Slam-Poetry
Demotivationskünstler Nico Semsrott begeisterte das Publikum mit Zynismus

Slam-Poet Nico Semsrott hatte mit seiner zynischen «Demotivationskunst» einen durchschlagenden Erfolg.

Tobias Bolli
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Nico Semsrott kam als «Demotivationstrainer» nach Dietikon.

Nico Semsrott kam als «Demotivationstrainer» nach Dietikon.

Tobias Bolli

Er tritt mit schwarzem Pullover mit Kapuze auf die Bühne. Dahinter versteckt sich ein bleiches, an Traurigkeit gewohntes Gesicht. Fern davon, seine Kapuze während des Auftritts einmal zurückzuschlagen, wird er sie sich nur dann und wann noch tiefer über die Stirne hinabziehen. «Ich bin als Demotivationstrainer hier», stellt Nico Semsrott, der allenthalben gefeierte Kabarettist und Slam-Poet, klar. Darauf verstehe er sich am besten. Nicht von ungefähr heisst der Name seines Programms: «Freude ist nur ein Mangel an Information».

Es war kein typischer Kabarettist, der an diesem Freitagabend Dietikon beehrte. Und trotzdem – oder vielmehr gerade deswegen strömte das Publikum zu ihm. Der Andrang war so gross, dass die Vorstellung spontan vom Stadtkeller in das Stadthaus verlegt werden musste. Hier fanden sich auch viele Jugendliche ein, willig, sich von Semsrott in virtuoser Manier «demotivieren» zu lassen.

Er hoffe sehr, sagt Semsrott, nicht aus seiner Rolle zu fallen. Und so wolle er sich denn verpflichten, für jeden Anflug eines Lächelns zehn Schweizer Franken der Jungen SVP zu spenden. Solche Anflüge waren freilich öfter zu beobachten, worauf Semsrott innehielt, sich die traurige Maske sozusagen wieder zurechtrückte, und zehn Franken von einer in die andere Hosentasche wandern liess.

Der erste Teil des Abends war vor allem der deutschen Politik gewidmet. Er sei sich bewusst, sagte Semsrott, dass diese die Schweiz nur bedingt tangiere. Trotzdem müsse er darüber sprechen – und sei es nur, um auf Kosten des Publikums ein bisschen Selbsttherapie zu betreiben. Das Publikum aber kam dabei keineswegs schlecht weg, geradezu eruptionsmässig bebte der Gemeindesaal immer wieder vor Lachen.

Oft musste man gerade deshalb lachen, weil viele von Semsrotts Beobachtungen eigentlich deprimierend waren. Den bemüht monoton vorgetragenen Pointen war ein Körnchen Wahrheit nicht abzusprechen. Und dieses Körnchen Wahrheit hätte einem im Halse stecken bleiben können – wenn man denn nicht so viel gelacht hätte.

Semsrott spulte nicht nur sein Programm ab. Er ging auch auf das Publikum ein und war sich für die eine oder andere Improvisationseinlage nicht zu schade. Als einmal jemand aus dem Publikum mit einem einzigen Klatscher aufwartete, kommentierte er: Das sei gerade genug, das genüge vollauf, mehr habe er nicht verdient.

Je böser, desto besser

Die zweite Hälfte des Abends behandelte das allgemeine Thema des Leider-leben-Müssens. Zur Illustration behalf er sich einer Präsentation, die seine demotivierenden Argumente auf möglichst einfache Weise darstellten. Anfang und Ende des Lebens, erklärte Semsrott etwa, liessen sich wie mit zwei Klammern markieren. Dazwischen erstrecke sich, wie man ja sehe, gähnende Leere. Nun wüssten sich die Menschen damit zu helfen, indem sie diese Leere mit «Quatsch» füllten.

Jemand oben auf der Pavian-Pyramide sage «Quatsch», worauf die anderen begeistert mit einstimmten. So funktioniere Gesellschaft. Das Publikum amüsierte sich höchlichst über diese so zynischen wie auf den Punkt gebrachten Analysen. Besucherin Rahel Spengler etwa meinte: «Je böser, desto besser!», und fühlte sich dementsprechend von Semsrott wunderbar angesprochen. Oliver Dutack aus Dietikon gab zu Protokoll, er sei «erfolgreich demotiviert worden». Seine Gesichtszüge zeigten, dass er sich diese Art der Demotivation gerne gefallen liess.

An diesem Abend in Dietikon hat Nico Semsrott demonstriert, dass Humor gerade dann besonders mächtig ist, wenn ihm ein kühler Blick auf die Gegebenheiten des Lebens vorangegangen ist. Wenn er sich ganz unerschrocken mit dem auseinandersetzt, was ist. Dann spielt sein Zauber, und selbst die demotivierendsten Nachrichten wandeln sich, durchlaufen eine wunderbare Verwandlung – und lassen uns nur noch auflachen.