geschäftsleiter der Migros-Pensionskasse (MPK) mit Sitz in Schlieren, die schweizweit gut 12 000 Wohnungen vermietet. «Als Dienstleister bewegen wir uns nicht in einem geschützten Raum, sondern im Markt. Das ist immer mit einem gewissen Reputationsrisiko verbunden», sagt Ryter. Im Kontakt mit ihren Kunden werde die MPK ständig bewertet. «Mit Immo-Vote passiert das jetzt öffentlich. Das ist nicht absolut notwendig, aber man muss auch nicht allzu skeptisch sein. Vielleicht ergeben sich aus den Kommentaren Vorschläge, wie wir uns verbessern können», sagt Ryter.

Verbesserungswürdig ist auch Immo-Vote selbst, wie die Äusserungen aus der Immobilien-Branche zeigen. Auch technologisch gibt es noch Luft nach oben. «Jemand hat mir bereits angeboten, eine App zu entwickeln. Zuerst müssen wir aber die Website verbessern», sagt Marcel Heim, der pro Monat gut 600 Franken in das Portal investiert.

Mieterverband: «Einzelfall zählt»

Der Schweizer Mieterverband findet es zwar gut, dass jemand Transparenz zu schaffen versucht, unterstützt das Projekt aber nicht mit seinem Namen. «Wir haben selber schon oft diskutiert, ob wir ein Label für faire Vermieter verteilen sollen», sagt Generalsekretär Michael Töngi, «aber am Schluss zählt der Einzelfall. Auch gute Vermieter machen Fehler.» Zudem müsse der Mieterverband seine Unabhängigkeit garantieren.

Laut Marcel Heim wurden auf Immo-Vote schon über 1000 Sterne vergeben. 200 Nutzer haben das detaillierte Bewertungsformular ausgefüllt. Übrigens: Jeder Nutzer kann Immo-Firmen eintragen, die noch nicht auf der Liste vorhanden sind.