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Demenzabteilung Ruggacker: Ein Leben im Hier und Jetzt

Es ist Mittagszeit auf der Demenzabteilung des Dietiker Alters- und Gesundheitszentrums Ruggacker. Es gibt Suppe oder Salat, Cordon bleu mit Spinat und Pommes, zum Dessert Apfelmus. Es ist friedlich, aber still, die Bewohner reden nicht miteinander.

«Wo ist mein Teller?», ruft Frau Schulz* und schaut missmutig in die Runde ihrer suppenlöffelnden Mitbewohner. Herr Moser im Rollstuhl winkt eine Betreuerin heran, er will herumgeschoben werden. «Wo wollen Sie denn hin?», fragt sie. Herr Moser schaut sie über die Schulter nachdenklich an und knetet seine Finger. «Ich habe kein Ziel», sagt er dann.

Auch Frau Schulz ist wieder zufrieden, stochert in ihrem Salatteller. Frau Voser isst alles gleichzeitig. Mit links das Fleisch, mit rechts das Mus. Als sie merkt, dass sie beobachtet wird, winkt sie freundlich.

Seit knapp zwei Wochen ist die Demenzabteilung im Ruggacker belebt. Es ist eine geschlossene Abteilung; für die Tür zum Treppenhaus braucht man einen Code, für den Lift muss man zwei Tasten auf einmal drücken.

19 Plätze stehen zur Verfügung

19 Plätze stehen zur Verfügung, 14 sind bereits belegt. Es gibt vier Einzelzimmer, in den anderen wohnen die Bewohner mindestens zu zweit. Diese offenen Wohnformen sollen die Dementen den Alltag miterleben lassen, auch wenn sie nicht mehr aktiv daran teilnehmen können oder wollen.

Hier leben unter anderem Demente, die weglaufgefährdet oder verhaltensauffällig sind. Also beispielsweise solche, die schnell wütend werden oder schreien, vereinzelt übersteigerte Sexualwünsche haben.

Architektonisch ist die Abteilung so angelegt, dass die Dementen einen Rundgang machen können; vom Aufenthaltsraum über die Terrasse, vorbei an Hochbeeten, hinein in den Korridor und wieder herum. Das ist wichtig. «In gewissen Stadien der Krankheit überkommt die Betroffenen ein Bewegungsdrang», sagt Karin Ament, Leiterin Pflege und Betreuung.

Das Kreuzworträtsel

Frau Schaffner sitzt auf dem Sofa. Neben ihr klappern die anderen mit dem Besteck, sie löst lieber Kreuzworträtsel. Das ist in Ordnung so. Wer nicht will, muss nicht. Bis zum Mittag im Bett bleiben, warum nicht? Danach im Pyjama herumlaufen und zwei Teller Pommes frites essen, kein Problem.

Auch zum Duschen wird niemand gezwungen, bloss im richtigen Moment dazu überredet. «Bei uns gleicht keine Stunde der anderen, geschweige denn ein Tag», sagt Berina Duric, Fachbereichsleiterin in der Demenzabteilung, und lacht.

«Wir lassen die Bewohner ihren eigenen Rhythmus leben», ergänzt Ament. Eine Philosophie, die nicht nur für die Demenzabteilung, sondern für das ganze Haus gilt.

Wer von der Pflege- in die Demenzabteilung kommt, wird von der AGZ-Leitung mitsamt dem Team, dem Hausarzt und den Angehörigen besprochen. Es ist keine einfache Entscheidung – für keinen der Beteiligten. Die Diagnose Demenz verunsichert, macht traurig.

Wie lange lässt man Dementen Freiheit?

Danach drängen sich Fragen auf. Wie lange lässt man einem Dementen seine Freiheit? Ab wann gefährdet er sich selbst, vielleicht sogar Dritte? Kann man den dementen Bewohner von der Pflegeabteilung, von den vertrauten Menschen wegholen?

Die Zimmer sind grosszügig gestaltet und hell, die Fensterfronten reichen vom Knie bis zur Decke. Die Betten sind sauber gemacht, gelbe Bettwäsche.

Gelb sind auch die Wände und die Schränke, sonnenblumengelb. Auf den Nachttischen stehen vergilbte Hochzeitsfotos, Blumenvasen, Handcremetübchen, daneben gefütterte Finken. Auf einem einzelnen Sessel sitzt ein Teddybär. Mehr ist da noch nicht.

Diese Tristesse macht irgendwie traurig, trotz Sonnenblumengelb. Karin Ament kennt das. Deprimierend wirke es aber nur auf die Besucher, sagt sie.

Einem Demenzkranken spiele es keine Rolle, ob sein Stübli komplett eingerichtet ist. Für ihn wird Materielles sekundär. Was ihn freut, sind kleine Sachen. Ein vertrauter Stuhl. Eine Tasse, die er kennt. Ein Album, in dem er blättern kann.

Sehr ausgeprägt ist bei Demenzkranken die Emotionalität. «Wir müssen den Bewohnern Orientierung und ein gutes Gefühl geben», sagt Duric.

Einfach anstrahlen und er strahlt zurück

So, wie bei Signor Ruggieri beispielsweise, der in einem italienischen Dialekt sprich, den niemand versteht. «Es reicht schon, ihn anzustrahlen und für ihn da zu sein. Und er strahlt zurück.»

Doch so herzlich Demenzkranke sein können, so böse können sie auch werden, andere bis aufs Blut beleidigen. Das macht es für die Pflegenden manchmal schwer, die Arbeit ist enorm anspruchsvoll.

«Man darf einfach nie beleidigt sein», sagt Duric und lacht. Wer in ihrem Team arbeitet, muss flexibel sein und Einfühlungsvermögen haben.

Auch das Distanzverhalten ändert sich, die Betreuerinnen sind aus Sicht der Dementen Teil der Familie. «Das müssen Leute sein, die das wollen», sagt Ament, fügt aber an, wie beglückend die Arbeit mit Dementen gleichzeitig sei.

«Wir Gesunden trauern Vergangenem hinterher und planen ständig an unserer Zukunft herum. Demenzkranke zwingen uns, im Hier und Jetzt zu leben. Das tut gut.»

* Die Namen sämtlicher Bewohner wurden durch die Redaktion geändert.

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