Schlierefäscht

Das «Zelt Abrahams» ist die ruhige Oase im Festgetümmel

Jürg Wildermuth (von links), Kurt Vogt und Matthias Merdan.huz

Jürg Wildermuth (von links), Kurt Vogt und Matthias Merdan.huz

Das Floss auf dem Weiher im Schlieremer Stadtpark ist ein multikultureller Farbtupfer auf dem Festgelände

Schon zum zweiten Mal ist das Schlierefäscht auch ein Ort der religiösen Begegnung. Dazu wurde auf dem kleinen Weiher im Schlieremer Stadtpark das «Zelt Abrahams» aufgebaut. Getragen wird das Projekt von der bosnischen Moschee sowie der katholischen und der reformierten Kirche. Die Gottesdienste und kulturellen Veranstaltungen, die an diesem speziellen Ort dargeboten werden, stammen jedoch nicht ausschliesslich von diesen drei in Schlieren ansässigen Religionsgemeinschaften. So haben in dem Zelt auch schon Hinduisten oder anatolische Alewiten Darbietungen organisiert und heute Abend wird das «Mount Olive Prayer Ministry» eine Gruppe afrikanischer Trommler nach Schlieren bringen.

«Das ‹Zelt Abrahams› ist ein Ort der Begegnung, an dem die verschiedenen Religionsgemeinschaften ihre kulturelle Vielfalt präsentieren können», umreisst Jürg Wildermuth, reformierter Pfarrer in Schlieren, den Zweck des Projekts. Dieser wird bereits mit dem Namen des Zelts ausgedrückt: «Abraham ist ein gemeinsamer Vorfahre von Judentum, Christentum und Islam», erklärt Wildermuth. «Im Buch Genesis der Bibel heisst es über ihn, er werde ein Segen sein für alle Völker. Das Verstehen wir als Aufforderung zur interreligiösen Verständigung.»

«In der Mitte des Lebens»

Für Kurt Vogt, Pfarrer der katholischen Kirche Schlieren, hat die Präsenz der Religion inmitten des Festgetümmels auch symbolische Bedeutung: «Uns ist wichtig, dass Religion nicht nur mit Gottesdiensten und Liturgie assoziiert wird», meint er. «Sie findet in der Mitte des Lebens statt und ist daher genau richtig an diesem Ort.» Während des letzten Schlierefäschts, als die interreligiösen Veranstaltungen in den verschiedenen Gotteshäusern stattfanden, sei dies nicht ideal gewesen. «Wir mussten die Leute jeweils aus dem Festgelände herauslocken.»

«Es gibt bei den Leuten auch jetzt noch eine Hemmschwelle, das Zelt beim Vorbeigehen zu betreten», fügt Matthias Merdan, Pastoralassistent der katholischen Kirche, an. Doch wenn man einmal hier sei, biete das «Zelt Abrahams» eine willkommene Abwechslung: «Dies ist der vielleicht leiseste Ort auf dem ganzen Festgelände», sagt er und lacht. Wir streben ja auch keinen Massenandrang an, sondern bieten einen Ort für die Menschen, die mit Vertretern der verschiedenen Religionen ins Gespräch kommen wollen. Vogt hebt diesbezüglich die Botschaft des interreligiösen Dialogs hervor: «Wir wollen zeigen, dass wir miteinander arbeiten und nicht gegeneinander.»

Die Zusammenarbeit zwischen den Religionsgemeinschaften ist in Schlieren keine Neuigkeit. Laut Wildermuth geht sie noch auf die Zeit vor dem letzten Schlierefäscht zurück. An der Schule Kalktarren seien damals Veranstaltungen durchgeführt worden, welche die Schüler gegenüber den verschiedenen Religionen sensibilisieren sollten. Um der religiösen Vielfalt unter der Schülerschaft gerecht zu werden, waren bereits damals auch in Schlieren nichtansässige Gemeinschaften wie Tamilen oder Hindus beteiligt.

Doch nicht nur zwischen den Religionsgemeinschaften finden im «Zelt Abrahams» Begegnungen statt. «Auch mit Obdachlosen oder Sozialhilfebezügern, die im Stadtpark verweilen, kommen wir immer wieder ins Gespräch. Daraus ergeben sich oft sehr interessante Begegnungen», erzählt Pfarrer Wildermuth.

Für Wildermuth ist das «Zelt Abrahams» ein Erfolg. Einzig die Zugänglichkeit könnte seiner Meinung nach noch verbessert werden, sodass auch Laufkundschaft den Weg ins Zelt finden könnte. «Wenn man einmal dort ist, ist das Zelt ein Blickfang», meint der reformierte Pfarrer, «wir sind einer der wenigen nicht kommerziellen Orte am Schlierefäscht und immer wieder sind hier die schönsten Gewänder zu bestaunen.» Dennoch sei das Zelt von weitem diskret platziert. Wie man das Projekt im nächsten Jahr angehen werde, müsse aber erst noch besprochen werden.

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