«Jetzt ist er ein Es», sagt Manuela Rapp und blickt auf den Behandlungstisch. Ihr Mann, Tierarzt Jann Rapp, braucht nur wenige Minuten, um die Hoden von Kater Jilly zu entfernen. In seiner Urdorfer Kleintierpraxis gehört dieser Eingriff zum Alltag. Nicht üblich ist jedoch die Präsenz von vier neugierigen Kindern, die Rapp über die Schulter schauen.

Im Rahmen des nationalen Zukunftstags, der jedes Jahr im November stattfindet, durften gestern vier Jungen und ein Mädchen den Familienbetrieb besuchen. Jann und Manuela Rapp sollen, so will es das Projektmotto «Seitenwechsel für Mädchen und Jungs», vor allem die drei jungen Herren für den Tierarztberuf begeistern.

«Innerhalb von einer Generation wurde die Tiermedizin von einem Männer- zu einem Frauenberuf», sagt Jann Rapp. «Ideal wäre aber ein gleichmässiges Verhältnis zwischen den Geschlechtern.»

Adieu Männlichkeit

«Kennt ihr den Unterschied zwischen Kastration und Unterbindung?», fragt der Tierarzt. Schweigen. «Beim Ersten werden die Eierstöcke oder Hoden operativ entfernt, beim Zweiten behalten die Tiere ihre Geschlechtsorgane, nur die Samen- oder Eileiter werden unterbunden», erklärt er.

«Was wird öfter gemacht?», fragt ihn der zwölfjährige Keyon. «Am häufigsten führen wir Kastrationen bei Katern und Kätzinnen durch», antwortet Rapp. Das seien auch die beliebtesten Tiere. Am zweithäufigsten in seiner Praxis sind Hunde anzutreffen, danach Hasen und Meerschweine.

Routiniert bindet Rapp nach der Verabreichung von Narkosemittel die Hoden von Jilly ab. Man sieht ihm an, dass er seinen Beruf seit über 30 Jahren ausübt. Das Skalpell, die Pinzette, der Nadelhalter liegen griffbereit dank der Assistenz seiner Frau. Sie beteiligt sich in der Praxis als Assistentin, Buchhalterin und Sekretärin seit fast drei Jahrzehnten. Die Partnerschaft in der Liebe dauert bereits 34 Jahre. Die Kinder schauen konzentriert Jann Rapp zu.

Er nimmt das Skalpell in die Hand und entfernt Jillys Männlichkeit endgültig. «Ich will es gar nicht sehen», sagt die zehnjährige Eileen zu Beginn der Prozedur. Schliesslich beäugt das neugierige Mädchen die Kastration dann aber doch. «Ich bin hierhergekommen, um Verschiedenes zu erleben», sagt sie. «Einen Tag lang nur zuzuschauen, wie Tiere geimpft werden, wäre langweilig.»

Jann Rapp will von den Kindern wissen: «Was mache ich in der Praxis am meisten?» «Impfen?», fragt der elfjährige Jonathan. «Auch. Aber vor allem spreche ich mit den Besitzern», sagt Rapp. Der Kontakt mit den Tierbesitzern sei der Grund gewesen, weshalb er Tierarzt geworden sei.

«Die Humanmedizin hat mich auch interessiert, aber ich wollte den hierarchischen Strukturen entfliehen», erklärt er. Die berufliche Selbstständigkeit sei ihm auch wichtig. «Natürlich habe ich Tiere gern. Aber ich will den jungen Besuchern erklären, dass Tierärzte vor allem mit Menschen zu tun haben», sagt Rapp. Deswegen sei der Umgang mit den Kunden sehr wichtig.

Für die Tiere sei er sowieso immer der Böse. «Wenn ich in Urdorf herumlaufe, und mich ein Hund sieht, macht er automatisch einen Bogen und geht mir aus dem Weg», sagt er.

Auf den Kopf gestellt

Nun kommt die Katze Funny an die Reihe. «Das kann einige von euch erschrecken», warnt Manuela Rapp. Nach der Narkose wird das weiche Haar an Funnys Bauch abrasiert. Rapp bindet ihre hinteren Pfoten an den Tischecken fest und stellt die silbrige Tischablage senkrecht. Die Katze hängt nun kopfüber am Tisch.

«Das kann brutal wirken. Aber so rutschen die Organe leicht nach vorne und stehen nicht im Weg, wenn ich die Eierstöcke herausnehme», erklärt Jann Rapp. Er gestalte die Operationen möglichst tierschonend, sagt er. Mit erfahrener Leichtigkeit schneidet er einen Zentimeter langen Schlitz in ihren Bauch. Gezielt angelt Rapp die kleinen Eierstöcke heraus.

Erstaunt und teilweise etwas angeekelt schauen die Schüler zu. «Ich habe eine Operation noch nie persönlich verfolgt», sagt Keyon. Die erste Live-Kastration wird ihm bleiben.