Trendsportart
Das Ziel des Kletterns: Aus der Komfortzone ausbrechen

Kletterhallen sind bestens gefüllt, die Trendsportart erfreut sich grosser Beliebtheit. Wir haben uns trotz weicher Knie ins Abenteuer gestürzt, um der Faszination des Sports auf den Grund zu gehen.

Anina Gepp (Bild und Fotos)
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Endlich geschafft: Der Blick von oben belohnt für die Mühen.

Endlich geschafft: Der Blick von oben belohnt für die Mühen.

Anina Gepp

Im Kletterzentrum Gaswerk in Schlieren suchen ehrgeizige Kletterer ihre Grenzen und wachsen über sie hinaus. Trainer Martin Ubaldo Montes De Oca Luna sagt, sie kämen, um den Kick zu verspüren. Wir haben uns an einen Selbsttest gewagt, um herauszufinden, wie weit man tatsächlich geht, wenn die eigenen Knie immer weicher werden.

Der Knoten am Sicherheitsgurt sitzt sicher, der Karabinerhaken ist fest verschlossen. «Auf was wartest du noch», sagt Martin Ubaldo Montes De Oca Luna und nickt mir aufmunternd zu. Er fand vor fünf Jahren zum Klettern, hat vor zwei Jahren angefangen im Kletterzentrum Gaswerk zu arbeiten und bietet seit kurzem Kurse für Kletterer an.

Ich werfe einen Blick hinüber zu meinem Nachbar, der sich flink seinen Weg über die kleinen Vorsprünge der Kletterwand nach oben bahnt. Er ist schon fast an der Decke angekommen, bis auch ich mich entscheide, die Herausforderung anzutreten.

Ohne sicheren Boden unter den Füssen

Die ersten Meter sind schnell überwunden. Solange die Füsse sicher stehen, fällt es leicht mit den Händen nach den nächsten Vorsprüngen zu greifen. Doch dann passiert es, mein linker Fuss rutscht weg und verliert den Halt. Ich stelle mich darauf ein zu fallen und kneife die Augen zusammen. Doch Montes De Oca Luna hält das Sicherungsseil fest im Griff, sodass es mich nach nur wenigen Zentimetern auffängt.

Nun hänge ich mitten in der Wand und sitze unbeholfen im Sicherungsgurt. Erstmals wage ich den Blick nach unten. Obwohl ich erst in der Mitte der Wand angekommen bin, lässt die Höhe meine Knie schnell zu Pudding werden. Montes De Oca Luna lässt mich lachend wieder auf sicheren Boden hinunter.

Unten angekommen will ich von Montes De Oca Luna wissen, was die Kletterer denn bis an ihre Grenzen und darüber hinaus gehen lasse. Sofort verbreitert sich sein Mund zu einem strahlenden Grinsen – er scheint in eigenen Erinnerungen an Erfolgserlebnisse zu schwelgen. «Jeder, der zum Klettern hierhin kommt, sucht den Kick», sagt er.

Das Ziel sei es, aus seiner Komfortzone auszubrechen und darüber hinauszuwachsen. Mit anderen Worten: Sich zu überwinden, weiter zu klettern, wenn die Knie weich würden. «Der Suchtfaktor ist gross. Zweifel, Angst und Unsicherheit werden von Motivation übermannt», sagt er.

Beim Klettern geht's um Willenskraft

Montes De Oca Luna führt mich in die weiteren Hallen des Kletterzentrums und gibt mir ein paar Eckdaten zur Lokalität. «Über 4000 Quadratmeter Kletterfläche, insgesamt 250 verschiedene Routen verteilt auf vier Hallen, Wände bis zu 17 Meter Höhe.»

Er fährt fort, doch seine Informationen gehen an mir vorbei. Ich bin bei den Sportkletterern hängen geblieben, die an überhängenden Wänden ihre Route suchen. «Die Muskeln sind irgendwann am Limit», sagt Montes De Oca Luna und zeigt auf einen Kletterer, der waagrecht in der Wand hängt. «Das ist der Zeitpunkt, wo der Verstand einsetzt.» Es gehe beim Klettern viel um Willenskraft.

Damit ich meine Unsicherheit überwinden kann, führt mich Montes De Oca Luna zur Abseilstelle. Wiederum befestigt er das Seil in meinem Karabinerhacken. Kurz darauf hänge ich auf Augenhöhe mit allen Kletterern in der Luft. Erstmals wird mir bewusst, was für ein Gefühl es sein muss, es bis hier oben geschafft zu haben.

Auf dem Boden sicher angekommen packt mich der Ehrgeiz. Montes De Oca Luna führt mich an eine Kletterwand im Freien. Ich solle die gelbe oder die blaue Route nehmen, meint er. Die seien für Anfänger am besten geeignet, da die Griffe grösser sind. Ich klettere Schritt für Schritt höher in der Wand und greife mit meinem Fingern nach den gelben Vorsprüngen. Nach unten schaue ich nicht, nur nach oben.

Kurz vor dem Ziel, verlässt mich der Mut. Ich gebe Montes De Oca Luna ein Handzeichen, mich wieder herunter zu lassen. «Du schaffst das, es sind nur noch zwei Meter», ruft er mir stattdessen zu.

Und in diesem Augenblick passiert wohl das, was Oca De Luna mit «aus seiner Komfortzone ausbrechen» meint. Ich nehme die letzten vier Vorsprünge und greife nach dem obersten Griff. Geschafft – ich bin tatsächlich ganz oben angekommen.