Urdorf
«Dem Präsidenten hört man besser zu»

Ernst Spillmann (SP) war vor 34 Jahren der letzte Präsident des Kantonsrats aus dem Limmattal. Im Zuge der Wahl von Brigitta Johner haben wir ihn zu einem Interview getroffen.

Alex Rudolf
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Der heute 84-jährige Ernst Spillmann beim Empfang Brigitta Johners vom Montag.

Der heute 84-jährige Ernst Spillmann beim Empfang Brigitta Johners vom Montag.

EMANUEL PER FREUDIGER

Herr Spillmann, als Sie vor 34 Jahren zum letzten Kantonsratspräsidenten aus dem Bezirk Dietikon gewählt wurden, wie wurde dies damals gefeiert?

Ernst Spillmann: Im Kantonsrat in Zürich war die Prozedur eigentlich gleich wie bei Brigitta Johner. Wir fuhren – auch mit einem Extrazug – nach Schlieren. Dort empfingen uns Gemeindevertreter und Vereine. Danach ging es weiter ins Kirchgemeindehaus nach Dietikon, wo uns ebenfalls Gemeindevertreter in Empfang nahmen. In Urdorf gab es schliesslich einen Umzug, den ich in einem Rolls Royce anführte.

Ein Rolls Royce? Waren die Festlichkeiten also ein bisschen extravaganter als sie es bei der Feier für die neue Kantonsratspräsidentin Brigitta Johner (FDP, Urdorf) am Montag waren?

Das würde ich nicht sagen. Sie durfte dafür einen Zug einweihen.

Aber auch bei Ihnen waren alle Vereine auf den Beinen?

Ja. Es war ein spezielles Erlebnis.

Wie fühlten Sie sich, im Mittelpunkt zu stehen?

Ich hatte bereits einige Feierlichkeiten miterlebt. Daher wusste ich, was mich erwartet. Trotzdem habe ich mich gefreut.

Welchen Ratschlag würden Sie Brigitta Johner für ihr Präsidialjahr geben?

Meine Zeit im Kantonsrat ist zu lange her, um Ratschläge zu erteilen. Ich glaube, sie wird dies auch ohne meine Ratschläge gut machen. Sie wirkt souverän.

Hätten Sie damals gedacht, dass Sie es noch erleben, dass der Kanton von Frauen regiert wird? Der kantonalen Legislative und Exekutive, sowie Stadtzürcher Gemeinde- und Stadtrat stehen Frauen vor.

Nein, das hätte man nicht gedacht. Vielleicht sind diese Gremien in Zukunft auch wieder einmal ausschliesslich vom Männern präsidiert.

Trotzdem ist es etwas Spezielles?

Ja. Es erfreut mich sogar. Der allererste Vortrag, den ich in meinem Leben gehalten habe, war ein Plädoyer für das Frauenstimmrecht. Während meiner Zeit in der kaufmännischen Lehre versuchte ich, meinen männlichen Mitschülern dies schmackhaft zu machen.

Wie reagierten diese damals darauf?

Die Mitschüler waren kritisch. Der Lehrer gab mir damals aber eine gute Note (lacht).

Zurück zu Ihrem Präsidialjahr. Was war die grösste Herausforderung, die Sie zu bewältigen hatten?

Im Jahr 1980 fanden in Zürich grosse Krawalle statt. Diese behandelten wir an einer Kantonsratssitzung. Die ganze Zuschauertribüne war voll – von vermeintlichen Krawallmachern. Diese wurden beim kleinsten Mucks von der Polizei in die Schranken gewiesen. Ein besonders aggressiver Zuschauer, ein grosser Mann mit Hosenträgern, ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Die Stimmung wurde aufgeheizter, sodass ich die Sitzung eigentlich hätte vertagen müssen.

Was taten Sie stattdessen?

Zum Glück kam bald die Mittagspause. Ich vermutete, dass die Zuschauer am Nachmittag wieder aufkreuzen würden. Doch sie gingen in den Mittag und kamen nicht mehr zurück. Hätte ich die Tribüne räumen lassen müssen, hätte es vor dem Rathaus wahrscheinlich Streitereien gegeben.

Wie kann sich der Kantonsratspräsident für seine Heimatregion einsetzen?

Dies ist nicht an das Präsidialjahr geknüpft, denke ich. Vielleicht wird einem Kantonsrat, der das Gremium präsidiert, besser zugehört.

Wo könnte sich dies in Ihrem Fall gezeigt haben?

Ich setzte mich für die Gründung der Kantonsschule Limmattal und gegen den Waffenplatz Reppischtal ein. Die geknüpften Kontakte haben dabei geholfen.