Limmattaler Zeitung: Frau Hove, in der «Voice-Äpp», an deren Entwicklung sie massgeblich beteiligt waren, werden Dialekte anhand von 15 Wörtern lokalisiert. Nach welchen Kriterien haben Sie diese ausgesucht?

Ingrid Hove: Wir haben Wörter verwendet, die Dialekte gut lokalisieren. Beispielsweise das Wort schneien; es wird im Norden der Deutschschweiz anders ausgesprochen als im Süden. Es dient demnach der Nord/Süd-Kategorisierung. Andere Wörter bestimmen dann die Ost/West-Abstammung und so weiter. Sie alle stammen aus dem Sprachatlas der deutschen Schweiz.

Wann wurde dieser Atlas erstellt?

Er wurde in den Vierziger- bis Sechzigerjahren von Schweizer Sprachwissenschaftern erstellt. Diese zogen umher und befragten die Leute: «Wie sagt ihr, wenn eine Kuh ein Kalb gebiert?» Die auf diese Art gesammelten sprachwissenschaftlichen Daten vergleichen wir mit denjenigen der App. Dies soll uns Aufschluss darüber geben, ob und wie sich die Mundart in den letzten 100 Jahren tatsächlich verändert hat.

Und, hat sie sich verändert?

Der Wortschatz einer Sprache verändert sich grundsätzlich schneller als ihre Laute. Die Dialekte grösserer Regionen wie Zürich, Basel und Bern strahlen auf kleinere Regionen aus. Nehmen wir als Beispiel das Wort «Bütschgi» für Apfelkerngehäuse. Während es früher vor allem in Zürich benutzt wurde, haben einige Regionen ihre ursprünglichen Begriffe, wie «Bäxi» oder «Bäck», dadurch ersetzt. Die Laute und Formen der verschiedenen Dialekte sind jedoch grösstenteils gleich geblieben.

Heisst das, die Dialekt-Vielfalt in der Schweiz ist bedroht?

Die Grenzen kleinräumiger Dialekte tendieren tatsächlich dazu, an Deutlichkeit zu verlieren. Heutzutage lassen sich manche Dialekt-Wörter weniger genau einer bestimmten Region zuzuordnen als noch vor 50 Jahren. Im Gegenteil dazu ist der Kontakt zwischen den Regionen dem Schweizerdeutschen als Ganzem sehr zuträglich. Durch die erhöhte Mobilität, sowie Fernsehen und Radio, verstehen sich Personen aus anderen Dialektgebieten untereinander immer besser, was die schweizerdeutsche Sprache als Ganzes stabilisiert.

Tragen Initiativen wie «Mundart im Chindsgi» zum Erhalt des Schweizerdeutschen bei?

Solche Initiativen sind für den Dialekt selbst irrelevant. Darin geht es mehr um politische und soziale Fragen, die Sprachform selbst wird durch solche Entscheide nicht beeinflusst.

Gibt es andere Möglichkeiten, Dialekte aktiv zu bewahren?

Wer das möchte, kann das tun, indem man bestimmte ältere Ausdrücke bewusst in den Wortschatz aufnimmt. Ich finde aber, wir sprechen, um zu kommunizieren, nicht um die Sprache zu konservieren. Wir sind keine wandelnden Museen.

Was charakterisiert beispielsweise den typischen Limmattaler Dialekt?

Ein typisches Limmattaler Sprachmerkmal fällt mir spontan nicht ein. Der Dialekt ist stark vom Zürichdeutsch geprägt. Er lässt sich weniger markant abgrenzen als gewisse Dialekte aus geografischen Randregionen. Das heisst aber nicht, dass es keine Eigenheiten im Sprachgebrauch gibt. Aufgrund der grossen Mobilität und weil die Region zwischen den Städten Baden und Zürich liegt, trifft man im Limmattal auf verschiedene Dialekte.

Das Limmattal ist eine Region mit einem relativ hohen Ausländeranteil. Hat diese Tatsache einen direkten Einfluss auf den Dialekt?

Generell ist es schon möglich, dass Muttersprachler den sogenannten Ethnolekt, also jenen Dialekt, den einige Ausländer und Secondos sprechen, teilweise übernehmen. Dies beschränkt sich jedoch meistens nur auf einzelne Gruppierungen und bestimmte Situationen. Am häufigsten betrifft dies Jugendliche, deren Sprache sich sowieso ständig verändert.

Die meisten neu gelernten Wörter werden jedoch bereits nach kurzer Zeit wieder aus dem Wortschatz gestrichen. Dass sich das Sprachverhalten einer ganzen Region wie dem Limmattal aufgrund von Zuzügern aus anderen Ländern nachhaltig verändert, ist aber unwahrscheinlich.

Warum wird in der Schweiz überhaupt noch Dialekt gesprochen, während in Deutschland die Standardsprache dominiert?
Die Tatsache, dass in der Schweiz immer noch Mundart gesprochen wird, ist ein historischer Zufall. Im 18. und 19  Jahrhundert hatte sich das sogenannte Hochdeutsch als Alltagssprache in Deutschland ausgebreitet, und zwar tendenziell von Norden nach Süden. Diese Entwicklung war zu Beginn des 20. Jahrhunderts sogar in Basel und Zürich angekommen.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs distanzierten sich die Schweizer jedoch bewusst von Deutschland und behielten ihre Dialekte bei. War man vor etwas mehr als hundert Jahren noch davon überzeugt, dass sich die Standardsprache auch in der Schweiz als Alltagssprache durchsetzen würde, ist eine Abwendung vom Schweizerdeutschen heutzutage nicht in Sicht.

Oft sind Einheimische einer bestimmten Sprachregion davon überzeugt, dass ihr Dialekt der verständlichste ist. Gibt es wirklich einen Dialekt, den man besser versteht?

Die sogenannten höchstalemannischen Dialekte, die in Bergregionen wie dem Wallis gesprochen werden, sind sicher am weitesten von der Schriftsprache entfernt. Grundsätzlich ist Verständlichkeit aber eine ideologische Sache. Wer verstanden werden will, ersetzt exotische Wörter durch besser verständliche. Auch eine deutliche Aussprache trägt zum Verständnis bei.