An Silvester 1917 war es kalt in der reformierten Kirche in Weiningen. Der neu gegründete Kirchenchor Weiningen sang nicht gut. Damals hatte der Chor in der allgemeinen Begeisterung über die geglückte erste Weihnachtsfeier beschlossen, auch am Silvestergottesdienst in der Kirche aufzutreten.

Sieben Tage waren eine zu kurze Übungszeit, wie es in den Protokollen des Kirchenchors heisst, die Jakob und Doris Schildknecht für die Festschrift der hundertjährigen Jubiläumsfeier durchstöbert haben. «Doch wir lassen unseren Mut nicht sinken», schrieben die Mitglieder ins Protokoll.

Den Mut durften sie noch oft nicht verlieren, denn der Kirchenchor hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Krisen mit Dirigenten, schwankende Mitgliederzahlen und ein zu tiefer Männeranteil, aber auch viel Geselligkeit und lustige Anekdoten prägten die vergangenen hundert Jahre.

«Unliebsame Vorkommnisse»

Pfarrer Theodor Sieber, Dirigent, Präsident und Gründer, überliess sein Kind, den Kirchenchor, nach nur drei Jahren seinem Schicksal. Er verliess Weiningen, vermutlich, weil er die Pfarrstelle wechselte. Paul Hotz nahm sich 1921 des Dirigentenamtes an. Nachdem er aber zweimal unentschuldigt der Probe ferngeblieben war, übernahm seine Vertretung Fanny Biber das Amt. Sie sorgte für zehn Jahre Konstanz.

Sie hatte den Ruf, lieb und selbstlos zu sein. Sie spendete ihr gesamtes Gehalt, hatte aber Mühe, Ruhe und Disziplin in den Chor zu bringen. Am Ende tritt sie aber aufgrund von Unstimmigkeiten zurück, die in den Protokollen nicht näher erläutert werden. Nur vier Monate den Chor dirigiert haben 1937 Musikdirektor Dubs – in der Aufzeichnung ist die Rede von «unliebsamen Vorkommnissen» – und 1946 ein gewisser Herr Schmid – erwähnt werden «unruhige Zeiten». Seit seiner Gründung 1917 erlebte der Kirchenchor vierzehn Dirigenten.

Ein Mann, viele Frauen

Eine Berg- und Talfahrt haben auch die Mitgliederzahlen durchlaufen. Während sie unter Hotz und Biber von 65 auf 15 um mehr als das Vierfache zurückgingen, erholten sie sich unter Otto Stössel (1931–1937) wieder auf den Stand von über 40 Personen. 2006 setzte erneut ein Abwärtstrend ein, wie der Festschrift zu entnehmen ist. Heute zählt der Chor 28 Mitglieder. Die aktuelle Chorpräsidentin Barbara Haller stellt fest, dass sich zwar für Projekte von beschränkter Dauer Leute finden lassen. «Fest an den Kirchenchor binden wollen sich aber heute nur noch wenige», sagt sie.

Und dann ist da noch die Männerfrage. 1917 tobte der Erste Weltkrieg in Europa. An der Gründungsversammlung war Pfarrer Sieber denn auch der einzige Mann unter vielen Frauen und ihren Töchtern. Eine Generation später schreiben wir das Jahr 1940. Im Schatten des Zweiten Weltkrieges werden Konzerte abgesagt, weil zahlreiche Männerstimmen und der Dirigent in den Aktivdienst eingezogen wurden.

Zum Glück halfen damals aber die Mitglieder des Töchter- und Frauenchors aus und so konnte manch ein Anlass gerettet werden, wie es in der Festschrift heisst. Heute herrscht zwar kein Krieg in Europa, die Männer sind im Chor aber weiterhin untervertreten. Drei singen Tenor und fünf Bässe, wie Haller sagt.

Abendunterhaltung

Dem Chor mangelte es in seiner Geschichte vielleicht an Männern, an Heiterkeit mangelte es ihm aber nie. Entgegen der Erwartung, dass früher strenge Sitten vorherrschten, bot der Kirchenchor ab 1934 Abendunterhaltungen an. So übernahm Dirigent Stössel in einem Theater die Rolle eines im Nachthemd mit brennender Kerze in der Hand auftretenden Pessimisten, der über die Welt jammert.

Bei einer anderen Abendunterhaltung des Kirchenchors beklagten die Chronisten, dass nur bis fünf Uhr morgens getanzt werden konnte. In der Niederschrift steht: «Immer wenn vier Äuglein einander so zufrieden zuleuchteten und ein stilles Glück verrieten, dann löschte gleich der letzte Takt dieses Glück wieder aus».

Aus dem Bett geholt

Eine andere Geschichte ereignete sich gemäss den Protokollen 1943. Weil einige Sänger für eine Chorreise nicht rechtzeitig aus den Federn kamen, wurden sie von den anderen Mitgliedern unschön aus dem Bett geholt. Haller: «Heute geht es ruhiger zu und her», Aber nicht weniger gesellig: So gibt es neben der Jahresreise einen monatlichen Apéro, ein jährliches Spaghetti-Essen und den Chlaushöck.

Seit seinen Anfängen nicht geändert hat sich der Zweck des Kirchenchors. Nämlich die Pflege alter wie neuer Kirchenmusik. Zum hundertjährigen Jubiläum am kommenden Wochenende singt der Kirchenchor denn auch klassische Musik wie Haydn oder Bach, aber auch Gospel aus dem Film «Sister Act». Und an Weihnachten soll sich ein Kreis schliessen: Dann singt der Chor dasselbe Lied, das er schon bei seinem ersten Weihnachtsgottesdienst als erstes gesungen hat. Es handelt sich dabei um ein dreistrophiges Weihnachtslied von Joseph Ignatz Claus und Rudolf Lassel.